Arch.Bernhard Oberrauch

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Zur Geschichte dieser Diplomarbeit

 

            Die Provinz Soria im Herzen Kastiliens (Spanien) liegt in einer reizvollen, sehr bewegten Landschaft. Das Einfache und Karge fasziniert Schriftsteller und Künstler.

Prof.Ernst HiesMayr hielt sich mehrere Sommer für ein paar Wochen in Medinaceli und den umliegenden Dörfern auf, um unter der Anleitung des Tiroler Malers Rainer Schiestl zu malen und zu zeichnen. [1] Die verfallenden Dörfer taten ihm leid und er fragte sich, ob die lokale Regierung ein Programm zur Erneuerung, zur Rettung dieser Dörfer hätte, zumal an mehreren Stellen Tafeln herumstanden mit dem Reizwort "revitalización".

            So fragte er mich, ob ich nicht daran interessiert wäre, die Gründe des Verfallens zu erforschen und nachzufragen, was sie mit dieser Provinz vorhätten.

 

Bild 1:

Die Provinz Soria (Region Castilla-Leon, Spanien)

 

 

            Im Juli 1990 fuhr ich also nach Soria, fotografierte, nahm einige der typischen Häuser auf, sammelte Statistiken, sprach mit vielen  Leuten und gewordenen Freunden, befragte Politiker, Beamte, Landwirte und Wirtschaftler.

            Die massive Auswanderung und der rasante Verfall der Dörfer hat bis jetzt allerdings nur Ratlosigkeit und Resignation, aber keine Konzepte hervorgebracht.

 

 


Bild 2:

 

A) Espejo de Tera

B) Navapalos

C) Abioncillo de Calatañazor

D) Arenillas

E) Sarnago

F) Velasco

 

            Die Provinz Soria ist  nur ein Beispiel der Krise und des Verfalls ländlichen Raumes, allerdings ein extremes. Hier hat die volle Industrialisierung erst vor ca. 15 Jahren eingesetzt . Für die Broschüre des internationalen Seminars "Eigenständige Regionalentwicklung" (20.-22. Juni 1990, Gruppe Angepaßte Technologie, Technische Universität Wien) faßte ich die Situation in Soria folgendermaßen zusammen:

 

Die Situation in Soria: eine Zusammenfassung

 

            "Soria (siehe Bild 1 und 2) ist eine hügelige und bergige Provinz mit einer durchschnittlichen Meereshöhe von 1000 m (Fläche: 10.000 km2; heute 97.268 Einwohner).

 


             Soria erlebte in der Geschichte sowohl arabischen, keltoromanischen als auch baskischen Einfluß, was man an den Gebäuden wie auch angeblich an der Mentalität der Leute feststellen kann. Baudenkmäler arabischen Ursprungs findet man heute noch viele, viele davon leider in katastrophalem Zustand. Baskische Einflüsse kann man angeblich am Individualismus der Sorianer sowie an einer Bauweise entdecken, die aus getrennten Eingängen und, sei es auch nur durch einen Spalt von 50 cm, getrennten Häusern besteht.

            Die Bevölkerung (siehe Bild 3) betrug 1900  150.462 Einwohner, erreichte 1950 ihr Maximum mit 161.182 Einwohnern und verminderte sich seither jedes Jahr um einen beträchtlichen Prozentsatz bis auf 97.268 Einwohner im Januar 1990. Die Hauptstadt Soria konnte zwar einen Zuwachs verzeichnen, von 7.151 Einwohnern (1900) auf 32.609 (1990), nahm aber trotzdem nur einen kleinen Teil der Abwanderung aus den Dörfern (pueblos) auf, wo von 143.311 Einwohnern (1900) nur 64.659 (1990) zurückblieben. Die meisten wanderten in die großen Städte wie Zaragoza, Barcelona und Madrid.

 

Bild 3:

Bevölkerungsentwicklung der Provinz Soria von 1900 bis 1990

 

Quelle: Amt für Statistik, Soria; eigene Auswertung

-1918 Grippeepidemie => 4 Jahre Rückgang der Bevölkerung

-1920 - 1930 öffentliche Bauten: Staudamm Cuerda del Pozo (1925) und Eisenbahn Burgos- Calatayud, Stahlbrücke, neuer Bahnhof

in Soria Stadt: Straßenpflaster, Wiederaufbau der Talsperre, Arbeiten an der Plaza de Toros, Erweiterung des Schlachthofs, Wasserleitung,...

