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Diplomarbeit
Revitalisierung von
Dörfern in Soria
ausgeführt am Institut für
Hochbau für Architekten
der Technischen Universität Wien
unter der Anleitung von
o.Univ.Prof.Dipl.Ing.Dr.techn.
Alfons Dworsky
durch
Bernhard Oberrauch
Anschrift:
Penegalstraße 21 A, I-39100 Bozen
Schönbrunnerstraße 149/36,
A-1050 Wien
13. Mai 1994
Datum
Unterschrift
2., verbesserte und ergänzte Auflage
November 1994
Inhalt:
Seite:
1. Zur
Geschichte dieser Diplomarbeit
4
Die
Situation in Soria: eine Zusammenfassung
4
Ein
Ansatz: ein international - lokales Seminar zur Regionalentwicklung
15
Lebendige
Dörfer sind Teil von lebendigen Systemen
23
Sorias
Entwicklung von 1900 bis 1990
24
Das
Klima in Soria
25
Die
Bevölkerungsentwicklung
28
Die
Entwicklung der Wirtschaft
33
Die
Landwirtschaft
36
Was
wird in Soria angebaut
41
Viehwirtschaft
44
Die
Unternehmen in Soria
46
Die
Umsetzung von neuen Ideen
49
Nichts
als Fragen...
50
Voraussetzungen
(Immaterielle Grundstruktur)
50
Vernetztes
Denken
51
Arbeitsstrukturen
und Kooperativen
57
Die
Entwicklung von Kooperativen und des Genossenschaftswesens
58
Ein
genossenschaftliches soziales Netz
58
Mittel
und Strukturen zum Austausch von wirtschaftlichen Tätigkeiten
59
Probleme
des herkömmlichen Geldsystems
60
Neue
Ansätze
64
LET,
TALENT, JAK, WIR,...
66
Beispiele
alternativer Geldwirtschaft in Spanien: die Mondragon Bank und die Genossenschaftsbewegung
in Euskadia
72
Geldwirtschaft
in Soria
74
Tauschgerechtigkeit
74 + 1
Im
Weg ist das Ziel: Arbeitsstundengeld
74 + 2
Investitionsmöglichkeiten
74 + 4
Demokratisch
regulierte Marktwirtschaft
75
Demokratisch
regulierte Marktwirtschaft in Soria
77
Steuersystem
78
Abwälzung
von Kosten auf Dritte
79
Verkehr
81
Ein
langsamer Verkehr mit Kostenwahrheit
fördert die lokale Entwicklung
82
Hirnmobil
und Automobil
85
Was
man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen
87
Landwirtschaft
88
Projekte
in Berggebieten Österreichs
91
Bodenrecht
95
Die
Dörfer und Bauweisen in Soria
97
Die
Organisation des Hauses
99
Fünf
Dörfer und fünf Häuser
108
Modernes
Bauen im ländlichen Raum
124
Die
Vision einer Bauweise in Soria
125
Aus
dem Auge, aus dem Sinn
126
Selbstbeschränkung
ist zugleich Selbstbefreiung
127
Der
Begriff Dorf
128
Wer,
warum und was?
129
Neues
Leben in alten neuen Dörfern
131
Lebensphilosophie
und Dorf
132
Der
Wandel der Gesellschaft
133
Ist
ein Frühling in Sicht?
136
Gemeinwesenentwicklung
im Ultental
137
Revitalisierung
und Bildung
137
Zukunftswerkstätten
137
Schmal
ist schön
139
Revitalisierung
von Dörfern bedeutet einen Wandel im Bewußtsein
der
Individuen
141
Eine
seltene Methode zur Durchsetzung
142
Aktionsplan,
Stufenplan für Soria
142
Literaturverzeichnis
149
Anhang
152
Zur
Geschichte dieser Diplomarbeit
Die Provinz Soria im Herzen Kastiliens (Spanien) liegt in einer reizvollen,
sehr bewegten Landschaft. Das Einfache und Karge fasziniert Schriftsteller
und Künstler.
Prof.Ernst
HiesMayr hielt sich mehrere Sommer für ein paar Wochen in Medinaceli
und den umliegenden Dörfern auf, um unter der Anleitung des Tiroler Malers
Rainer Schiestl zu malen und zu zeichnen.
[1]
Die verfallenden Dörfer taten ihm leid und
er fragte sich, ob die lokale Regierung ein Programm zur Erneuerung, zur Rettung
dieser Dörfer hätte, zumal an mehreren Stellen Tafeln herumstanden
mit dem Reizwort "revitalización".
So fragte er mich, ob ich nicht daran interessiert wäre, die Gründe
des Verfallens zu erforschen und nachzufragen, was sie mit dieser Provinz
vorhätten.
Bild
1:
Die
Provinz Soria (Region Castilla-Leon, Spanien)
Im Juli 1990 fuhr ich also nach Soria, fotografierte, nahm einige der
typischen Häuser auf, sammelte Statistiken, sprach mit vielen Leuten und gewordenen Freunden, befragte
Politiker, Beamte, Landwirte und Wirtschaftler.
Die massive Auswanderung und der rasante Verfall der Dörfer hat
bis jetzt allerdings nur Ratlosigkeit und Resignation, aber keine Konzepte
hervorgebracht.
Bild
2:
A)
Espejo de Tera
B)
Navapalos
C)
Abioncillo de Calatañazor
D)
Arenillas
E)
Sarnago
F)
Velasco
Die Provinz Soria ist nur
ein Beispiel der Krise und des Verfalls ländlichen Raumes, allerdings
ein extremes. Hier hat die volle Industrialisierung erst vor ca. 15 Jahren
eingesetzt . Für die Broschüre des internationalen Seminars "Eigenständige
Regionalentwicklung" (20.-22. Juni 1990, Gruppe Angepaßte Technologie,
Technische Universität Wien) faßte ich die Situation in Soria folgendermaßen
zusammen:
Die
Situation in Soria: eine Zusammenfassung
"Soria (siehe Bild 1 und 2) ist eine hügelige und bergige
Provinz mit einer durchschnittlichen Meereshöhe von 1000 m (Fläche:
10.000 km2; heute 97.268 Einwohner).
Soria erlebte in der Geschichte sowohl arabischen, keltoromanischen
als auch baskischen Einfluß, was man an den Gebäuden wie auch angeblich
an der Mentalität der Leute feststellen kann. Baudenkmäler arabischen
Ursprungs findet man heute noch viele, viele davon leider in katastrophalem
Zustand. Baskische Einflüsse kann man angeblich am Individualismus der
Sorianer sowie an einer Bauweise entdecken, die aus getrennten Eingängen
und, sei es auch nur durch einen Spalt von 50 cm, getrennten Häusern
besteht.
Die Bevölkerung (siehe Bild 3) betrug 1900 150.462 Einwohner, erreichte 1950 ihr Maximum mit 161.182 Einwohnern
und verminderte sich seither jedes Jahr um einen beträchtlichen Prozentsatz
bis auf 97.268 Einwohner im Januar 1990. Die Hauptstadt Soria konnte zwar
einen Zuwachs verzeichnen, von 7.151 Einwohnern (1900) auf 32.609 (1990),
nahm aber trotzdem nur einen kleinen Teil der Abwanderung aus den Dörfern
(pueblos) auf, wo von 143.311 Einwohnern (1900) nur 64.659 (1990) zurückblieben.
Die meisten wanderten in die großen Städte wie Zaragoza, Barcelona
und Madrid.
Bild
3:
Bevölkerungsentwicklung
der Provinz Soria von 1900 bis 1990
Quelle:
Amt für Statistik, Soria; eigene Auswertung
-1918
Grippeepidemie => 4 Jahre Rückgang der Bevölkerung
-1920
- 1930 öffentliche Bauten: Staudamm Cuerda del Pozo (1925) und Eisenbahn
Burgos- Calatayud, Stahlbrücke, neuer Bahnhof
in
Soria Stadt: Straßenpflaster, Wiederaufbau der Talsperre, Arbeiten an
der Plaza de Toros, Erweiterung des Schlachthofs, Wasserleitung,...
=>
auch viele Wohnbauten
-1936
- 1939 Bürgerkrieg ->
Diktatur General Francos
-ab
1943 Beginn der Industrialisierung
in anderen Provinzen, in Soria kein spezieller Ausbau des sekundären
Sektors
[2]
-1953 Beginn der Kommassierung
-1975 Tod General Francos -> Demokratie
-1990 von 477.000 ha sind 91% kommassiert
[3]
Die
Haupteinahmequelle bildet die Landwirtschaft. Vor ca. 15 Jahren wurde auch
hier mit der Industrialisierung begonnen, weshalb heute ein enormer Maschinenpark
die Menschenkräfte ersetzt, ja sogar zum Prestigeobjekt wurde.
Zum
Vergleich: die Leistung eines Traktors in Spanien beträgt durchschnittlich
50 PS, die in der Provinz Soria 80 PS. In Soria wird hauptsächlich Weizen
in Monokultur angebaut und mit Mähdreschern eingebracht, vereinzelt auch
Sonnenblumen, weiters wird Fleisch produziert (speziell vom Schaf und Rind).
Bild
4:
Beschäftigungszahlen 1988
Quelle:
Amt für Statistik, Soria; eigene Auswertung
Anhand der Zahlen im Bild 4 soll die bestehende ökonomische Lage
veranschaulicht werden: Im Bereich Industrie arbeiten vor allem Kleinbetriebe,
die das Holz der Kiefernwälder im Norden der Provinz verarbeiten. Zusätzlich
gibt es in mehreren Dörfern und in der Hauptstadt einige wenige Bäcker,
Müller, Mechaniker, Installateure, Tischler, Schlosser u.a., und zwei
Betriebe, die Pilze verarbeiten.
Bild
5:
Bild
6:
Im Bereich des Bauwesens wird zwar in der Hauptstadt und in den größeren
Dörfern gebaut, in den vielen kleinen Dörfern aber verfallen sämtliche
Häuser (siehe Bild 5-6). Einzelne Baudenkmäler werden zwar restauriert,
andere hingegen verfallen völlig (siehe Bild 7- 8).
Bild
7:
Einstürzende
Kirche in Velasco
Bild
8:
Decke
arabischen Einflusses der Kirche in Velasco
Die
Straßen sind und werden hingegen überraschend gut ausgebaut - es
gibt viele breite Straßen, auf denen täglich vielleicht fünf
Autos durchfahren.
Im
Dienstleistungsbereich sind relativ viele Leute beschäftigt, vor allem
in den unzähligen Banken, wo Geld, das nicht investiert wird, deponiert
wird - und das ist viel.
In
den größeren Dörfern sind Grundschulen vorhanden, die Oberschulen
kann man hingegen an einer Hand abzählen, der einzige Zweig einer Universität
in Soria wird in den kommenden Jahren aufgelassen. Arbeitslose, vor allem
Jugendliche, gibt es heute viele, nicht alle sind als solche registriert.
Aus
dieser Situation heraus sehen vor allem junge Menschen keine Zukunft in den
Dörfern - es fehlt die Arbeit, die Weiterbildung und die kulturelle Attraktivität.
Öffentliche Verkehrsmittel, wenn überhaupt vorhanden, funktionieren
völlig unzureichend, sodaß die Dörfer völlig isoliert
sind. Die Möglichkeit der zukünftigen Entwicklung Sorias werden
sehr unterschiedlich eingeschätzt.
Der Ökonom Emilio Ruiz (Soria), dessen Meinung ich mich auch persönlich
anschließe, sieht die Perspektiven folgendermaßen:
Die momentan herrschende und forcierte Zentralisation und Quantitätsbezogenheit
der Produktion erzwingt die Ballung in großen Zentren (wie Madrid und
Barcelona) sowie ein Verschmelzen bzw. Aufkaufen von Betrieben, was letztendlich
zur Bildung von multinationalen Konzernen führt. Kurz gesagt - eine quantitätsorientierte
Produktion fordert die Konzentration von wirtschaftlicher Macht, die legendäre
freie Marktwirtschaft wird zum Schlachtfeld. Falls sich diese Orientierung
in der EG nicht ändert, werden die meisten der 500 Dörfer in Soria,
wenn überhaupt, nur mehr als touristische Erinnerungen bestehen bleiben.
Eine Dezentralisation, eine qualitätsorientierte und diversifizierte
Produktion hingegen, verbunden mit dem Ausbau der öffentlichen
Verkehrsverbindungen, könnten ein zeitgerechtes Leben in den Dörfern
ermöglichen, und nur dadurch kann die architektonische Substanz bewahrt
bleiben. Die Landwirtschaft wird auch weiterhin eine große Rolle spielen.
Allerdings müßten Monokultur und Kunstdüngereinsatz einer
Diversifikation und dem biologischen Anbau weichen. Weil fast keine Industrie
vorhanden ist, sind Luft, Wasser (abgesehen von Nitraten) und Boden noch relativ
sauber. Die Kräuterproduktion ist auf dieser Meereshöhe von ca.
1000m sicherlich eine von vielen anderen interessanten Alternativen.
Daß
hauptsächlich Fleisch und Weizen produziert werden, ist schon vorher
erwähnt worden. Daß so gut wie alle in Soria glauben, es gäbe
keine Alternativen dazu, ist betrüblich. Es gibt zwar bis in den Mai
hinein Frost, doch eine Studie über das Gebiet von Yanguas [4] , ein Dorf im Norden der Provinz Soria, besagt,
daß für den Eigengebrauch früher auch Knoblauch, Zwiebel,
Bohnen, Kohl, sowie auch Birnen, Äpfel, Pflaumen, Pfirsiche, Nüsse,
Kirschen und Sauerkirschen geerntet wurden. Weiters wurde das Getreide auch
im Fruchtwechsel mit Weide (Schafe, Ziegen, Kühe und Pferde) angebaut.
Da Yangue nicht besser liegt als der Rest Sorias, ist zu hoffen, daß
Alternativen gefunden werden.
Früher waren die meisten Bewohner der Dörfer in der Landwirtschaft
beschäftigt, was heute nicht mehr möglich ist. Eine ökologisch
orientierte, dezentralisierte Kleinindustrie könnte ebenfalls mit Diversifikation
und Orientierung an Qualität sowohl den einheimischen als auch den europäischen
Markt versorgen. Ins Auge springende Marktlücken sind vor allem Weiterverarbeitungen
landwirtschaftlicher Produkte.