=> auch viele Wohnbauten

-1936 - 1939  Bürgerkrieg -> Diktatur General Francos

-ab 1943  Beginn der Industrialisierung in anderen Provinzen, in Soria kein spezieller Ausbau des sekundären Sektors [2]

-1953  Beginn der Kommassierung

-1975  Tod General Francos -> Demokratie

-1990   von 477.000 ha sind 91% kommassiert [3]

 


Die Haupteinahmequelle bildet die Landwirtschaft. Vor ca. 15 Jahren wurde auch hier mit der Industrialisierung begonnen, weshalb heute ein enormer Maschinenpark die Menschenkräfte ersetzt, ja sogar zum Prestigeobjekt wurde.

 

Zum Vergleich: die Leistung eines Traktors in Spanien beträgt durchschnittlich 50 PS, die in der Provinz Soria 80 PS. In Soria wird hauptsächlich Weizen in Monokultur angebaut und mit Mähdreschern eingebracht, vereinzelt auch Sonnenblumen, weiters wird Fleisch produziert (speziell vom Schaf und Rind).

 

Bild 4:

 Beschäftigungszahlen 1988

 

Quelle: Amt für Statistik, Soria; eigene Auswertung

            Anhand der Zahlen im Bild 4 soll die bestehende ökonomische Lage veranschaulicht werden: Im Bereich Industrie arbeiten vor allem Kleinbetriebe, die das Holz der Kiefernwälder im Norden der Provinz verarbeiten. Zusätzlich gibt es in mehreren Dörfern und in der Hauptstadt einige wenige Bäcker, Müller, Mechaniker, Installateure, Tischler, Schlosser u.a., und zwei Betriebe, die Pilze verarbeiten.

 

Bild 5:

 

 


Bild 6:

 

            Im Bereich des Bauwesens wird zwar in der Hauptstadt und in den größeren Dörfern gebaut, in den vielen kleinen Dörfern aber verfallen sämtliche Häuser (siehe Bild 5-6). Einzelne Baudenkmäler werden zwar restauriert, andere hingegen verfallen völlig (siehe Bild 7- 8).

 

Bild 7:

Einstürzende Kirche in Velasco

 

 


Bild 8:

Decke arabischen Einflusses der Kirche in Velasco

 

 

Die Straßen sind und werden hingegen überraschend gut ausgebaut - es gibt viele breite Straßen, auf denen täglich vielleicht fünf Autos durchfahren.

Im Dienstleistungsbereich sind relativ viele Leute beschäftigt, vor allem in den unzähligen Banken, wo Geld, das nicht investiert wird, deponiert wird - und das ist viel.

 

In den größeren Dörfern sind Grundschulen vorhanden, die Oberschulen kann man hingegen an einer Hand abzählen, der einzige Zweig einer Universität in Soria wird in den kommenden Jahren aufgelassen. Arbeitslose, vor allem Jugendliche, gibt es heute viele, nicht alle sind als solche registriert.

 

Aus dieser Situation heraus sehen vor allem junge Menschen keine Zukunft in den Dörfern - es fehlt die Arbeit, die Weiterbildung und die kulturelle Attraktivität. Öffentliche Verkehrsmittel, wenn überhaupt vorhanden, funktionieren völlig unzureichend, sodaß die Dörfer völlig isoliert sind. Die Möglichkeit der zukünftigen Entwicklung Sorias werden sehr unterschiedlich eingeschätzt.

            Der Ökonom Emilio Ruiz (Soria), dessen Meinung ich mich auch persönlich anschließe, sieht die Perspektiven folgendermaßen:

            Die momentan herrschende und forcierte Zentralisation und Quantitätsbezogenheit der Produktion erzwingt die Ballung in großen Zentren (wie Madrid und Barcelona) sowie ein Verschmelzen bzw. Aufkaufen von Betrieben, was letztendlich zur Bildung von multinationalen Konzernen führt. Kurz gesagt - eine quantitätsorientierte Produktion fordert die Konzentration von wirtschaftlicher Macht, die legendäre freie Marktwirtschaft wird zum Schlachtfeld. Falls sich diese Orientierung in der EG nicht ändert, werden die meisten der 500 Dörfer in Soria, wenn überhaupt, nur mehr als touristische Erinnerungen bestehen bleiben. Eine Dezentralisation, eine qualitätsorientierte und diversifizierte Produktion hingegen, verbunden mit dem Ausbau der öffentlichen
Verkehrsverbindungen, könnten ein zeitgerechtes Leben in den Dörfern ermöglichen, und nur dadurch kann die architektonische Substanz bewahrt bleiben. Die Landwirtschaft wird auch weiterhin eine große Rolle spielen. Allerdings müßten Monokultur und Kunstdüngereinsatz einer Diversifikation und dem biologischen Anbau weichen. Weil fast keine Industrie vorhanden ist, sind Luft, Wasser (abgesehen von Nitraten) und Boden noch relativ sauber. Die Kräuterproduktion ist auf dieser Meereshöhe von ca. 1000m sicherlich eine von vielen anderen interessanten Alternativen.

Daß hauptsächlich Fleisch und Weizen produziert werden, ist schon vorher erwähnt worden. Daß so gut wie alle in Soria glauben, es gäbe keine Alternativen dazu, ist betrüblich. Es gibt zwar bis in den Mai hinein Frost, doch eine Studie über das Gebiet von Yanguas [4] , ein Dorf im Norden der Provinz Soria, besagt, daß für den Eigengebrauch früher auch Knoblauch, Zwiebel, Bohnen, Kohl, sowie auch Birnen, Äpfel, Pflaumen, Pfirsiche, Nüsse, Kirschen und Sauerkirschen geerntet wurden. Weiters wurde das Getreide auch im Fruchtwechsel mit Weide (Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde) angebaut.

            Da Yangue nicht besser liegt als der Rest Sorias, ist zu hoffen, daß Alternativen gefunden werden.

            Früher waren die meisten Bewohner der Dörfer in der Landwirtschaft beschäftigt, was heute nicht mehr möglich ist. Eine ökologisch orientierte, dezentralisierte Kleinindustrie könnte ebenfalls mit Diversifikation und Orientierung an Qualität sowohl den einheimischen als auch den europäischen Markt versorgen. Ins Auge springende Marktlücken sind vor allem Weiterverarbeitungen landwirtschaftlicher Produkte.

            Hier einige Beispiele: Yoghurt wird außerhalb der Provinz erzeugt, nämlich von den Konzernen Saintbury und Nestle, obwohl in Soria selbst genug Milch produziert wird (siehe Bild 9). Vollwertprodukte sind zwar gefragt, werden aber kaum bzw. zu stark überhöhten Preisen angeboten (ist gesunde Ernährung nur eine Modeerscheinung der Elite?).

Bild 9:

Milchproduktion in Soria

 

Quelle: Amt für Statistik, Soria; eigene Auswertung

            Sobald es wirtschaftliche Aktivitäten in den Dörfern gibt, entstehen auch Dienstleistungsbetriebe, kurzum, die Dörfer werden wiederbelebt. Sobald Leute im Dorf leben, sind auch kulturelle Aktivitäten kein Problem mehr - die Attraktivität steigt. Sobald die öffentlichen Verkehrsmittel gut funktionieren, kommen die Dörfer auch aus ihrer Isolation heraus, was anders ausgedrückt heißt: das, was die Stadt, speziell die Großstadt, so anziehend gemacht hat, nämlich soziale Kontakte, können die Dörfer dann auch bieten.

 


Nun ein paar Worte zu den Vorstellungen von Politikern und in der Verwaltung arbeitenden Menschen.

 

Efren Martinez Izquierda vom Partido Popular (PP), der in Soria regierenden Partei, vertrat vor allem die Ansicht, daß es wichtig sei, Straßen herzurichten und zu asphaltieren, Wasserleitungen zu schaffen, Wände für eine Art Squash zu bauen und Schulen als Gemeinschaftszentren herzurichten. Die Leute in Soria hätten zwar Geld (mehr landwirtschaftliche Fläche reicht für weniger Leute), die Verwaltung dagegen nur wenig, weil das Geld nach der Bevölkerungszahl von der Zentralregierung zur Verfügung gestellt wird. Es stünden für die ca. 500 Dörfer nur ca. 600.000 - 700.000 Pts. zur Verfügung, daher könne man auch nicht mehr machen. Es habe Studien über die Diversifikation in der Landwirtschaft gegeben, aber die Bauern wollten nicht.