Hier einige Beispiele: Yoghurt wird außerhalb der Provinz erzeugt,
nämlich von den Konzernen Saintbury und Nestle, obwohl in Soria selbst
genug Milch produziert wird (siehe Bild 9). Vollwertprodukte sind zwar gefragt,
werden aber kaum bzw. zu stark überhöhten Preisen angeboten (ist
gesunde Ernährung nur eine Modeerscheinung der Elite?).
Bild
9:
Milchproduktion
in Soria
Quelle:
Amt für Statistik, Soria; eigene Auswertung
Sobald es wirtschaftliche Aktivitäten in den Dörfern gibt,
entstehen auch Dienstleistungsbetriebe, kurzum, die Dörfer werden wiederbelebt.
Sobald Leute im Dorf leben, sind auch kulturelle Aktivitäten kein Problem
mehr - die Attraktivität steigt. Sobald die öffentlichen Verkehrsmittel
gut funktionieren, kommen die Dörfer auch aus ihrer Isolation heraus,
was anders ausgedrückt heißt: das, was die Stadt, speziell die
Großstadt, so anziehend gemacht hat, nämlich soziale Kontakte,
können die Dörfer dann auch bieten.
Nun
ein paar Worte zu den Vorstellungen von Politikern und in der Verwaltung arbeitenden
Menschen.
Efren
Martinez Izquierda vom Partido Popular (PP), der in Soria regierenden Partei,
vertrat vor allem die Ansicht, daß es wichtig sei, Straßen herzurichten
und zu asphaltieren, Wasserleitungen zu schaffen, Wände für eine
Art Squash zu bauen und Schulen als Gemeinschaftszentren herzurichten. Die
Leute in Soria hätten zwar Geld (mehr landwirtschaftliche Fläche
reicht für weniger Leute), die Verwaltung dagegen nur wenig, weil das
Geld nach der Bevölkerungszahl von der Zentralregierung zur Verfügung
gestellt wird. Es stünden für die ca. 500 Dörfer nur ca. 600.000
- 700.000 Pts. zur Verfügung, daher könne man auch nicht mehr machen.
Es habe Studien über die Diversifikation in der Landwirtschaft gegeben,
aber die Bauern wollten nicht.
In
den 70er Jahren gab es Kooperativen, die sich aus Individualismus auflösten.
Er würde gerne in Soria Strukturen für einen Tourismus für
reiche Leute schaffen, eben einen "Qualitätstourismus", und
keinen Massentourismus. Es gebe genug Attraktionen, besonders die vielen Baudenkmäler
und die Natur.
Elias
Arribas, der Generalsekretär des PP, würde sich vor allem für
mehr Subventionen für die Landwirtschaft einsetzen, auch die Strukturen
verbessern und wirtschaftliche Aktivitäten fordern. Ein Programm zur
Rettung der verfallenden Dörfer habe er aber nicht. Angesprochen auf
das Projekt eines nuklearen Forschungszentrums in Nubia, das 1980 bestand,
aber von den Sozialisten blockiert wurde, als sie die Mehrheit in der Zentralregierung
erlangten, meinte Arribas, daß der PP weder dafür noch dagegen
sei, obwohl man die Kernkraft aufgrund der Energieimporte Spaniens nicht aus
dem Auge verlieren dürfe.
Ich
vermute, daß dieses Projekt noch in einigen Köpfen des PP spukt,
daß diese unter anderem deshalb der Entvölkerung beinahe tatenlos
zusehen, denn wo wenig Leute wohnen, gibt es auch wenig Proteste. Wie gesagt,
ich vermute, "denn beweisen kann man` s nicht" (Lied von Mackie
Messer).
Carlos
la Carcel vom Partido Socialista Obreros Españoles (PSOE) meinte unter
anderem (als Privatmann, nicht als Politiker des PSOE), daß es wichtig
sei, Strukturen zu verbessern, damit die Leute in den Dörfern blieben.
Momentan gebe es mehr Sorianer je in Zaragoza, Madrid und Barcelona als in
Soria selbst. Allerdings kämen viele von diesen in den Ferien in die
Heimatdörfer zurück, zu denen eine tiefe emotionale Bindung bestehe.
Bild
10:
Wiederkehr
im Sommer in Sarnago
Antonio
Ruiz von der Union Castellanista und Antonio Martin vom Centro Democratico
y Social (CDS) haben um einiges klarere Vorstellungen, die in Richtung Qualität,
Diversifikation und Dezentralisierung gehen. Deren Parteien sind allerdings
in der Opposition, wodurch diese Ideen auch nicht verwirklicht werden können.
Es läßt sich leichter reden als handeln.
Es gibt einige wenige Projekte zur Wiederbelebung von Dörfern,
bis jetzt nur Einzelfälle, trotzdem aber ein wichtiger Anfang.
In
Espejo de Tera (siehe Bild 11) wurde das Dorf von Leuten wieder aufgebaut,
die ihre tägliche Arbeit in Soria verrichten. In der Mehrheit also Pendler,
die in der Stadt arbeiten und im Dorf leben.
Bild
11:
In Navapalos (siehe Bild 12, 13) baut der deutsche Architekt Erhard
Rohmer
[5]
das vorher völlig verlassene und verfallene
Dorf zu einem Experimentierzentrum für Lehmbauten auf. Dort finden nun
Workshops, Seminare und Tagungen zu Themen, wie Lehmbau, Wohn-Ökologie,
erneuerbare Energien, angepaßte Technologie, ökologische Landwirtschaft
und ganzheitliche ländliche Entwicklungen statt.
Bild
12:
Bild
13:
In
Arenillas gibt es einige Bemühungen,
das Dorf (land)wirtschaftlich und kulturell wiederzubeleben
[6]
. In Abioncillo de Calatañazor (siehe Bild
14, 15) gibt es ein sehr interessantes Projekt, das ich kurz vorstellen möchte.
Eine Gruppe von jungen Lehrern hat sich 1983 zur "Cooperativa
del Rio" zusammengeschlossen und wieder Leben nach Abioncillo gebracht
[7]
. Seitdem werden hier Kurse abgehalten wie Spanischkurse,
Kurse über Botanik, Zoologie, Ökologie, lokale Ökonomie, Archäologie,
Soziologie,
Volkskunde, Volksarchitektur,
Kunsthandwerk, Textilien, Kunstgeschichte, Fotografie, Gastronomie, Spiele
und Musik u.ä. Die Kooperative hat ihre Einrichtungen ständig erweitert
und verfügt nun über eine Bibliothek, ein volkskundlich- archäologisches
Museum, Zeitungsdruck, einen kleinen Radiosender, Video, 16 mm- Film, Diaprojektoren,
Arbeitsräume, Laboratorien, Einrichtungen für die Unterkunft und
Verpflegung von 50 Personen.
Die
Lehrer sind ein liebevolles Team, pädagogisch fähig, beherrschen
einige Fremdsprachen, sind unternehmungslustig, was sich auch in ihren vielfältigen
Exkursionen auswirkt. Mögliche Ziele sind
Archäologische
Fundstätten (paläolithisch, neolithisch, keltiberisch und römisch);
mittelalterliche Dörfer und Festungen: Die besondere romanische Kunst
im Inneren Sorias; Orte traditioneller Magie; Gregorianische Gesänge
in einem Kloster; Schluchten, Wege und Pfade (mittelalterlicher Viehtreiber);
Höhlen und Gebirge; urheimische Wälder (Sadebaum, Steineiche); verlassene
Dörfer; sorianische Hochlandebenen.
Bild
14:
Bild
15:
Abschließend
wage ich die Behauptung, daß die Provinz Soria als ein Beispiel (wenn
auch ein extremes: sie ist die am dünnsten besiedelte Provinz Westeuropas)
für allzuviele Gegenden der Welt gelten kann. Trotz
der katastrophalen Lage, in der
sie sich befindet, haben doch einige der dort lebenden Menschen ein paar der
vielen Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt und zu beschreiten versucht,
und andere werden folgen."
[8]
Ein
Ansatz: ein international - lokales Seminar zur Regionalentwicklung
Im Oktober 1992 nahm ich an einem internationalen Studentenseminar
für Dorf- und Regionalerneuerung in Podsreda (Slowenien) teil. Die Studenten
lebten in diesem Dorf und erarbeiteten unter der Anleitung ihrer Betreuer
architektonische Projekte im Zusammenhang von regionaler Entwicklung. Da ein
solches Seminar dort schon zwei Jahre vorher stattgefunden hat, konnten wir
schon die Entwicklungen des Dorfes und ihrer Mitglieder bestaunen, die durch
eben dieses Seminar ausgelöst wurden. Für uns Studenten war das
eine sehr wertvolle Erfahrung, die zeigte, daß mit viel Geduld und Geschick
auch Architekten zur Regionalentwicklung beitragen können.
Dies brachte mich auf die Idee, auch in Soria die Organisation eines
solchen Seminars anzuregen, allerdings nicht nur mit Architekturstudenten,
sondern auch mit Studenten der Raumplanung, Geographie, Landwirtschaft, Forstwirtschaft
und Wirtschaft. Zu diesem Zweck verschickte ich Ende Jänner 1993 an Bekannte,
Planer, Politiker, Beamte und Institutionen in Soria folgenden Brief mit einem
Anhang vom Seminar in Podsreda. (siehe folgende Seiten)
Die wenigen eingetroffenen Antworten gaben größtenteils
nur an, an welche Stellen ich mich sonst noch wenden könnte. Eine Antwort,
wie ich sie mir erhofft hatte, traf nicht ein.
Ich
tröstete mich mit der Annahme, daß das Medium Brief für die
spanische Mentalität nicht geeignet sei, was auch schon Prof. HiesMayr
und mein Betreuer, Prof. Dworsky, erfahren hatten.
So fuhr ich im Juli 1993 wieder nach Spanien mit einem Konzept in der
Hand (siehe folgende Seiten), um im persönlichen Gespräch Interessenten
für das Seminar zu suchen.
In Madrid traf ich mich mit Alejandro Cordoba Largo, aus Soria kommender
Sozialwissenschaftler und Autor des 1983 erschienenen Buches "La despoblación
en Soria: sus causas y efectos", worin er die Ursachen und Folgen der
Entvölkerung Sorias gut und ausführlich beschreibt. Darin heißt
es, das größte Hindernis einer Weiterentwicklung seien die Resignation
und die geistige Depression, ein "Sich begraben lassen noch vor dem Tod"
als Folge und Ursache zugleich der kontinuierlichen Auswanderung: "Ciertamente
el desarollo de la provincia es difícil. Pero las limitaciones a ese
desarollo están, tanto o más que la ausencia de grandes fábricas,
en la estructura de edades tan alterada a que ha dado lugar una emigración
sangrante que se ha llevado a muchos de sus abitantes, y con frecuencia los
más dinámicos y emprendedores. La limitación a ese desarollo
está en la pasividad existente; en la certeza, en un ambiente deprimido,
de que nada se puede hacer por el futuro de la provincia; en la postura continuamente
defensiva de andar salvando lo ya existente y nunca emprendiendo proyectos
nuevos; en la decisión de enterrar la provincia, aún antes de
haber muerto; en el ambiente en el que todo es muerte, muerte, muerte, muerte...
[9]
. Alejandro Cordoba Largo ist offensichtlich auch
vor diesem Ort der Resignation
geflüchtet, in eine Stadt, die ihm eine der Ausbildung adäquate
Arbeitsmöglichkeit bot. Er sagte allerdings seine Mitarbeit bei meinem geplanten Seminar zu, meinte,
wenn es gelänge, die Resignation zu überwinden, sei die Sache schon
gewonnen.
Bild
16:
Sind
alte Leute die einzigen, die im jetztigen Soria leben wollen?
Weiters hatte ich drei Tage Gelegenheit, mit dem aus Deutschland stammenden
Architekten Erhard Rohmer unsere
gegensätzlichen Standpunkte in der Regionalentwicklung zu formulieren
und zu besprechen. Rohmer hat in Berlin Bauingenieur und Stadt- und Regionalplanung
studiert, lebt seit ungefähr elf Jahren in Spanien, ist Präsident
der "Asociaciación de Amigos de la Arquitectura Autoctona y Tradiciones
Populares" in Madrid, hat in dem vollkommen verlassenen Dorf Navapalos
bei Burgo de Osma ein Forschungszentrum für Lehmbau und alternative Energiequellen
aufgebaut (siehe auch weiter oben). Seit zehn Jahren versucht er, Navapalos
wieder aufzubauen, allerdings sind seit zwei Jahren die einzigen Bewohner
zwei seiner Arbeiter. Sein Ziel ist es, Navapalos zu einem internationalen
Kongreßzentrum zu machen, Adressat seiner Forschungen ist die Dritte
Welt, die Geldgeber und Förderer befinden sich außerhalb der Provinz
Soria, auf höchster Ebene: der Prinz von Spanien und einige hohe Staatspolitiker.
Die Beziehungen zu Leuten und zur politischen Szene in Soria selbst waren
bis dato nicht besonders ausgeprägt. Sein Entgegenkommen und die Auseinandersetzung
mit ihm haben mir sehr geholfen, die Richtung zu klären, in die ich gehen
will und das Lebensgefühl
in dem Spanien von heute zu verstehen, das geprägt ist von Konkurrenzkampf,
Arbeitslosigkeit und Resignation.
Lebendige
Dörfer sind Teil von lebendigen Systemen
Ich erwarte mir von einer Revitalisierung von Dörfern, daß
sie von unten kommt und deshalb auch von den Bewohnern getragen wird, daß
sie mit einer Übung zur Demokratie entsteht und somit zu einem Bewußtsein
der eigenen Werte und der Achtung vor Anderen und Anderem und der Umwelt führt.
Revitalisierung bedeutet für mich nicht nur eine Wiederherstellung von
Bauten und Kunstdenkmälern, sondern besonders den Weg zu einer neuen
Lebendigkeit in den Dörfern
und der Provinz.