In den 70er Jahren gab es Kooperativen, die sich aus Individualismus auflösten. Er würde gerne in Soria Strukturen für einen Tourismus für reiche Leute schaffen, eben einen "Qualitätstourismus", und keinen Massentourismus. Es gebe genug Attraktionen, besonders die vielen Baudenkmäler und die Natur.

 

Elias Arribas, der Generalsekretär des PP, würde sich vor allem für mehr Subventionen für die Landwirtschaft einsetzen, auch die Strukturen verbessern und wirtschaftliche Aktivitäten fordern. Ein Programm zur Rettung der verfallenden Dörfer habe er aber nicht. Angesprochen auf das Projekt eines nuklearen Forschungszentrums in Nubia, das 1980 bestand, aber von den Sozialisten blockiert wurde, als sie die Mehrheit in der Zentralregierung erlangten, meinte Arribas, daß der PP weder dafür noch dagegen sei, obwohl man die Kernkraft aufgrund der Energieimporte Spaniens nicht aus dem Auge verlieren dürfe.

Ich vermute, daß dieses Projekt noch in einigen Köpfen des PP spukt, daß diese unter anderem deshalb der Entvölkerung beinahe tatenlos zusehen, denn wo wenig Leute wohnen, gibt es auch wenig Proteste. Wie gesagt, ich vermute, "denn beweisen kann man` s nicht" (Lied von Mackie Messer).

 

Carlos la Carcel vom Partido Socialista Obreros Españoles (PSOE) meinte unter anderem (als Privatmann, nicht als Politiker des PSOE), daß es wichtig sei, Strukturen zu verbessern, damit die Leute in den Dörfern blieben. Momentan gebe es mehr Sorianer je in Zaragoza, Madrid und Barcelona als in Soria selbst. Allerdings kämen viele von diesen in den Ferien in die Heimatdörfer zurück, zu denen eine tiefe emotionale Bindung bestehe.

 

Bild 10:

Wiederkehr im Sommer in Sarnago

 

 


Antonio Ruiz von der Union Castellanista und Antonio Martin vom Centro Democratico y Social (CDS) haben um einiges klarere Vorstellungen, die in Richtung Qualität, Diversifikation und Dezentralisierung gehen. Deren Parteien sind allerdings in der Opposition, wodurch diese Ideen auch nicht verwirklicht werden können. Es läßt sich leichter reden als handeln.

 

            Es gibt einige wenige Projekte zur Wiederbelebung von Dörfern, bis jetzt nur Einzelfälle, trotzdem aber ein wichtiger Anfang.

In Espejo de Tera (siehe Bild 11) wurde das Dorf von Leuten wieder aufgebaut, die ihre tägliche Arbeit in Soria verrichten. In der Mehrheit also Pendler, die in der Stadt arbeiten und im Dorf leben.

 

Bild 11:

 

 

            In Navapalos (siehe Bild 12, 13) baut der deutsche Architekt Erhard Rohmer [5] das vorher völlig verlassene und verfallene Dorf zu einem Experimentierzentrum für Lehmbauten auf. Dort finden nun Workshops, Seminare und Tagungen zu Themen, wie Lehmbau, Wohn-Ökologie, erneuerbare Energien, angepaßte Technologie, ökologische Landwirtschaft und ganzheitliche ländliche Entwicklungen statt.