In Soria selbst unterbreitete ich das Konzept des Seminars (siehe folgende
Seiten) sowohl den von früher bekannten, als auch weiteren Personen des
öffentlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Die meisten waren
durchaus hilfsbereit, aber ich wollte keine Hilfe. Ein solches Seminar zu
veranstalten, ist ein großer, zeitintensiver Aufwand, was nicht vom
Ausland aus geschehen kann. Außerdem wollte ich mich nicht aufdrängen,
denn zu einem erfolgreichen Gelingen braucht es schon ein Mindestmaß
an Willen und Eigeninitiative. Meine Mitarbeit muß sich darauf beschränken,
Studenten und Professoren aus anderen Ländern zu organisieren und meine
eigenen Ideen und meine Person mit einzubringen.
Letztendlich fand ich vier Personen, die sich daran interessiert zeigten,
ein solches Seminar zu organisieren: einen leitenden Angestellten der Raiffeisenkasse,
der "Caja Rural de Soria"; einen jungen, unternehmungslustigen Mann
von "Ociotur", die u.a. Sportkurse in der Natur und Ausflüge
in der Provinz von Soria organisieren; einen Angestellten der Jungbauern,
der "Jovenes Agricultores"; einen Professor für Geographie
in Soria.
Es war von mir geplant, daß für den Fall, daß das
Seminar zustande kommt, dessen Dokumentation Bestandteil der Diplomarbeit
würde. Für den Fall, daß es nicht zustande kommt, muß
ich mich darauf beschränken, mein eigenes Konzept auszuformulieren- ob
und wie die Leute in Soria daraus einen Nutzen ziehen können, wird sich
noch erweisen.
Eingetreten
ist der letztere Fall, was auch die Frage der Rolle von außen kommenden
Architekten aufwirft, wenn die Revitalisierung von Dörfern im Zeichen
der Selbsthilfe stattfinden soll.
Selbsthilfe kann man nicht von außen planen (dies wäre ein
Widerspruch in sich), nur Vorschläge und Vorarbeiten können von
außen kommen. In dieser Weise werden die lokale Bevölkerung und
die lokalen Kulturen Teil des Projekts.
Von außen kommende Planer werden immer Ausländer und damit
Außenseiter bleiben, auch wenn sie noch so lange schon ansässig
sind. Es kann für sie schmerzhaft sein, ist aber auch mit Vorteilen verbunden.
Ein "Unsriger" wird bei Planungen, die irgendjemanden unangenehm
berühren, manchmal geschlagen, ein "Außenseiter" jedoch
wird nicht "verstanden" und genießt die Narrenfreiheit.
Die Architekten werden sich in Zukunft nicht auf Einreich- bis Flächenwidmungspläne
beschränken können, sondern werden sich auch mit
Aktionsplänen auseinandersetzen müssen. Diese werden zwar
unschärfer ausfallen als die gewohnten Pläne, sind aber dadurch
um einiges flexibler und lassen die gesteckten Ziele letztendlich auch genauer
erreichen.
Sie
sind deshalb unschärfer, weil sie die Betroffen mit einbeziehen, und
Menschen kann man eben nicht kalkulieren.
Die Betroffenen schaffen ihre eigenen Regeln und Begrenzungen mit,
sie erarbeiten ihre Ziele. Planer können nur Hebamme spielen. Die Durchführung
kann in den Details nicht vorausgeplant werden, sie muß sich nach den
Zielen orientieren und somit flexibel bleiben.
Sorias
Entwicklung von 1900 bis 1990
Soria
kann in drei Bereiche eingeteilt werden:
1)
Der zentrale Bereich, "comarca central", liegt zwischen 800 und
1000 m Meereshöhe, verfügt über große ebene Flächen
und somit über die am meisten industrialisierte ("entwickelte")
Landwirtschaft.
2)
Der nördliche Bereich, "comarca de pinares" und "tierras
de San Pedro Manrique" ("Sierra pobre"), liegt zwischen 1000
und 2313 m Meereshöhe und grenzt an die Provinz Burgos und Logroño.
3)
Der südöstliche Bereich, "tierras de Agreda" und "
Valle del Jalón", liegt
zwischen 1000 und 1500 m Meereshöhe und grenzt an die Provinzen
Guadalajara und Zaragoza.
Bild
17: Die Provinz Soria
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.23
Soria
ist eine der am dünnsten besiedelten Gebiete Europas, ist vorwiegend
land- und forstwirtschaftlich genutzt, große Teile befinden sich auf
über 1000 m Meereshöhe (siehe die folgenden Tabellen).
Bild
18: Dichte in Einwohnern pro km2, 1981, nach Zonen
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.59
Bild
19:
Soria
ist ein Berggebiet
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.32
Das
Klima in Soria
Aufgrund
der zentral- nordöstlichen Lage in Spanien und den vielen Bergen ergibt
sich das frische, kühle Klima, das die Spanier schon immer ausgenutzt
haben. Früher flüchteten einige Schäfer mit ihren Schafherden
vom heißen Andalusien in das kühle Soria, heute verbringen viele
Touristen aus dem restlichen Spanien einige Wochen im Sommer in diesem frischen
Klima.
Bild
20:
Temperaturen
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.34
Bild
21:
Niederschlag
mittlerer
Niederschlag in der Region Castilla-León (1962-1971)
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.34
Die
Bevölkerungsentwicklung
Die Bevölkerung in Soria, im besonderen die der Dörfer, ist
schon seit den 40- er Jahren nicht mehr wesentlich gewachsen -im Vergleich
mit dem restlichen Spanien-, seit den 70-er Jahren hat sie sogar drastisch
abgenommen.
Bild
22:
Die
Bevölkerungsentwicklung der wichtigsten Ortschaften
Bild
23:
Bild
24:
Bild
25:
Bild
26:
Jährliche
Zunahme der Bevölkerung (in %)
Bild
27:
Bild
28:
Bevölkerung
einiger (bis 1981 eingegliederter) Gemeinden
Quelle:
Amt für Statistik, Soria; eigene Auswertung
Anmerkung:
Die Zahlen 1900-1981 sind "Población de hecho", die von 1990
"Población de derecho"; z.B.: Calatañazor 1981: 70
"de hecho", aber 84 "de derecho".
Bild
29:
Emigration
aus Soria
Bild
30:
Die
Entwicklung der Wirtschaft
Diese Auswanderungswellen sind in engem Zusammenhang mit der Beschäftigungsstruktur
zu sehen. Die Menschen arbeiten vorwiegend in den Bereichen Lebensmittel und
Holz, bis in den 70-er Jahren teilweise mit sehr arbeitsintensiven Methoden-
manche der Getreidefelder wurden damals noch mit der Sichel geschnitten. Wegen
der Entvölkerung wurden Maschinen nötig, und wegen des stetig steigenden
Maschineneinsatzes verloren immer mehr Menschen den Arbeitsplatz und wanderten
aus.
Bild
31:
Monokultur
braucht Kommassierung
Bild
32:
Nutzungen
der Flächen (in 1000 ha)
Quelle:
Anuario Estatistico 1989, Junta de Castilla y Leon. Consejería de Economía
y HaciendaServicio de Estudios; eigene Auswertung
Bild
33:
Entwicklung
des Bruttoinlandproduktes nach Wirtschaftsbereichen
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.145
Bild
34:
Bild
35:
Art
der Beschäftigung in der Region Castilla-Leon in %
Quelle:
El futuro económico de la Cuenca del Duero, Universidad International
Alfonso VIII, Soria 1992. S.34
Die
Landwirtschaft
Obwohl die Anzahl der Bauern aufgrund der Industrialisierung zurückgegangen
ist (mehr Ertrag auf weniger Leute aufgeteilt), ist ihr Einkommen nach einer
kurzen Steigerung wieder zurückgegangen. Der Strukturwandel hat sich
nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa vollzogen. Dabei war Quantität
wichtiger als Qualität. Die Überproduktion von Nahrungsmitteln drückt
sich in stetig sinkenden Preisen (und damit Einkommen der Landwirte) und von
oben verordneten und finanzierten Stillegungsprogrammen aus.
Bild
36:
Preisindex
für Konsum/ Lebensmittel/ Preise, die der Landwirt erhält
Bild
37:
Landwirtschaftliche
Fläche- Besitz, Pacht
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.131
Kommassierungen
verfolgten den Zweck, einem industrialisierten Anbau im Wege stehende Hindernisse
zu beseitigen. Solche Hindernisse sind vor allem Grundstücksgrenzen und
die damit verbundenen Hecken, Sträucher, Steinhaufen, und ähnliche
Restflächen, die allerdings zugleich ökologische Nischen waren.
Bild
38:
Kommassierung
Quelle:
Ministerio de agricultura, Soria; eigene Auswertung
Bild
39:
Bild
40:
Bild
41:
Stillgelegte
landwirtschaftliche Flächen
Quelle:
El futuro económico de la Cuenca del Duero, Universidad International
Alfonso VIII, Soria 1992. S.212
Was
wird in Soria angebaut
Bild
42:
Anbausorten: bewässerte und nicht bewässerte
Flächen (in ha)
Quelle:
Anuario Estatistico 1989, Junta de Castilla y Leon. Consejería de Economía
y Hacienda
Bild 43:
Anbausorten:
Ertrag (in Tonnen)
Quelle:
Anuario Estatistico 1989, Junta de Castilla y Leon. Consejería de Economía
y HaciendaServicio de Estudios; eigene Auswertung
Bild
44:
Ertrag
pro Fläche: bewässerte
und nicht bewässerte Flächen
(in kg/ha)
Quelle:
Anuario Estatistico 1989, Junta de Castilla y Leon. Consejería de Economía
y HaciendaServicio de Estudios; eigene Auswertung*(nach eigenen Berechnungen)
Viehwirtschaft
Bild
45:
Quelle:
Anuario Estatistico 1989, Junta de Castilla y Leon. Consejería de Economía
y HaciendaServicio de Estudios; eigene Auswertung
Bild
46:
Honig
und Wachs
Quelle:
Anuario Estatistico 1989, Junta de Castilla y Leon. Consejería de Economía
y HaciendaServicio de Estudios; eigene Auswertung
Bild
47:
Die
Entwicklung des Tierbestandes [in 1000 Tieren]
Rinder,
Schafe und Ziegen;
Schwein,
Pferd, Muli und Esel:
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.140-141.
Die
Unternehmen in Soria
Während die heutige Landwirtschaft zum größten Teil
auf Export ausgerichtet ist, decken die sonstigen Unternehmen hauptsächlich
die Bedürfnisse der eigenen Provinz.
Bild 48: Unternehmen 1982: Anzahl, Beschäftigte
Bild
49:
Unternehmen
1982: Anzahl, Beschäftigte in %
Quelle:
A.Cordoba Largo, S.184; eigene Auswertung
Es passiert öfter, daß die gegenwärtige Art des Wirtschaftsdenkens
und des Wirtschaftsystems beim Versuch der Lösung drängender Probleme
vom Regen in die Traufe führt, mit oft absurd anmutenden Lösungen.
Zum Beispiel in der Landwirtschaft. Die Mechanisierung und der Kunstdünger-
und Pestizideinsatz hat eine Massenproduktion ermöglicht, die zur Ideologie
geworden ist. Die damit entstandenen Strukturen machen Lebensmittelanbau in
Berggebieten wie in Soria, aber auch in den Alpen "unrentabel".
In diesen Gebieten sollen die Landwirte dafür bezahlt werden, daß
sie landwirtschaftliche Flächen stillegen, das heißt anders ausgedrückt,
daß sie bezahlt werden dafür, daß sie nichts tun. Eine für
Menschen unbefriedigende "Beschäftigung".
Das Bedürfnis nach einer sinnvollen Betätigung scheint eine
Konstante bei Menschen in Europa zu sein. Die Beobachtung zeigt, daß
auch Frühpensionisten oft nach einer Betätigung suchen, die dann
"Schwarzarbeit" genannt wird. Auch alte Personen sind glücklich,
wenn sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten sinnvoll betätigen können.
Bild
50:
Die
Suche nach sinnvoller Beschäftigung ist eine Konstante
Auf der anderen Seite wird in anderen Gegenden in Überstunden
über den Bedarf produziert, und über die Grenzen, die die Umwelt
verträgt.
Die Absurdität unserer ökonomischen Strukturen beschreibt
E.F. Schumacher so: "Diese ungewöhnliche Situation resultiert zum
Teil aus unserer Gewohnheit, uns in Produzent und Konsument zweizuteilen,
die in zwei verschiedenen Welten leben und von zwei verschiedenen Wertsystemen
beherrscht werden.
Als
Produzent, sei es in der Fabrik, in der Werkstatt, im Büro, stehe ich
unter ständigem Druck, »Zeit zu sparen«. Als Konsument, außerhalb
der Arbeitszeit, verschwört sich alles, mich dazu zu bringen, »Zeit
totzuschlagen«.
Als
Produzent muß ich haushalten, »Luxus« meiden- sogar für
Teepausen muß ich um Entschuldigung bitten. Als Konsument wird mir durch
die Gehirnwäsche der offenen und versteckten Verführer nichts als
Vergeudung, Vervielfachung des »Luxus« und Nachsichtigkeit gegenüber
immer kunstvolleren Teepausen eingebleut.
Erbarmungslose
Nützlichkeit: grenzenlose Nutzlosigkeit; Disziplin: freies Gewährenlassen;
minimale Rücksicht für persönliche Eigenarten: maximale Rücksicht
gegenüber persönlichen Verschrobenheiten- so sind wir darauf eingestellt,
Attitüden und Rollen kontinuierlich zu wechseln, und geraten wahrscheinlich
in den größten Zwiespalt, sollten wir irgendje die beiden Rollen
tauschen und uns zum Beispiel als Konsumenten verhalten, wenn erwartet wird,
daß wir uns wie Produzenten verhalten. Arbeit ist etwas entmenschlichtes
geworden, und noch so viel Nachsicht während der sogenannten Freizeit
kann für den Verlust nicht entschädigen.
Nun,
Professor Kohr glaubt und argumentiert, daß das alles eine Menge, in
der Tat entscheidend, mit der Größe der Einheiten zu tun hat. Die übelste der Mythologien
moderner Ökonomie ist die Mythologie der Größe, wobei als
axiomatisch gilt, daß groß »ökonomisch» und klein
»unökonomisch« ist. Das Lebensganze ist in einen kafkaesken
bösen Traum getaucht."