 


Bild 12:

 

 

Bild 13:

 

 

In Arenillas  gibt es einige Bemühungen, das Dorf (land)wirtschaftlich und kulturell wiederzubeleben [6] . In Abioncillo de Calatañazor (siehe Bild 14, 15) gibt es ein sehr interessantes Projekt, das ich kurz vorstellen möchte.  Eine Gruppe von jungen Lehrern hat sich 1983 zur "Cooperativa del Rio" zusammengeschlossen und wieder Leben nach Abioncillo gebracht [7] . Seitdem werden hier Kurse abgehalten wie Spanischkurse, Kurse über Botanik, Zoologie, Ökologie, lokale Ökonomie, Archäologie, Soziologie,
 Volkskunde, Volksarchitektur, Kunsthandwerk, Textilien, Kunstgeschichte, Fotografie, Gastronomie, Spiele und Musik u.ä. Die Kooperative hat ihre Einrichtungen ständig erweitert und verfügt nun über eine Bibliothek, ein volkskundlich- archäologisches Museum, Zeitungsdruck, einen kleinen Radiosender, Video, 16 mm- Film, Diaprojektoren, Arbeitsräume, Laboratorien, Einrichtungen für die Unterkunft und Verpflegung von 50 Personen.

Die Lehrer sind ein liebevolles Team, pädagogisch fähig, beherrschen einige Fremdsprachen, sind unternehmungslustig, was sich auch in ihren vielfältigen Exkursionen auswirkt. Mögliche Ziele sind

Archäologische Fundstätten (paläolithisch, neolithisch, keltiberisch und römisch); mittelalterliche Dörfer und Festungen: Die besondere romanische Kunst im Inneren Sorias; Orte traditioneller Magie; Gregorianische Gesänge in einem Kloster; Schluchten, Wege und Pfade (mittelalterlicher Viehtreiber); Höhlen und Gebirge; urheimische Wälder (Sadebaum, Steineiche); verlassene Dörfer; sorianische Hochlandebenen.

 

Bild 14:

 

 

Bild 15:

 

 

Abschließend wage ich die Behauptung, daß die Provinz Soria als ein Beispiel (wenn auch ein extremes: sie ist die am dünnsten besiedelte Provinz Westeuropas) für allzuviele Gegenden der Welt gelten kann. Trotz
 der katastrophalen Lage, in der sie sich befindet, haben doch einige der dort lebenden Menschen ein paar der vielen Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt und zu beschreiten versucht, und andere werden folgen."
[8]

 

Ein Ansatz: ein international - lokales Seminar zur Regionalentwicklung

 

            Im Oktober 1992 nahm ich an einem internationalen Studentenseminar für Dorf- und Regionalerneuerung in Podsreda (Slowenien) teil. Die Studenten lebten in diesem Dorf und erarbeiteten unter der Anleitung ihrer Betreuer architektonische Projekte im Zusammenhang von regionaler Entwicklung. Da ein solches Seminar dort schon zwei Jahre vorher stattgefunden hat, konnten wir schon die Entwicklungen des Dorfes und ihrer Mitglieder bestaunen, die durch eben dieses Seminar ausgelöst wurden. Für uns Studenten war das eine sehr wertvolle Erfahrung, die zeigte, daß mit viel Geduld und Geschick auch Architekten zur Regionalentwicklung beitragen können.

            Dies brachte mich auf die Idee, auch in Soria die Organisation eines solchen Seminars anzuregen, allerdings nicht nur mit Architekturstudenten, sondern auch mit Studenten der Raumplanung, Geographie, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Wirtschaft. Zu diesem Zweck verschickte ich Ende Jänner 1993 an Bekannte, Planer, Politiker, Beamte und Institutionen in Soria folgenden Brief mit einem Anhang vom Seminar in Podsreda. (siehe folgende Seiten)

 

            Die wenigen eingetroffenen Antworten gaben größtenteils nur an, an welche Stellen ich mich sonst noch wenden könnte. Eine Antwort, wie ich sie mir erhofft hatte, traf nicht ein.

Ich tröstete mich mit der Annahme, daß das Medium Brief für die spanische Mentalität nicht geeignet sei, was auch schon Prof. HiesMayr und mein Betreuer, Prof. Dworsky, erfahren hatten.

            So fuhr ich im Juli 1993 wieder nach Spanien mit einem Konzept in der Hand (siehe folgende Seiten), um im persönlichen Gespräch Interessenten für das Seminar zu suchen.

            In Madrid traf ich mich mit Alejandro Cordoba Largo, aus Soria kommender Sozialwissenschaftler und Autor des 1983 erschienenen Buches "La despoblación en Soria: sus causas y efectos", worin er die Ursachen und Folgen der Entvölkerung Sorias gut und ausführlich beschreibt. Darin heißt es, das größte Hindernis einer Weiterentwicklung seien die Resignation und die geistige Depression, ein "Sich begraben lassen noch vor dem Tod" als Folge und Ursache zugleich der kontinuierlichen Auswanderung: "Ciertamente el desarollo de la provincia es difícil. Pero las limitaciones a ese desarollo están, tanto o más que la ausencia de grandes fábricas, en la estructura de edades tan alterada a que ha dado lugar una emigración sangrante que se ha llevado a muchos de sus abitantes, y con frecuencia los más dinámicos y emprendedores. La limitación a ese desarollo está en la pasividad existente; en la certeza, en un ambiente deprimido, de que nada se puede hacer por el futuro de la provincia; en la postura continuamente defensiva de andar salvando lo ya existente y nunca emprendiendo proyectos nuevos; en la decisión de enterrar la provincia, aún antes de haber muerto; en el ambiente en el que todo es muerte, muerte, muerte, muerte... [9] . Alejandro Cordoba Largo ist offensichtlich auch vor diesem Ort der Resignation
geflüchtet, in eine Stadt, die ihm eine der Ausbildung adäquate Arbeitsmöglichkeit bot. Er sagte allerdings seine Mitarbeit  bei meinem geplanten Seminar zu, meinte, wenn es gelänge, die Resignation zu überwinden, sei die Sache schon gewonnen.

 

Bild 16:

Sind alte Leute die einzigen, die im jetztigen Soria leben wollen?

 

 

            Weiters hatte ich drei Tage Gelegenheit, mit dem aus Deutschland stammenden Architekten Erhard Rohmer  unsere gegensätzlichen Standpunkte in der Regionalentwicklung zu formulieren und zu besprechen. Rohmer hat in Berlin Bauingenieur und Stadt- und Regionalplanung studiert, lebt seit ungefähr elf Jahren in Spanien, ist Präsident der "Asociaciación de Amigos de la Arquitectura Autoctona y Tradiciones Populares" in Madrid, hat in dem vollkommen verlassenen Dorf Navapalos bei Burgo de Osma ein Forschungszentrum für Lehmbau und alternative Energiequellen aufgebaut (siehe auch weiter oben). Seit zehn Jahren versucht er, Navapalos wieder aufzubauen, allerdings sind seit zwei Jahren die einzigen Bewohner zwei seiner Arbeiter. Sein Ziel ist es, Navapalos zu einem internationalen Kongreßzentrum zu machen, Adressat seiner Forschungen ist die Dritte Welt, die Geldgeber und Förderer befinden sich außerhalb der Provinz Soria, auf höchster Ebene: der Prinz von Spanien und einige hohe Staatspolitiker. Die Beziehungen zu Leuten und zur politischen Szene in Soria selbst waren bis dato nicht besonders ausgeprägt. Sein Entgegenkommen und die Auseinandersetzung mit ihm haben mir sehr geholfen, die Richtung zu klären, in die ich gehen will und  das Lebensgefühl in dem Spanien von heute zu verstehen, das geprägt ist von Konkurrenzkampf, Arbeitslosigkeit und Resignation.

 

 








Lebendige Dörfer sind Teil von lebendigen Systemen

 

            Ich erwarte mir von einer Revitalisierung von Dörfern, daß sie von unten kommt und deshalb auch von den Bewohnern getragen wird, daß sie mit einer Übung zur Demokratie entsteht und somit zu einem Bewußtsein der eigenen Werte und der Achtung vor Anderen und Anderem und der Umwelt führt. Revitalisierung bedeutet für mich nicht nur eine Wiederherstellung von Bauten und Kunstdenkmälern, sondern besonders den Weg zu einer neuen Lebendigkeit  in den Dörfern und der Provinz.

            In Soria selbst unterbreitete ich das Konzept des Seminars (siehe folgende Seiten) sowohl den von früher bekannten, als auch weiteren Personen des öffentlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Die meisten waren durchaus hilfsbereit, aber ich wollte keine Hilfe. Ein solches Seminar zu veranstalten, ist ein großer, zeitintensiver Aufwand, was nicht vom Ausland aus geschehen kann. Außerdem wollte ich mich nicht aufdrängen, denn zu einem erfolgreichen Gelingen braucht es schon ein Mindestmaß an Willen und Eigeninitiative. Meine Mitarbeit muß sich darauf beschränken, Studenten und Professoren aus anderen Ländern zu organisieren und meine eigenen Ideen und meine Person mit einzubringen.