[10]
Die
Umsetzung von neuen Ideen
Alejandro
Cordoba Largo hat über sein Buch schon 1983 viele Ideen veröffentlicht,
zum Beispiel:
-
Schulzentren über die ganze Provinz verteilen
-
Forschungs- und Beratungsstellen für die landwirtschaftliche Entwicklung
einrichten
-
Verbesserung und Ausbau der Straßen zwischen den Dörfern (das einzige,
was verwirklicht wurde)
-
Forschung und Experimentation von neuen, angepaßten Anbaumöglichkeiten
-
Ausbau des sanften Tourismus verbunden mit einem Kennenlernen der eigenen
Tradition und der eigenen kulturellen Reichtümer
-
Aufbau einer umwelt- und menschenverträglichen Industrie
Schon damals erkannte Alejandro Cordoba Largo, daß es darum geht,
daß die in der Provinz verfügbaren Rohstoffe in der Provinz verarbeitet
werden und dem lokalen Markt zugänglich werden. Die Land- und Forstwirtschaft
könnte restrukturiert werden, die Arbeit in diesem Bereich würde
aufgewertet, um diesen Bereich herum könnte eine Kleinindustrie entstehen.
Weitere Möglichkeiten liegen im Fischfang, in der Jagd, im Tourismus
und in der Kälte. Die Kälte, die bis jetzt als Manko empfunden wurde,
kann zum Moment des Stolzes und der wirtschaftlichen Verwertung werden: die
Frische im Sommer macht das Leben leichter, der Schnee und das Eis im Winter
ermöglichen den ersehnten Wintersport.
"...
aprovechando el insuperable clima de verano y la existencia de parques y paisajes
bellísimos. Aprovechar, también, el frío clima provincial,
fomentar el esquí y el montañismo y hacer que ese mismo clima
se convierta en motivo de orgullo y llegemos a utilizar publicitariamente
el hecho de que cada día la provincia aparezca en los telediarios como
el observatorio en el que se ha registrado la temperatura más baja.
Hacer, sí, que nuestro frío seco sirva algo más que para
aparecer en los partes metereológicos y aprovecharlo para el secado
del chorizo, bacalao, etc. "
[11]
Mit den neuen, auch ökologischen, Techniken zur Wärmedämmung
und zur Nutzung passiver Sonnenenergie kann das Innenraumklima der Häuser
entscheidend verbessert werden. Die Wärme innen macht die Kälte
außen zum angenehmen Erlebnis (siehe auch Bauweise ). Einfache, aber
effiziente Gewächshäuser ermöglichen gerade im Klima und Berggebiet
von Soria den Anbau von vielen Gemüsesorten, und dies leichter
geht als im Mühlviertel in Österreich: "In einem mit einfachsten
Mitteln errichteten Gewächshaus gedeihen Auberginen, Pfefferoni, Tomaten,
Gurken, Radieschen etc. und liefern den Nachweis, daß Gartenbau auch
in ungünstigen Berggebieten mit guten Deckungsbeiträgen möglich
ist."
[12]
In der Zwischenzeit hat sich gezeigt, daß so gut wie keine dieser
Ideen verwirklicht worden sind. Sie haben keinen Anklang gefunden. Ich erkläre
mir dies damit, daß sie, obwohl eigentlich durchführbar, nicht
auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Einerseits ist die Fallgeschwindigkeit
von geschriebenen Wörtern sehr gering, andererseits ist der Boden nicht
aufnahmefähig. Das geistig depressive Klima und die ungünstigen
Rahmenbedingungen (d.h. immateriellen Strukturen) haben den Boden ausgetrocknet.
Mein Anliegen ist es, Möglichkeiten zu finden, wie dieser Boden "bewässert"
werden kann, damit aus eigener Kraft wieder Früchte entstehen. Für
die in Soria lebenden Menschen kann es nicht beglückend sein, von den
Subventionen und Almosen der EG zu leben. Erst ein lebendiges Wirtschaftsleben
schafft es, daß die Häuser und Dörfer am Leben bleiben.
Nichts
als Fragen...
Werden ökologische Prinzipien in der Planung und Benutzung einer
Siedlung angewandt aus Idealismus oder aus Notwendigkeit (rechtlich, finanziell,....)?
Von
wem erwarten wir betriebswirtschaftliches Denken, von wem volkswirtschaftliches
Denken?
Können wir es den Betrieben übelnehmen, daß sie betriebswirtschaftlich
denken?
Können
wir es den "Volksvertretern" übelnehmen, daß sie volkswirtschaftlich
denken?
Was sind Axiome des betriebswirtschaftlichen Denkens?
Energiepreise?
Materialpreise?
Arbeitsrecht?
Steuerrecht?
Umweltrecht?
Von
wem und wodurch werden sie bestimmt?
Voraussetzungen
(Immaterielle Grundstruktur):
Bodenrecht:
Besitz: Gemeinde
Nutzung:
individuell durch Erbpacht
Mietrecht:
Wohnen ist ein Grundbedürfnis, kein Konsumartikel, wo Profit gemacht
wird
Genossenschaftsrecht:
Bauen,
Arbeiten, Wohnen, Landwirtschaftliche Produkte
Da
die Produktion in Länder mit niederen sozialen und ökologischen
Erwartungen verlagert wird, wird ein neues Genossenschaftsmodell erforderlich
(Beispiel siehe Italien: Lega delle cooperative), anders ausgedrückt:
Mitbestimmung im Managing.
Steuerrecht:
Material-und
Energieeinsatz werden stärker besteuert, Arbeitskraft weniger.
Geldsystem:
Ein
zinsloses Geldsystem befreit vom Zwang zu ständigem quantitativen wirtschaftlichen
Wachstum.
Verkehrsstruktur:
Prinzipien:
"Schutz der Schwächeren vor den
Stärkeren"
"Alle Verkehrsteilnehmer haben gleiches
Recht auf Benützung des öffentlichen Raumes"
"Hochwertige,
leichte Güter (wie Gewürze und Informationen) dürfen weiterhin
um die Welt kreisen - niederwertige,
schwere Güter (wie Kartoffeln und Tomaten) sollen aus dem nahen Umkreis
kommen."
Organisierte
Selbsthilfe:
Modell
wie beim Sonnenkollektorenbau in Österreich und Südtirol
Rechtsystem:
1)
Islamisches Prinzip: "Nutze alle Vorteile, nimm sie aber deinem Nachbarn
nicht weg!"
betrifft Sonne, Luft, Aussicht, Wasser
2)"Wahrung
des freien Marktes": Der Europäische Gerichtshof bemüht sich,
Verzerrungen des freien Marktes entgegenzuwirken. Momentanes Kriterium ist
-
die Subventionierung von Produkten bzw. Firmen
erforderliche
weitere Kriterien für inländische und ausländische Produkte
bzw. Firmen sind:
-
Umweltverträglichkeit
-
Lohnniveau
-
Arbeitsschutz
-
Sozialverträglichkeit
-
Transportweg
-
Folgekosten aller Art
Demokratische
Strukturen:
Zukunftswerkstätten
Schulung
des selbstverantwortlichen Handelns in den Schulen
Übungszentrum
für gewaltlose Konfliktaustragung
effiziente
Mitbestimmung
Eine
zynische Entwicklung:
"Wir
gehen mit der Erde um, als hätten wir eine zweite im Kofferraum"
Wir
haben eine zweite im Kofferraum, nämlich die "virtuelle Stadt".
Die Flucht aus der Stadt , die Flucht aus der Wirklichkeit erreicht eine weitere
gewinnmaximierende Dimension.
Vernetztes
Denken
Das Ziel meiner Bemühungen ist die Revitalisierung von Dörfern
in Soria. Die Erhaltung von Gebäuden und Dörfern ist nur ein Teil
einer Revitalisierung, denn von einem Museumsdorf kann man nicht behaupten,
daß es vital sei. Die Einsicht um die Ursachen des Zerfalls führen
zu einem vernetzten Denken. Die Welt ist ein vernetztes System, und Soria
als Provinz ist in sich vernetzt und mit der Welt vernetzt. Frederic Vester
schreibt dazu: " Wenn man sich mit Systemen beschäftigt, dann muß
man zwangsweise die Orientierung in seinem eigenen Fachgebiet radikal ändern.
Man darf nicht mehr in dieses Fach hineinschauen- mit dem Rücken zur
Welt, sondern man muß aus ihm herausschauen. ... Dabei haben wir sehr
bald eine eigenartige Feststellung gemacht, nämlich, daß es offenbar
nicht nur Naturgesetze gibt, die die Dinge selbst betreffen, wie die Physik
und Chemie von Werkstoffen oder wie die Statik eines Gebäudes oder die
Funktionsweise eines Kraftwerks, sondern, daß es auch Gesetzmäßigkeiten
geben muß- sozusagen Systemgesetze-, die sich immer der wissenschaftlichen
Betrachtung entzogen haben, weil sie ausschließlich das Geschehen zwischen
den Dingen betreffen. ... Sobald verschiedene, bisher getrennte Elemente zusammenkommen
und eine organisierte Struktur, also ein System bilden, kommen zu den wohlbekannten
Gesetzen der
Einzelelemente auf einmal jene
Systemgesetze hinzu und fangen an zu arbeiten. Sie sind es, die dann auf einmal
weit mehr als die bekannten Kausalgesetze die zukünftige Entwicklung
des Systems bestimmen: zum Beispiel sein Wachstumstendenz, seine Innen- und
Außenabhängigkeit oder seine Störanfälligkeit, kurz sein
Verhalten."
[13]
Wie komplex Systeme, wie vernetzt Regelkreise sein können, zeigt
folgendes Bild:
Bild
51:
Ausschnitt
aus dem Arbeitsprogramm einer menschlichen Körperzelle
[14]
Bild
51a:
Detailausschnitt
dieses Arbeitsprogramms
Die schlimme Situation in Soria macht auch die Zusammenhänge zwischen
den Systemen deutlich: die Dörfer und Häuser verfallen, weil niemand
mehr drinnen wohnt, der sie pflegt; niemand wohnt mehr drinnen, weil es nicht
ausreichend bezahlte Arbeit gibt. Dies deshalb, weil die Landwirtschaft nicht
mehr so funktioniert wie früher und weil die wirtschaftliche Entwicklung
ganz auf der Landwirtschaft aufgebaut hat. Die Landwirtschaft wurde so stark
industrialisiert, weil es zu wenig Arbeitskräfte gab und weil Maschinen
und Energie billiger waren als Arbeitskräfte. Die Arbeitskräfte
emigrierten, weil die Landwirtschaft so stark industrialisiert wurde. Die
Dörfer sind deshalb so in der Provinz verstreut, weil sie von landwirtschaftlich
bebaubaren Flächen umgeben sein mußten, weil die Landwirtschaft
eben die Haupterwerbsquelle bildete. Weil die Dörfer so klein und verstreut
sind, lebten die Menschen dort so abgeschieden. Um die Landwirtschaft zu industrialisieren,
wurde eine Kommassierung notwendig. Die Kommassierung berücksichtigte
weder die natürlichen Bodenverhältnisse, noch ökologische Räume
wie Hecken. Dadurch macht die Landwirtschaft sich von Pestizideinsatz abhängig.
Et cetera.
Wenn es keinen Wendepunkt in dieser Entwicklung gibt, schaukelt sich
dieses System durch positive Rückkoppelung so weit auf, bis der Grenzwert
erreicht ist, wo das System umkippt. Die Grafiken von Frederic Vester veranschaulichen
nach meiner Meinung sehr gut die Mechanismen dieser Systeme.
Bild
52:
Rückkoppelungsarten
[15]
Bild
53:
Grenzpunkt
und Wendepunkt
[16]
Diese Systeme sind innerhalb noch weiter vernetzt,
und außerhalb auch. Die Zusammenhänge machen deutlich, daß
es oft nicht viel bringt, wenn man ohne das Wissen um die Vernetzungen Reparaturen
tätigt. Allerdings haben es Regelkreise auch in sich, daß man zur
Steuerung in einigen neuralgischen Punkten ansetzen kann, weil die Systeme
ja vernetzt sind.
Frederic Vester schreibt weiter: "In einem System kommen wir ab
einem gewissen Zeitpunkt mit den gängigen Hochrechnungen niemals aus.
Wir finden immer wieder Fernwirkungen, Langzeitwirkungen, Irreversibilitäten,
Grenz- und Schwellübergänge, Resonanzphänomene, Paradoxien
und andere nichtlineare Wirkungen höherer Ordnung. Weil es auf das Muster
dieses Zusammenspiels aller Lebensbereiche ankommt und nicht nur auf das betrachtete
Problem, werden die üblichen Prognosemodelle nie funktionieren. Da diese
immer wieder unvollständig bleiben müssen - denn sonst müßten
wir in der Detaillierung bis hinunter zum einzelnen Atom gehen-, sind Modelle
der herkömmlichen Art grundsätzlich überfragt. So wie bei der
extrapolierten Wettervorhersage, die trotz der in den letzten Jahren vorgenommenen
Anreicherung des Datenmaterials durch eine Vertausendfachung der automtischen
Meßstationen bei einer über 24 Stunden hinausgehenden Prognose
nach wie vor über statistische Zufallstreffer nicht hinauskommt.
Die
Art, wie wir die Wirklichkeit betrachten, benötigt also eine neue Dimension.
Neben dem simplen Ursache-Wirkungs-Denken der Vergangenheit, das sich an Einzelproblemen
orientiert, brauchen wir eine Hinwendung zu einem Denken in größeren
Zusammenhängen - zu einem Verständnis jener komplexen Systeme, aus
denen unsere Welt besteht.
Wenn
es um ein Erkennen des Systems geht, dann helfen uns die vordergründigen
Details - so nützlich sie etwa für die Wahl der späteren Operatoren
einer Strategie sind- überhaupt nicht. Im Gegenteil, je unschärfer
sie werden, umso deutlicher sagt uns das Bild, was es als Ganzheit darstellt."
[17]
Ich würde noch ergänzen: manchmal fällt das Verhältnis
von Aufwand und Nutzen von wissenschaftlicher Akribie sehr schlecht aus, in
anderen Fällen erweist es sich als günstig.
Manchmal
schaffen Experimente mehr an Erkenntnisgewinn als fleißige Datensammlung
und -Auswertung, besonders, wenn das Verhalten von Menschen mit im Spiel ist.
In diesem Fall werden Prognosen oft sehr ungenau und schießen am eigentlichen
Ziel vorbei. Es kommt vor, daß die Forderung nach sicheren Prognosen
von Leuten mit undemokratischer Absicht gestellt werden, schließlich
erspart die Beschäftigung mit dem Durchschnittsmenschen ein sich Beschäftigen
mit den sehr verschiedenen wirklichen Menschen, die sich alles andere als
konstant entwickeln. Es ist bequemer, sich in Kisten mit Daten zu stürzen,
als sich in das politische Geschehen einzumischen.
Frederic Vester hat einen "Papiercomputer"
entwickelt, mit dem die Wechselwirkungen und die Schlüsselelemente herausgefunden
werden können.
[18]
Bild
54:
Der
Papiercomputer
Dieses Übungsmodell ist hilfreich, folgende Fragen annähernd
zu beantworten:
Welches Element beeinflußt alle anderen am stärksten, wird
aber von ihnen am schwächsten beeinflußt (aktives Element)? =>
höchste Q-Zahl.
Welches Element beeinflußt alle anderen am schwächsten,
wird aber von ihnen am stärksten beeinflußt (reaktives Element)?
=> niedrigste Q-Zahl.
Welches Element beeinflußt die übrigen am stärksten
und wird gleichzeitig auch von ihnen am stärksten beeinflußt (kritisches
Element)? => höchste P-Zahl.
Welches Element beeinflußt die übrigen am schwächsten
und wird gleichzeitig auch von ihnen am schwächsten beeinflußt
(ruhendes oder pufferndes Element)?
=> niedrigeste P-Zahl.
Welches
ist das am stärksten beeinflussendes Element? => höchste AS-Zahl
Welches
ist das am meisten beeinflußtes Element? => höchste PS-Zahl
AS=Aktivsumme,
PS=Passivsumme, Q=AS:PS, P=AS*PS
Die Bewertungen der Elemente werden nach subjektiver Einschätzung
vorgenommen, je nach dem vorhandenen Stand des Wissens um die Wechselwirkungen.
0=keine
Einwirkung
1=schwache
Einwirkung
2=mittlere
Einwirkung
3=starke
Einwirkung
"Obwohl wir bei diesem Hilfsmodell nie alle beteiligten Elemente
berücksichtigen oder überhaupt kennenlernen können und obwohl
die Wechselwirkungen feiner bewertet werden müßten, um eine stichhaltige
Analyse und Entscheidungshilfe zu geben, öffnet dieses Denkspiel doch
ein wichtiges Verständnis: die Einfühlung in die fluktuierenden
Zusammenhänge und in das empfindliche Wechselspiel eines kybernetischen
Systems ...Es sei erwähnt, daß die Methode inzwischen mit Erfolg
auch über das »Spiel« hinaus in einer Reihe von Projekten
angewandt wurde und zur Ermittlung der Schlüsselelemente von komplexen
Systemen geführt hat."
[19]
Arbeitsstrukturen
und Kooperativen
Spanien ist wie viele andere Länder auch mit dem Problem konfrontiert,
daß viele Produktionsstätten in die "Dritte Welt" verlegt
werden, weil dort die Arbeitskräfte 10 bis 40 mal billiger sind als bei
uns, weil es dort Arbeiter- und Arbeitsschutz so gut wie nicht gibt. Zudem
gibt es keine scharfen Umweltgesetze, die die Unternehmen zu mehr Rücksicht
auf die Natur animieren würden. Kurzum, es findet ein richtiges Sozial-
und Umweltdumping statt.
Gewinnbringend
bleibt diese Verlagerung der Produktionsstätten auch nur dadurch, daß
viele Kosten, die durch so weite Transporte entstehen, auf Dritte abgewälzt
werden: die Infrastrukturen werden von der öffentlichen Hand beigestellt,
die Umweltschäden belasten die Allgemeinheit und die nächsten Generationen
und werden auch von beiden zum Teil repariert, mit den räumlichen Strukturveränderungen
müssen auch die heutige und die zukünftige Allgemeinheit
fertig werden.
Besitzer und Arbeiter eines Unternehmens, dessen Produktionsstätte
in ein anderes Land verlegt wird, sind meistens nicht in einer Personalunion.
So betrachten die Besitzer ihre Arbeiter nur als Mittel zum Zweck, zum Zweck
der Gewinnmaximierung. Wenn Erstere die Möglichkeit erlangen, andere
gewinnbringendere Mittel einzusetzen, und sofern die Gesellschaft dies duldet,
werden die weniger gewinnbringenden Mittel dem Staat und sich selbst überlassen.
Diese Mittel werden dann zu arbeitslosen Elementen, zu Sozialschmarotzern,
die nur zu faul zum Arbeiten sind. Wer nicht arbeitet, ist nichts wert.
Die einen sehen als Lösung dieses Problems eine gerechtere Verteilung
des Reichtums zum Beispiel durch die Einführung eines Mindesteinkommens.
Die Diskussion darüber ist mindestens schon ein Jahrzehnt alt, aber unsere
Gesellschaft scheint nicht reif für deren Umsetzung zu sein.
Die anderen setzen auf der individuellen Ebene an und versuchen, den
Menschen dabei zu helfen, daß sie ihr Objekt- Sein abstreifen und sich
im Subjekt- Sein üben. In dieser Methode ist es nicht notwendig, sofort
die ganze Welt zu ändern, und doch bewegt sich die Welt. In Ko-operativen,
in den kleinen Strukturen der Zusammenarbeit, sind Besitzer und Arbeiter der
Unternehmen in Personalunion. Solche Besitzer haben kein Interesse, den Arbeitern
(=sich selber) den blauen Brief zu schreiben. Wichtig ist dabei, daß
die Strukturen der Zusammenarbeit klein bleiben, und dadurch überschaubarer,
verständlicher und erlebbarer sind.
Die
Entwicklung von Kooperativen und des Genossenschaftswesens
Die Genossenschaftsidee ist schon uralt, man denke auch an die christlichen
Urgemeinschaften.
Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) ist einer der Entwickler im
19.Jahrhundert. Er initiierte den Straßenbau als Maßnahme zur
Arbeitsbeschaffung und zur Anbindung der Landwirtschaft an regionale Märkte,
den Aufbau von Schulen und Volksbibliotheken, um die Allgemeinbildung der
Bevölkerung zu heben. Der nächste Schritt war der Aufbau von Darlehenskassen
und von Genossenschaften und auch der Wohlfahrtspflege.
[20]
In Italien gibt es schon seit einiger Zeit den "Bund der Genossenschaften",
"lega delle cooperative", eine Vereinigung, die sich die
Förderung zur Bildung von Genossenschaften zum Ziel gesetzt hat. Darüber
hinaus werden die Genossenschaften laufend betreut und in ein System von Solidarität
und Demokratie eingebunden. Meineserachtens ist es wichtig, daß Genossenschaften
nicht zu groß werden, weil sonst die Mitsprachemöglichkeiten von
Einzelnen zu sehr in der Masse verschwinden, was dazu führt, daß
sich die Mitglieder von der Organisation entfremden und die Organisation Wege
geht, die die Mitglieder gar nicht mehr wollen. Auch hier gilt, was Leopold
Kohr gesagt hat:
"Klein
sein oder nicht sein, das ist hier die Frage" und
"Was
man im lokalen Bereich machen kann, soll man im lokalen machen, was man im
regionalen Bereich machen kann, soll man im regionalen machen, nur was man dort überall
nicht machen kann, soll man im internationalen Bereich machen";
Die Zitate sind sinngemäß übernommen von Leopold Kohr
(gest.28.2.1994), österreichischem Kleinheitstheoretiker und -praktiker,
alternativer Nobelpreisträger.
[21]
Wie und ob Genossenschaften funktionieren, hält von den Spielregeln
ab, die dort eingeführt sind. Das gilt nicht nur für Soria, wo ein
paar Genossenschaften in den 70er Jahren angeblich nicht funktioniert haben.
In Italien entstanden Genossenschaften in allen Lebensbereichen, von
der Bauwirtschaft zur Bildung, von der Sozialversicherung zur Landwirtschaft.
Den Arbeitern einer Textilfabrik im Nonstal in Südtirol gelang es, den
in Konkurs geführten Betrieb von den Eigentümern zu übernehmen
und erfolgreich selbständig weiterzuführen.
Weiters wurde START gegründet, ein Fond zur Unterstützung,
Förderung und Entwicklung des Genossenschaftswesens, in den alle Genossenschaften
3 % ihres Jahresgewinnes einzahlen, und wenn eine Genossenschaft sich auflöst,
geht das Restkapital in diesen Fond über.
[22]
Ein
genossenschaftliches soziales Netz
Die Gründung von genossenschaftlichen Sozialversicherungen wurde
in Italien notwendig, weil der Staat durch Mißwirtschaft und Verschuldung
mit der eigenen Versicherung den Gesundheitsdienst nicht mehr erhalten kann.
Den privaten Sozialversicherungen geht das Prinzip der Solidarität
und des sozialen Ausgleichs ab, sie bieten nur so eine Art Sparbuch an: was
hineingeht, kommt auch wieder heraus. Wer vielleicht irgendwann mehr bräuchte,
hat eben Pech gehabt. Wer mehr einzahlt, bekommt den besseren Gesundheitsdienst.
Die genossenschaftliche Sozialversicherung soll den Bereich abdecken,
den der Staat sich nicht mehr leisten will.
[23]
Überhaupt ist es auch in Soria sinnvoll, die staatliche Sozialversicherung
mit einer genossenschaftlichen zu ergänzen, die allerdings weniger als
Krankenkasse, sondern mehr als Gesundheitskasse fungieren wird:
Hier werden auch Naturheilmethoden wie die Homöopathie und Heilkräuter
bezahlt, weil sie mit kleinerem finanziellen Aufwand die Menschen gesünder
machen. Zudem verwenden sie lokale Ressourcen wie Kräuter, das Wissen
darum und die Kenntnis sonstiger Heilweisen, wie die
der Homöopathie, der gesunden Ernährung, der Kneippkuren (die Kälte
Sorias, des Schnees und der Gebirgsbäche
zum Nutzen der Gesundheit und der Wirtschaft).
Weiters werden in Soria statt neuen Pflegeheimen
dezentral liegende Wohngemeinschaften von alten Leuten gebildet, die
über eine Station mit Krankenpflegepersonal verfügen. Ein Arzt betreut mehrere solcher Wohngemeinschaften.
Wenn solche Wohngemeinschaften im ländlichen Raum liegen, können
die alten Leute noch einige Tätigkeiten ausüben, die ihnen Sinn
geben und für die Gesellschaft wichtig sind.
Mittel
und Strukturen zum Austausch von wirtschaftlichen Tätigkeiten
Auf der einen Seite ist es offensichtlich, wie viel Arbeit und Ideen
in die Provinz Soria hineingesteckt werden könnten, damit es den Menschen
und der Umwelt dort besser geht, andererseits emigrieren viele Menschen aus
Soria, weil sie dort keine Arbeit finden, und in Spanien insgesamt gibt es
eine Arbeitslosigkeit von 20%.
Irgendwo und irgendwie ist der Austausch von wirtschaftlichen Aktivitäten
blockiert.
Mittel
zum Austausch ist in vielen Ländern der Welt das sogenannte Geld geworden. "Geld" hängt mit
"Geltung" zusammen, ist ein Mittel zum Ausdruck dafür, welchen
Wert wir gewissen Dingen und Arbeiten zuerkennen. Insofern ist Geld immer
relativ, es hängt von unseren Wertvorstellungen ab, wieviel Geld ein
bestimmter Nutzen oder Schaden wert ist. Geld behält seinen immateriellen
Charakter, auch wenn wir Menschen im Lauf der Geschichte versucht haben, dem
Geld festere Formen zu verleihen.
Arbeitsintensive Materialien wurden zum Maß. Wenn sich die einen
Kulturen mit Kaurismuscheln ein Maß für den wirtschaftlichen Austausch
geschaffen haben, haben die europäischen Kulturen auf der Basis von Gold und Silber ihre Einheiten des Austausches
gefunden: Goldmünzen, Silber-
oder Kupfermünzen, Münzen aus anderen, manchmal leicht reproduzierbaren
Materialien (aber oft auf der Basis des Goldbesitzes), Papiergeld, Kreditkarten.
Mit der letzteren Geldform wird das Geld zunehmend immaterieller, statt dem
Transport von Fässern mit Münzen oder Koffern mit Papierscheinen
genügt schon ein Austausch von Daten, zudem lösen sich die Währungen
zunehmend vom Gold als Maß.
Das Wesen des Austausches über Geld möchte ich folgendermaßen
skizzieren:
Wenn
zwei Personen in ein Tauschverhältnis treten, werden die Werte gegenseitig
direkt bestimmt, es gibt keinen externen Wert. Ein Beispiel: 1 gibt an 2 einen
Stuhl, 2 gibt an 1 fünf Kisten Äpfel. Beide sind mit dem Tausch
zufrieden, er gilt. Ganz gleich, ob es daneben Geld gibt oder nicht, ob das
Geld entwertet wurde oder nicht, der Tausch funktioniert.
Wenn
drei Personen an einem Tausch beteiligt sind, wird es schon sinnvoll, eine
Bezugsgröße einzuführen. Eine Bezugsgröße kann
Geld sein, oder Gold, eine verderbliche Ware oder eine nicht verderbliche
Ware. Ein Beispiel: 1 gibt an 2 einen Stuhl, 2 gibt an 3 fünf Kisten
Äpfel, 3 gibt an 1 eine Bohrmaschine und eine Schachtel Schrauben. Sie
sind auch mit dem Tausch zufrieden, denn nach ihrer Vereinbarung gilt: ein
Stuhl entspricht zwanzig bestimmten Bezugsgrößen (BB), fünf
Kisten Äpfel entspricht 20 BB, die Bohrmaschine inklusive einer Schachtel
Schrauben ist auch 20 BB wert.