            Letztendlich fand ich vier Personen, die sich daran interessiert zeigten, ein solches Seminar zu organisieren: einen leitenden Angestellten der Raiffeisenkasse, der "Caja Rural de Soria"; einen jungen, unternehmungslustigen Mann von "Ociotur", die u.a. Sportkurse in der Natur und Ausflüge in der Provinz von Soria organisieren; einen Angestellten der Jungbauern, der "Jovenes Agricultores"; einen Professor für Geographie in Soria.

            Es war von mir geplant, daß für den Fall, daß das Seminar zustande kommt, dessen Dokumentation Bestandteil der Diplomarbeit würde. Für den Fall, daß es nicht zustande kommt, muß ich mich darauf beschränken, mein eigenes Konzept auszuformulieren- ob und wie die Leute in Soria daraus einen Nutzen ziehen können, wird sich noch erweisen.

Eingetreten ist der letztere Fall, was auch die Frage der Rolle von außen kommenden Architekten aufwirft, wenn die Revitalisierung von Dörfern im Zeichen der Selbsthilfe stattfinden soll.

 

            Selbsthilfe kann man nicht von außen planen (dies wäre ein Widerspruch in sich), nur Vorschläge und Vorarbeiten können von außen kommen. In dieser Weise werden die lokale Bevölkerung und die lokalen Kulturen Teil des Projekts.

            Von außen kommende Planer werden immer Ausländer und damit Außenseiter bleiben, auch wenn sie noch so lange schon ansässig sind. Es kann für sie schmerzhaft sein, ist aber auch mit Vorteilen verbunden. Ein "Unsriger" wird bei Planungen, die irgendjemanden unangenehm berühren, manchmal geschlagen, ein "Außenseiter" jedoch wird nicht "verstanden" und genießt die Narrenfreiheit.

            Die Architekten werden sich in Zukunft nicht auf Einreich- bis Flächenwidmungspläne beschränken können, sondern werden sich auch mit  Aktionsplänen auseinandersetzen müssen. Diese werden zwar unschärfer ausfallen als die gewohnten Pläne, sind aber dadurch um einiges flexibler und lassen die gesteckten Ziele letztendlich auch genauer erreichen.

Sie sind deshalb unschärfer, weil sie die Betroffen mit einbeziehen, und Menschen kann man eben nicht kalkulieren.

            Die Betroffenen schaffen ihre eigenen Regeln und Begrenzungen mit, sie erarbeiten ihre Ziele. Planer können nur Hebamme spielen. Die Durchführung kann in den Details nicht vorausgeplant werden, sie muß sich nach den Zielen orientieren und somit flexibel bleiben.

 


Quellen:

[1] Ernst HiesMayr: Das Karge als Inspiration, Wien 1991

[2] A.Garcia Barbancho, Las migraciones interiores españoles, Madrid 1967. In: Revista de investigación, tomo VII-VIII   1983-1984, Colegio Universitario de Soria

[3] Auskunft von: Junta de Castilla y León, Delegación  terratorial, Soria; Servicio de Agricoltura y Ganadería

[4] Maria Consuelo Delgado Martinez,  Apuntes sobre la vida rural de la villa y tierra de Yangues (Soria), Siglos 12 -16. Centro de Estudios Sorianos, 1981, Soria

[5] Erhard Rohmer, Centro Navapalos,  Asociaciación de Amigos de la Arquitectura Autoctona y Tradiciones Populares, Rio Rosas, 30  4° dcha, 28003 Madrid, Tel 91/44 28 542

[6] Entrevista a Victorino, in: "Soria Libre", Zeitung der "Union Castellanista", Juni 1990

[7] Cooperativa "del Rio", Abioncillo de Calatañazor, 42194 Soria, Tel. (9)75 / 340709

[8] Auszüge aus dem Beitrag vom 3.11.1990.   In: Helma Hammader, Hans Günther Schwarz, Eigenständige Regionalentwicklung, GRAT, Wien 1990

[9] Alejandro Cordoba Largo:  La despoblación en Soria- sus causas y efectos, Almazan 1983. S.18