Je
mehr Personen in ein solches indirektes Tauschverhältnis treten, desto
wichtiger ist BB, die bestimmte Bezugsgröße. Ein Problem tritt
auf, wenn die Bezugsgröße selbst ihren Wert ändert: Gold wird
teurer, weil es knapper wird; Kaurismuscheln werden billiger, weil plötzlich
viele gefunden wurden; Papiergeld wird plötzlich weniger wert, weil zuviel
nachgedruckt wurde; mit Italienischer Lire kann man plötzlich in Österreich
weniger kaufen, weil die politische Vertretung beschlossen hat, daß
sie weniger wert ist; und so weiter. Recht intelligent sind Staaten, die ihre
Bezugsgröße an eine relativ stabile von anderen anhängen,
so zum Beispiel Restyugoslawien, das den Dinar an die Deutsche Mark angehängt
hat, oder auch Österreich, das den Schilling auch an die DM gekoppelt
hat.
Probleme
des herkömmlichen Geldsystems
Die materielle Form von Geld hat es mit sich gebracht, daß es
gehortet, gesammelt, "gespart" werden konnte. Es verdirbt nicht,
wie andere Produkte, die auch gehortet, gesammelt, "gespart" werden
können: Äpfel werden nach einiger Zeit des Lagerns faul, Milch fängt
an zu stinken, und der Butterberg der Europäischen Gemeinschaft, den
sie wie unter das Kopfkissen
legt, damit ihr über Nacht etwas einfalle,
kann auch nur durch kostenintensive Kühlung vor dem Verderben
geschützt werden. Geld kann in seiner heute quasi immateriellen Form
nicht faulen, nicht stinken, es verdirbt nicht, es verdirbt nur den Charakter.
Das Sammeln von Geld ist zu einer Leidenschaft, zu einer Besessenheit geworden,
und wird von der Gesellschaft noch belohnt. Geld läßt man "arbeiten"
dadurch, daß man Geld vor dem Umlauf zurückbehält und für
die Freigabe einkassiert. Eine ziemlich unproduktive Arbeit allerdings: Besitzende
erzielen ein Einkommen ohne
eigene Leistung auf Kosten anderer.
Obwohl nun Geld wieder immaterieller geworden ist, wird mit ihm gleich
umgegangen, als wäre es noch materiell: es wird gehortet und gesammelt
und anderen Leuten vorbehalten.
Die Architektin, Stadtplanerin und Ökologin Margrit Kennedy beschreibt
die Eigenschaften des Geldwesens so: "Weil Geld den Austausch von Gütern
und Dienstleistungen enorm erleichtert und damit eine arbeitsteilige Wirtschaft
erst möglich macht, ist es eine der genialsten Erfindungen der Menschheit.
Würden wir beispielsweise in einem Dorf leben, wo man nur Tauschhandel
kennt, und dort ein Kunstwerk produzieren, das lediglich den Beerdigungsunternehmer
interessiert, so könnten wir für unser Kunstwerk nur Särge
einhandeln und müßten bald aufgeben. Bekommen wir Geld dafür,
können wir es gegen alles eintauschen, was wir brauchen. Geld schafft
also Möglichkeiten zur Spezialisierung und ist somit die Grundlage unserer
Zivilisation.
Das Problem besteht nun darin, daß Geld nicht nur dem Austausch von Gütern und Dienstleistungen dient, sondern
diesen ebenso behindern kann, wenn es nicht in Umlauf kommt. Somit wird eine
Art "privater Zollstation" geschaffen, an der jene, die über mehr Geld verfügen, als
sie gerade benötigen, von den anderen, denen es fehlt, einen "Freigabetribut"
oder Zins erzwingen können. Die Ökonomen betrachten wie die meisten
Menschen den Zins als den Preis für Geld. So wie für alle anderen
Waren ein Preis bezahlt werden muß, so entrichtet man auch für
die begehrteste aller Waren- das Geld- einen Preis. Das macht zuerst einmal
Sinn und scheint logisch. Doch ist dies ein faires Geschäft? Die Antwort
lautet: keineswegs! Tatsächlich könnte man unser gegenwärtiges
Geldsystem, wie wir sehen werden, heute in allen demokratischen Nationen als
verfassungswidrig bezeichnen. "
[24]
Kennedy
beschreibt vier Mißverständnisse:
1)
Es gibt nicht nur eine Art von Wachstum, sondern:
-den
natürlichen Ablauf- das biologische Wachstum ist dadurch gekennzeichnet,
daß es ab einem gewissen Zeitpunkt sich immer mehr verlangsamt, allerdings
dann vom quantitativen in ein qualitatives Wachstum übergeht. Es ergibt
sich eine "Annäherungskurve".
-den
linearen Ablauf- mechanistisches Wachstum, z.B. mehr Menschen erzeugen mehr
Güter.
-den
exponentiellen Ablauf- am Anfang ist das Wachstum noch gering, steigt dann
aber immer mehr an. "Im physischen Bereich der Natur spielt sich ein
solches Wachstum gewöhnlich dort ab, wo Krankheit und Tod zu finden ist.
Krebs, zum Beispiel, folgt einem exponentiellen Wachstumsmuster. Zuerst entwickelt
er sich langsam. Aus einer Zelle werden 2, daraus 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256,
512 usw. Er wächst also beständig schneller, und wenn man die Krankheit
schließlich entdeckt, hat
sie oft bereits ein Stadium erreicht, in dem sie nicht mehr geheilt oder zumindest
zum Stillstand gebracht werden kann. Exponentielles Wachstum endet gewöhnlich
mit dem Tod des "Gastes" beziehungsweise des Organismus, von dem
er abhängt."
[25]
Prozentual
gleichbleibende Wachstumsläufe wie Zinseszinsen folgen dem Exponentiellen
Ablauf.
Bild
55:
Quelle:
Helmut Creutz. In: Kennedy, S.21
2)
Zinsen zahlen wir nicht nur direkt, wenn wir Geld ausleihen, sondern auch
indirekt, so betragen die Kosten für Kapitalverzinsen z.B. bei der Müllabfuhr 12 %, beim
Trinkwasserpreis 38%, und bei der Kostenmiete für den sozialen Wohnbau
sogar 77%.
Da stellt sich für Architekten die Frage, wo sie ihre Kräfte
investieren sollen, wenn sie ein ökologisches Bauprojekt betreuen: in
Kompromisse, um die Baukosten um lächerliche 5 bis 10% zu senken, oder
vielleicht doch in die Integration des Baues in ein zinsloses Geldsystem?
Bild
56:
Quelle:
Helmut Creutz. In: Kennedy, S.27
3)
Das gegenwärtige Geldsystem dient nicht allen gleichermaßen, sondern
sorgt für eine Umverteilung von denen, die wenig haben zu jenen, die
sowieso schon zuviel haben.
4)
Inflation ist nicht integrativer Bestandteil eines jeden Geldsystems, sondern
werden durch das Zinseszinssystem erst so richtig angeheizt. Allein schon
aufgrund des exponentiellen Wachstums wachsen die Schulden in den Volkswirtschaften
und in den Staatshaushalten schneller als deren Einkommen, was früher
oder später zu kleineren und größeren Kollapsen führen
muß und auch geführt hat.
Neue
Ansätze
"Im Laufe der Geschichte haben viele politische und religiöse
Führer, wie Moses, Aristoteles, Jesus, Mohammed, Martin Luther, Ulrich
Zwingli und Mahatma Gandhi, versucht, die soziale Ungerechtigkeit, die der
kontinuierliche Bezug von Zinsen verursacht, durch entsprechende Hinweise
oder ein Verbot von Zinszahlungen zu verhindern. So steht in 2.Moses 22,25:»Wenn
du deinem Bruder, einem Armen, Geld leihst, so sollst du ihm gegenüber
nicht wie ein Wucherer handeln. Ihr dürft ihm keinen Zins auferlegen.«
.Und Aristoteles sagt in Politik I, 3:»Der Wucherer ist mit vollstem
Recht verhaßt, weil das Geld hier selbst die Quelle des Erwerbs ist
und nicht dazu gebraucht wird, wozu es erfunden ward. Denn für den Warenaustausch
entstand es, der Zins aber macht aus Geld mehr Geld. Daher auch sein Name
(Geborenes). Denn die Geborenen sind seinen Erzeugern ähnlich. Der Zins
aber ist Geld von Geld, so daß er von allen Erwerbszweigen der Naturwidrigste
ist.«
Übersetzt
man den griechischen Urtext wörtlich, so steht bei Lukas 6,35: »Leihet,
ohne etwas dafür zu erhoffen.« Das Konzil von Nicäa im Jahr
325 nach Christus verbot allen Klerikern das Zinsnehmen. Die Strafe bei Übertreten
des Verbots war die sofortige Entfernung aus dem Amt. 1139 beschloß
das zweite Laterankonzil: »Wer Zins nimmt, soll aus der Kirche ausgestoßen
und nur nach strengster Buße und mit größter Vorsicht wiederaufgenommen
werden. Einem Zinsnehmer, der ohne Bekehrung stirbt, soll das christliche
Begräbnis verweigert werden.«
... Heutzutage fordern die Kirchen immer
wieder zu Spenden auf, um die Auswirkungen des Umverteilungsprozesses durch
das Geldsystem und die härtesten sozialen Probleme sowohl in den industriell
entwickelten als auch in den Entwicklungsländern zu lindern. Dies ist
jedoch nur ein Kurieren an den Symptomen, das den Systemfehler im Geldsystem
nicht berührt.
Ein
Zinsverbot enthält auch der Koran. Soweit sich Banken in islamischen
Ländern daran halten (bisher nur in einem sehr geringen Ausmaß),
vereinbaren sie Gewinn- und Verlustbeteiligung. "
[26]
Zu den Hinweisen und Verboten des Zinsnehmens
hat es in der Geschichte der Menschheit schon mehrere mehr oder wenig erfolgreiche Versuche mit zinslosem
Geld gegeben.
"Das älteste bekannte System ist das »Korngiro«-System
im ptolomäischen Ägypten (322-30 v.Chr.).
[27]
Ein
weiteres war das Tally-System in England, das etwa gleichzeitig wie die mittelalterliche
Brakteatenwährung in Deutschland zur Anwendung kam, und ein drittes das
umlaufgesicherte Papiergeld, das während der Ming- Zeit 1367 bis 1644
im hochmittelalterlichen China existierte."
[28]
Das Brakteatengeld bildete die Grundlage der kulturellen und wirtschaftlichen
Blüte des Hochmittelalters im deutschen Raum. Die Brakteaten waren einseitig
geprägte Münzen, die aus Silbermangel dünner hergestellt wurden
und deshalb oft zerbrachen. Sie wurden oft "widerrufen", wodurch
es keinen Anreiz gab, Geld anzusammeln. So blieb das Geld in Umlauf und hielt
den Wirtschaftskreislauf in Schwung. Das aus der keltogermanischen Rechtstradition
stammende und von der christlichen Lehre weitergeführte Zinsverbot "erübrigte sich
bald vollständig, denn der
Gläubiger war bei einem
Kreditvertrag zufrieden, wenn ihm durch das Verleihen die Kosten der Schlagsatzsteuer
erspart blieben."
[29]
Ähnlich funktionierten die Versuche in den Dreißiger Jahren
nach den Vorschlägen in Silvio Gesells Buch "Die natürliche
Wirtschaftsordnung" in Deutschland, Spanien, der Schweiz, Frankreich, den USA und in Österreich,
in Wörgl: nach Zustimmung der Einwohner wurden vom Wohlfahrtsausschuß
Geldscheine ("Arbeitsbestätigungen") im Wert von 32000 Schilling
herausgegeben, die dem gleichen Betrag österreichischer Währung
entsprachen. Die Nutzungsgebühr, ein Prozent monatlich (12% im Jahr)
wurde in Form von Stempelmarken an die Rückseite der Scheine geklebt,
nämlich von demjenigen, der den Schein am Ende des Monats besaß.
In der Folge blieb dieses Geld immer in Umlauf, wodurch die Arbeitslosigkeit
innerhalb dieses einen Jahres um 25% gesenkt werden konnte, während sie
im restlichen Europa ständig stieg. Die 12% Gebühren wurden von
der Stadtverwaltung für öffentliche Zwecke ausgegeben, zum Wohl
der Gemeinschaft und nicht zur Bereicherung Einzelner. "Als sich dann
170 Gemeinden in Österreich für dieses Modell zu interessieren begannen,
sah die österreichische Nationalbank ihr Monopol gefährdet. Sie
intervenierte und ließ die weitere Verwendung dieses Geldes verbieten."
[30]
Ähnlich erging es den Versuchen in den anderen
Ländern.
LET,
TALENT, JAK, WIR,...
Auch in den letzten Jahren entstanden in mehreren Ländern Experimente
mit zinslosem Geld, die zudem versuchen, die sozialen und ökologischen
Erwartungen miteinzubeziehen. "There are many clear examples of the so
called ' capitalist dilemma', where economic behaviour guaranties productivity and profitable
outcomes, but not necessarily appropriate social or moral ones. This pattern
is repeated across countries and in instances large and small. While productivity
and profitability increase in every growing markets, social distress and poverty,
environmental pollution and insecurity are growing with it. Profits are therefore
increasingly spelled in a broader way than a purely financial one. In the
English speaking countries notions like 'Social Investment', 'Ethikal Investment'
and the 'Social Use of Money' highlight and challenge this process; the French
public users descriptions like 'Moralisation de l´Economie' while Germans,
where the banks have a monopoly in money issues, speak about 'Soziales Bankgeschäft'.
'Banking for people' is meant to signify the broadest interest and approach
to the given problems. State administration,voluntary organisations, collective
organisations and welfare institutions all contribute to the social outcomes
within societes."
[31]
Das kanadische LET-System und das mit ihm verwandte schweizerische
TALENTE-System eignet sich besonders für sogenannte "strukturschwache"
Gebiete. Am besten funktioniert dieses System mit einer Untergrenze von Mitgliedern
von 20 und einer Obergrenze von etwa 50.000. Der Austausch von Dienstleistungen
und Produkten erfolgt über ein bargeldloses, zinsfreies Buchungssystem.
Beide Systeme verstehen sich als Emanzipation von Leuten, die versuchen, sich
aus der Abhängigkeit vom herkömmlichen Geldsystem zu lösen,
das als Machtmittel mißbraucht wird. Die bargeldlose Währung entspricht
dabei der Landeswährung, d.h. ein "green dollar" entspricht
einem Kanadischen Dollar, ein
TALENT (Tt) entspricht einem Schweizer Franken.
"Unter dem Namen 'TALENT-Experiment'
wurde von Mitgliedern der INWO Schweiz (Internationale Vereinigung für
Natürliche Wirtschaftsordnung) und weiteren Interessierten im Frühjahr
1993 ein alternatives Tauschmittel geschaffen, das seither von den
Mitgliedern des gleichnamigen Tauschkreises gegenseitig als Zahlungsmittel
akzeptiert wird. Es sind zwei Gruppen von unterschiedlichen Zielen, die von
den Initiatoren des Experiments verfolgt werden:
Das
TALENT-Experiment soll für all jene nützlich sein, die zusehends
mehr Mühe haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, weil ihnen aus wirtschaftlichen,
kulturellen oder anderen Gründen der Zugang zum Tauschmittel Geld immer
mehr verwehrt wird.
Das
TALENT-Experiment soll als Sammelbecken für Leute dienen, die von der
Notwendigkeit einer Geldreform überzeugt sind, und die anhand theoretischer
Analysen und praktischer Reformvorschläge die Öffentlichkeit für
diese Anliegen sensibilisieren wollen. ...
Seit einem Jahrzehnt entstehen in vielen Kleinstädten und ländlichen
Regionen im angelsächsischen Raum unzählige Tauschkreise. Als Zahlungsmittel
innerhalb der Tauschkreise gelten selbstgeschaffene Nebenwährungen mit
phantasievollen Namen wie 'Obs', 'Strounds', 'Acorns' und 'Links'. Im Spiegel
erschien im Herbst 1993 (Nr. 42) ein Bericht über diese Modelle
in England. Gemäß Spiegel entstanden dort innert weniger Jahre
über zweihundert verschiedene Zweitwährungen. Diese erfreuen sich
steigender Beliebtheit und finden nicht selten bei Behörden und in der
Öffentlichkeit moralische und finanzielle Unterstützung. Denn, das
haben die Behörden in England erkannt: lokale Nebenwährungen fördern
die Mikroökonomie in wirtschaftlich schwachen Regionen. Dasselbe gilt
für Australien, Neuseeland und Kanada. ... TALENTE entstehen dadurch, daß ein
Mitglied einem anderen Mitglied irgend etwas 'verkauft'; z.B. eine Nachhilfestunde
in Französisch, ein Fahrrad, das es nicht mehr braucht, selber produziertes
und biologisch angebautes Gemüse, etc. ". Die Mitglieder haben am
Anfang zwar "keine TALENTE, wohl aber Talente." Sie vereinbaren
für ihre Dienstleistungen und Produkte die entsprechenden Preise in der
Währung Tt., die in der TALENT-Buchhaltung als minus, bzw. als plus verbucht
werden. Wie bei einem normalen Bankkonto darf man bis zu einer gewissen Summe
(z.B. Tt. 700.-) im Minus sein, denn "Geben und Nehmen müssen in
einem Tauschkreis auf die Dauer ausgeglichen werden. Negative TALENT-Saldi bedeuten nur, daß
man wieder an der Reihe ist, selber wieder etwas anzubieten. Positive Saldi
bedeuten, daß man bereits seine Fähigkeiten eingebracht hat und
nun selber an der Reihe ist, von den Fähigkeiten der anderen zu profitieren."
Da auf den TALENT-Schulden kein Zins läuft, eilt es nicht, den Betrag
sofort wieder ausgleichen zu müssen. Die TALENT-Guthaben allerdings werden
mit einer prozentualen Gebühr belegt, um das Horten zu verhindern. "Das
TALENT-Experiment geht der Erwerbslosigkeit an die Wurzeln. Arbeit ist vorhanden
und auch Menschen, die diese Arbeit verrichten möchten. Was fehlt, ist
das liebe Geld, um die Arbeit zu bezahlen. TALENT hilft den Geldmangel zu
überwinden, führt Arbeit und Arbeitende zusammen und hilft unter
anderem den Erwerbslosen, die mitmachen, die Erwerbslosigkeit Schritt für
Schritt aus eigener Kraft abzubauen. ... Arbeitslosigkeit ist gleichbedeutend
mit Ausschluß. Die eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen sind plötzlich
nicht mehr gefragt. TALENT fördert die Mikroökonomie. Arbeitslose
können im TALENT-System ihre Fähigkeiten und Ideen wieder einbringen.
Die Betroffenen bleiben vielfältig vernetzt. Es entstehen tragende, informelle
Kontakte. ... Lokale Nebenwährungen sind ein Garant dafür, daß
die regionalen Ressourcen wieder vermehrt genutzt werden. Die Güter des
täglichen Gebrauchs sollen möglichst dort konsumiert werden, wo
sie produziert werden. So können wir den ökologischen Unsinn langer
Transportwege eindämmen. Lokale Nebenwährungen erfüllen damit
eine zentrale Forderung der Ökologiebewegung. Das ist keine 'Rückzug-auf-die-eigene-Scholle-Mentalität'.
Vielmehr gehen wir davon aus, daß lokale und globale Strukturen sich
ergänzen müssen. Informationen sollen um die Erde kreisen, nicht
Waren. ... Die Macht des herkömmlichen Geldes basiert vor allem auf dem
Mangel von Transparenz. Durch das Bankgeheimnis werden Steuerhinterziehungen,
Vermögensdelikte und Geldwäschereien im großen Stil de facto
staatlich sanktioniert. ... TALENT greift die Forderung nach Transparenz auf.
So sind zum Beispiel die Saldi der verschiedenen Konti für alle, die
am Tauschkreis teilnehmen, einsehbar." Die Transparenz erstreckt sich
auf alle Geldbewegungen und auch auf die Organisation. "Es sollen praktische
Modelle dafür erarbeitet werden, wie ein sanfter Übergang zu einer
sozial und ökologisch verträglichen, nachkapitalistischen Wirtschaftsordnung
aussehen könnte."
[32]
Das JAK-System (Jord, Arbejde, Kapital) in Schweden
und Dänemark funktioniert auch nach dem Prinzip "Geben und Nehmen",
diesmal im Bereich des sich gegenseitig Geldleihens und des Verleihens ohne Zinsen.
"Die
Beteiligung im JAK-System ist bis zur vollen Höhe dessen, was man sich
leihen muß, auf alle Fälle sinnvoll. Viele Menschen sparen jedoch
freiwillig über ihr erforderliches Maß hinaus und verschaffen so
anderen, die zuerst leihen müssen, bevor sie sparen können, die
Chance, an Geld zu kommen. Leute, die für ihr Geld Zinsen bekommen möchten
oder nur Schulden haben, sind ausgeschlossen, doch das 'Mittelmaß' ist
im allgemeinen die Regel. Die meisten verfügen zu verschiedenen Zeiten
mal über mehr Geld, als sie gerade brauchen, dann über weniger-,
aber jeder möchte im Alter »etwas auf der hohen Kante« haben.
Genau für diese Mehrheit ist das JAK-System hervorragend geeignet, weil
sich praktisch nachweisbar alle besserstehen."
[33]
Wer von der JAK-Gemeinschafts-Bank Geld ausleihen will, muß bis
zu dem Zeitpunkt 10% des Kapitals der erhofften Summe schon angespart haben.
Während des Zurückzahlens des Kredits wird zusätzlich gleichzeitig
Geld angespart, das erst 5-6 Jahre nach Beenden des Kredits zurückbekommen
wird. Damit wird erreicht, daß ausreichend Geld für die Vergabe
von Krediten an andere zur Verfügung steht, denn die Summen von "Geld
mal Monate" sind beim Ausleihen und beim Ansparen gleich. Damit funktioniert
dieses System auch, wenn die Mitgliederzahl schrumpft, im Gegensatz zu der
Bausparkasse. Der Unkostenbeitrag von 3% deckt die Verwaltungsspesen, denn
wie bei normalen Bankkrediten muß auch das JAK-System auf Kreditwürdigkeit
achten. Allerdings entfällt der Anteil 'Gewinn durch Kapitalverzinsung',
wodurch solche Kredite für Geldnehmer um einiges günstiger sind
als normale Kredite.
Bei
einer jährlichen Abzahlung und einer Laufzeit von 10 Jahren beträgt der Unkostenbeitrag
insgesamt 16,5%, und das angesparte Geld muß 5,5 Jahre liegen, damit
die Summen von Zeit mal Geld gleich bleiben. Bei einer monatlichen Abzahlung
und derselben Laufzeit von 10 Jahren (=120 Monaten) beträgt der Unkostenbeitrag ein bißchen
weniger, nämlich insgesamt 15,1%, und das angesparte Geld muß nur
5 Jahre liegen, damit die Summen von Zeit mal Geld gleich bleiben (siehe Bild
57). Damit folgt der Unkostenbeitrag einer natürlichen Wachstumskurve,
während die Belastung durch den Zinseszins eines normalen Kredits der
exponentiellen Wachstumskurve folgt.
Eine Anmerkung am Rande: wenn die Belastungen
durch Zinsen schneller wachsen als die Einnahmen bzw. die Wirtschaftskraft,
so kommt es über kurz oder lang zum Bankrott. Als Beispiel führe
ich "Entwicklungs"länder wie Brasilien an und die Staatshaushalte
an und für sich reicher Staaten wie die USA und Italien.
[34]
Bild 57:
Beispiel
eines JAK-Kredites; jährliche Abzahlung
Quelle:
eigene Berechnungen aus Angaben von Michael Graf, Innsbruck
Bild
58:
Beispiel
eines JAK-Kredites; monatliche Abzahlung
Quelle:
eigene Berechnungen aus Angaben von Michael Graf, Innsbruck
Während der Aufbau eines Geldsystems wie das
der TALENTE kein Grundkapital benötigt, weil TALENTE nur dann entstehen,
wenn Talente und Produkte ausgetauscht werden, braucht es zum Funktionieren
der JAK-Bank einen gewissen Grundstock an Kapital.
Dazu gibt es verschiedene Wege. Die langsame, aber gründliche
Variante besteht darin, daß gewartet wird, bis sich genügend Kapital
von ausreichend vielen Mitgliedern angesammelt hat. Dann erst können
Kredite vergeben werden, dafür aber große.
Die schnellere, aber flexible Variante besteht darin, daß Kredite
schon bald an die Mitglieder vergeben werden. Die eingeführten Spielregeln
aber verlangen, daß die Höhe und die Laufzeit der Kredite von den
momentanen Möglichkeiten abhängig gemacht werden, das heißt,
daß kleine Kredite für kurze Zeit vergeben werden, solange der
Grundstock an Kapital noch klein ist, und größere Kredite für
längere Zeit, sobald der Grundstock an Kapital schon ausreichend groß
ist. Wie viel Kredit eine Person bekommt, hängt davon von dem Verteilungsschlüssel
ab, wieviel "Geld mal Zeit" die betreffende Person schon angespart
hat und wieviele Mitglieder geben und nehmen. Geben und Nehmen müssen
zu jeder Zeit ausgeglichen sein.
Der WIR-Ring (WIRtschafts-Genossenschaft) in der Schweiz besteht seit
1934 als Tauschring mit Kreditvergabe. Guthaben werden nicht verzinst, Schulden
werden je nach Umfang mit geringen Gebühren belastet. Bezahlt wird mit
Buchungsaufträgen. Der Mitgliedsbeitrag betrug 1990 32 Schweizer Franken, plus 0,6 bis 0,8
% für jede gutgeschriebene Summe.
Der »Barter Clearing & Information« (BCI), Vermittlung
von Kompensationsgeschäften GmbH & Co. Beteiligungs KG in Frankfurt arbeitet ähnlich dem
WIR-Ring. Allerdings beträgt der Mitgliedsbeitrag 480 DM jährlich
mit 1-2% Transaktionskosten; die Tauschgeschäfte werden auch in Mark
verrechnet. Der Zulauf ist enorm, Anfang 1991 waren es knapp 8000 Teilnehmer
mit 70 Geschäftsstellen in Deutschland (Ost und West) und Österreich.
[35]
"Die Erfahrung zeigt, daß sich eine übermäßige
Kreditvergabe als ebenso gefährlich erweisen kann wie zu hohe Guthabenstände,
die nicht abgebaut werden können. Deshalb sind entweder Fristen für
den Ausgleich von extremen Negativ- und Positivsalden und Tilgung beziehungsweise
Guthabenauszahlung in der Landeswährung zur Gewährleistung des Gleichgewichts
notwendig, oder man verbindet den Tauschring mit einem Bankservice. ... Damit
sich die Besitzer von ihren Guthaben trennen, müßte darüber
hinaus eine Nutzungsgebühr eingeführt werden. Weil es das bisher
nicht gibt, tendieren die meisten Tauschringsysteme wegen zu vieler Leute
mit zu großem Guthaben zur Stagnation. Die LET-Systeme in Comox Valley
und andernorts wachsen bis zu einem gewissen Punkt und stagnieren dann plötzlich,
wenn es keine Möglichkeit mehr gibt, Guthaben sinnvoll anzulegen beziehungsweise
wieder auszugeben."
[36]
Beispiele
alternativer Geldwirtschaft in Spanien: die Mondragon Bank und die Genossenschaftsbewegung
in Euskadia
Spanien schlägt sich schon längere Zeit mit einer hohen Arbeitslosigkeit
und einem niedrigem Wirtschaftswachstum herum. Arbeitslosigkeit betrifft vor
allem junge Leute- einer von zwei Arbeitslosen ist ein Jugendlicher, 80% aller
arbeitslosen Jugendlichen waren noch nie
beschäftigt- , und besonders Frauen, die "Reservearmee", die
von vielen Männern an den Herd geschickt werden, wenn es zu wenig bezahlte
Arbeit gibt.
Langarbeitslosigkeit
ist vorherrschend, besonders in der Bauindustrie und in den von der Wirtschaftskrise
am meisten betroffenen Sektoren.
In dieser Situation entstanden vor allem im Baskenland zahlreiche Kooperativen,
die anders als normale Betriebe strukturiert werden. Sie sind weniger hierarchisch,
sondern demokratischer und solidarisch. Wirtschaftliche und soziale Entwicklung
werden ganzheitlich betrachtet.
Es entstanden drei Arten von Kooperativen in Euskadi (Baskenland):
1)
Die baskische Landwirtschafts-Kassa
2)
Cobanexpo (Fischerei)
3)
Ko-operativen anderer Arbeitsbereiche
Die
Ursprünge des Genossenschaftswesens führen in die 40er Jahre auf
die Initiativen eines jungen
Priester zurück, auf Don José Maria Arizmendiarreita. Sein erster
Schritt war die Bildung einer demokratisch geführten Berufsschule, woraus
dann die erste Kooperative hervorging: ULGOR. Diese hatte zum Ziel, einen
breiten industriellen Komplex unter demokratischer Leitung zu entwickeln.
ULGOR
wurde zum Beispiel für die jetzt bestehenden 172 Industrie-, Landwirtschafts-, Verbraucher-, Bildungs-, Bau-
und Dienstleistungs- Ko-operativen, die insgesamt 20400 Personen beschäftigen.
Viele davon entstanden in den 50er Jahren, zum Beispiel FUNCOR, ARRASTE, und
die Verbraucher-Kooperative San José.
Alle
Kooperativen kämpften mit den ähnlichen Problemen:
-Mangel
an finanziellen Mitteln für Investitionen
-Mangel
an sozialer Sicherheit, weil sie von den Versicherungen als selbständige
Unternehmer gelten
-Mangel
an Koordination und technischer und ökonomischer Hilfe, schließlich
waren die meisten Kooperativen klein strukturiert.
Um diesen Mängeln abzuhelfen, wurde die 'Mondragon Kredit Kooperative'
(Caja Laboral Popular de Mondragon) gegründet. 1988 beteiligten sich
an ihr 180 Branchen und 1234 Mitglieder. Die Mitglieder bilden die Vollversammlung
und wählen die 12 Ausschußmitglieder. 90% der Gewinne werden auf
die Kooperativen verteilt und in Investitonen umgesetzt, 10% fließt
in die Bildungs- und Sozialversicherungsreserve.
Die Bank hat eine Struktur aufgebaut, um die Kooperativen wirtschaftlich
und organisatorisch zu unterstützen. Es gibt eine Abteilung für
Forschung, eine für Analysen und Information, eine für Interventionen
in kritischen Situationen von Kooperativen, eine für industrielle Förderung,
eine für Administrations-, Finanz- und Rechtskontrolle, eine für
landwirtschaftliche Förderung und eine für Raumplanung und Bauwesen.
Bis jetzt kann die Bank einen beinahe 100 %igen Erfolg vorweisen. Zwischen
1975 und 1983, als andere Wirtschaftssysteme im Baskenland 60000 Arbeitsplätze
verlor, schafften die Mondragon Kooperativen neue 4000 Arbeitsplätze.
In dieser Zeit bezogen nur 160 Arbeiter, das heißt 1 % aller Arbeiter,
soziale Unterstützung von Lagun-Aro, dem eigenen Sozialversicherungssystem
von Mondragon. Statt Arbeiter zu entlassen, beschlossen die Arbeiter selbst
eine Senkung des Lohns um 10 - 12 %. Die Bank gab auch finanzielle Hilfe,
indem sie u.a. die Zinsen auf Kredite senkte oder löschte.
Das Dreiergespann Kooperativen- Finanzierung- Beratung hat sich bis
heute als sehr erfolgreich erwiesen, hat doch die Bank ihre Projekte immer
weiter ausgedehnt, auch in "schwache" Regionen.
[37]
Geldwirtschaft
in Soria
Der lokale Markt in Soria kann durch den Aufbau eines alternativen,
zinslosen Geldsystems wesentlich unterstützt werden. Um nicht ewig auf
Initiativen der Lokalregierung zu warten, bietet sich die Bildung eines Tauschrings
mit zinsloser Kreditvergabe auf Vereinsbasis an. Er soll sich an folgende
Erfahrungen halten:
1)
Es ist ein Experiment, folglich mit freiwilliger Teilnahme und zeitlich begrenzbar.
2)
Der Tauschring lehnt sich an das TALENT-Experiment an, inklusive Einhaltung
der Transparenz.
3)
Bei größeren und längerfristigen Schulden und Guthaben wird
das JAK-System angewendet, allerdings werden für Guthaben Nutzungsgebühren
eingehoben, damit nicht zuviel gehortet werden kann. Die Kreditwürdigkeit
wird auch nach folgenden Punkten bewertet:
ökologische
Verträglichkeit
soziale
Verträglichkeit
gerechter
Lohn
gute
Arbeitsbedingungen (Gesundheit, demokratische Struktur,...)
sonstige
Abwälzung von Folgekosten auf Dritte
4)
Das Geld-Experiment kann sich in Stufen mit anderen Strukturen verknüpfen,
zum Beispiel mit dem Genossenschaftswesen, mit einem (vorerst) regionalen
Steuersystem, ....
Ein solches Geldsystem kann nur klein beginnen, und daß es Vorteile
bringt, kann zum Großteil nur durch die Praxis bewiesen und überzeugend
gemacht werden, weniger durch schöne Worte und durch noch schönere
Grafiken. Am Anfang können wahrscheinlich noch nicht alle wirtschaftlichen
Aktivitäten über "DOTADOS" (Dts.)
[38]
ausgetauscht werden, sondern nur ein Teil (20 bis
70 %). Der Rest muß in Pesetas abgewickelt werden. Das Ansparen und
Kreditgeben wird am Anfang auch nur zum Teil in Dts abgewickelt werden. Mit
zunehmender Anzahl der Mitglieder können immer mehr Produkte und Dienstleistungen
über die zinslosen Dts ausgetauscht werden, was die Dts vermehrt attraktiv
macht.
Den Informationsaustausch besorgen die denzentral in der Provinz verteilten
Beratungszentren, die über EDV miteinander vernetzt sind. Solche Beratungszentren
können zum einen in den größeren Orten aufgebaut werden, zum
anderen aber auch in den Zentren neuer Aktivitäten, die auch in kleineren
Ortschaften liegen können. Zu den Orten wie El Burgo de Osma, San Esteban
de Gormaz, Berlanga de Duero, Almazan, Soria, Arcos de Jalón, Vinuesa,
Covaleda, Agreda, Olvega, Cabrejas del Pinar und San Leonardo de Yague können
also auch kleinere Orte wie Abioncillo de Calatañazor, Navapalos, Mazaturón,
Barriomartín und Espejo de Tera dazukommen.
Die Beratungszentren werden zu Selbsthilfe- und Ökozentren ausgebaut,
funktionieren je nach Bedarf und Interesse als Einmensch-Büro oder als
Schulungs- und Weiterbildungszentrum.
Demokratisch
regulierte Marktwirtschaft
Der von Kreye geprägte Begriff der "demokratisch regulierten
Marktwirtschaft"
[39]
sagt mehr über Funktionsmechanismen des Marktes
aus als der bis jetzt übliche Begriff der "freien Marktwirtschaft"
und der "ökosozialen Marktwirtschaft". Die beiden letzteren
Begriffe implizieren ein mechanistisches Ablaufen des Marktes mit eigenständigen
Gesetzmäßigkeiten, wobei gewisse Härten für Mensch und
Umwelt entweder einfach hingenommen oder gemildert werden sollen.
Was heißt auch schon "frei"? Wer ist frei von was?
Ist der Markt frei von Hindernissen wie Sozial- und Umweltgesetzen, Verantwortungsdenken
und langfristigem Denken, ist er bloß frei von offenen Subventionen
oder auch von verdeckten Subventionen (wie Bereitstellen von breiten Straßen
aus öffentlichen Geldern für private Betriebe), gibt es dann wirklich
Möglichkeiten, Waren und Dienstleistungen frei auszutauschen, oder haben
große Unternehmen zu viel Freiheit, die sie kleineren wegnehmen?
Der erstere Begriff hingegen besagt, daß wir Menschen uns den
Rahmen schaffen, in dem wir uns dann bewegen, und daß die Entscheidung,
welche Rahmen wir uns schaffen, demokratisch ablaufen soll.
Der renommierte Volkswirtschafter, Sozial- und Wirtschaftswissenschafter
Dr.Otto Kreye vom Starhemberger Institut zur Erforschung globaler Strukturen,
Entwicklungen und Krisen sagte bei einem Vortrag in Wien:
"Ich habe das Gefühl, daß
politisch durchsetzbar ist, daß eben in demokratischen Entscheidungsprozessen
man Mehrheiten dafür gewinnen könnte, ... indem man sagt: Es gibt
zu der Behauptung der neoliberalen Politik, daß man nur liberalisieren
muß, deregulieren muß, privatisieren muß, eine Alternative,
die erreicht, daß aus Arbeitslosigkeit wieder Vollbeschäftigung
wird, daß statt sozialem Abbau sozialer Ausbau, daß statt Zerstörung
der Städte wieder menschenwürdige Gemeinden entstehen, und so weiter
und so fort. Nun, in diesem Sinne versuche ich zu fragen, was für eine
Programmatik hätte die Chance, in einer demokratischen Auseinandersetzung
Mehrheiten zu erhalten? Und ich behaupte, eine Programmatik, die sagt: Wir
werden unsere Ziele orientieren an Vollbeschäftigung, an Umweltschutz,
an einem Minimum sozialer Gerechtigkeit. ... Ich definiere politisch, was
ich überhaupt will, orientiere also meine Politik an Zielsetzungen und
frage dann: Was für Instrumente wären geeignet , um das entstehen
zu lassen? Dann komme ich zu diesen bescheidenen Vorschlägen, daß
ich zunächst einmal sage: Ja, die vorhandenen Vermögen so verteilen,
daß die Überliquidität, die ja existiert, abgeschöpft
wird und damit, was sie auch dann wollen, Beschäftigung zu finanzieren,
die sozial geboten ist. ... Allein von der Liberalisierung des Welthandels
eine Wachstumsphase zu erwarten, weckt nur falsche Hoffnungen. ... Die Indikatoren
für die Stagnation, Rezession und Depression, die in die Krise umzuschlagen
droht, ... sind unübersehbar. ... Weltweit stagniert das Bruttosozialprodukt,
... stagnierende und rückläufige Investitionen- vor allem keine
Erweiterungsinvestitionen- , Strukturkrisen ganzer Branchen, anhaltende Arbeitslosigkeit
und zunehmende Arbeitslosigkeit auf dem schon erreichten hohen Niveau, und
die öffentliche Verschuldung - ....die amerikanischen öffentlichen
Einnahmen reichen kaum noch hin, um den Schuldendienst zu leisten, sodaß
man sich immer weiter verschulden muß."
Kreye erklärt die Entwicklung zu dieser Krise
so, daß es von 1950 bis 1975 neben Vollbeschäftigung, wachsendem
Bruttosozialprodukt, Ausbau des Sozialstaates und zunehmender Prosperität
auch eine Umverteilung gegeben hat zugunsten den Einkommen, die aus abhängiger
Beschäftigung erzielt werden (von 65% auf 75%) und zulasten der Einkommen,
die aus Vermögen und Gewinnen erzielt werden (von 35% auf 25%). Auf diese
Entwicklung wurde Anfang der 70er Jahre erfolgreich reagiert durch forcierte
Rationalisierungen, durch forcierte Produktionsverlagerungen, durch Steuerreformen, die
die Steuern für Gewinne und Vermögen reduzierten.
"Die Begründung seitens der Unternehmen
ist klar: sie mußten versuchen, ihre Gewinnraten wiederherzustellen
- ganz klar, in einer Konkurrenz müssen sie das tun. Die Legitimierung
der Politik, die dazu beigetragen hat, also durch ihre Instrumente der Steuerpolitik,
Sozialpolitik etc., war: man muß die Weichen wieder zugunsten wachsender
Gewinne stellen. ... die Gewinne von heute sind die Investitonen von morgen,
sind die Arbeitsplätze von übermorgen. ... Aber wachsende Gewinne
müssen wachsenden Einkommen gegenüberstehen, damit wachsende Gewinne
investiert werden, denn wachsende Gewinne werden nur investiert, wenn es wachsende
Nachfrage gibt, also wenn es wachsende Kaufkraft gibt. ... die Weichenstellung
zu wachsenden Gewinnen haben dazu geführt, daß es eine relative
Umverteilung wieder in die umgekehrte Richtung gegeben hat, die Einkommen
aus abhängiger Beschäftigung, die öffentlichen Einnahmen stagnieren
oder sind rückläufig gewesen und natürlich hat die Kaufkraft
stagniert, die Nachfrage ist zurückgegangen und wachsende Gewinne sind
nicht investiert worden."
Dadurch
haben die Unternehmen keine andere Wahl, als daß sie weiter rationalisieren,
die Produktion in Länder verlagern, wo die Löhne billiger sind und
wo es weniger Umweltauflagen gibt, und daß sie ihre Organisationsstruktur
rationalisieren.
Gleichzeitig wird von der herrschenden konservativen Politik dazu beigetragen,
daß die Gewinne weiter steigen,
nämlich durch die Mittel
"
a) Sozialabbau, das heißt Steuererleichterungen für die Unternehmen,
das heißt Verzicht auf Staatseinnahmen, und b) wiederum dazu beitragen,
daß die Einkommen aus abhängiger Beschäftigung nicht zunehmen,
sondern möglichst sogar abnehmen." Als Folge verschulden sich die
öffentlichen Haushalte zunehmend, die sich dann Geld ausleihen, und zwar
genau das, was die Unternehmen mangels Investitionsmöglichkeiten als
Finanzanlage anlegen. "Das heißt, die öffentliche Hand erläßt
den Unternehmen Steuern, und die Unternehmen leihen das Geld der öffentlichen
Hand wieder aus und kassieren dafür Zinsen. Und je mehr sich die öffentliche
Hand verschuldet, desto größer die Anlagemöglichkeiten für
diejenigen, die über wachsende Gewinne und Vermögen verfügen.
Und finanziert werden müssen natürlich die Zinsen für diesen
Kreislauf, und finanziert werden sie aus Sozialabbau und aus Ausgabenreduzierungen
der öffentlichen Hand, was weiter in die Krise führen muß."
Wenn der Großteil der Bevölkerung über kein relevantes
Einkommen verfügt, funktioniert auch das neoliberale Modell einer Marktwirtschaft
nicht, weil es keinen Markt gibt. Zu diesem neoliberalen Modell setzt Kreye
die Alternative einer demokratisch regulierten Marktwirtschaft. Das heißt,
zu definieren, was man politisch will, und dann die Instrumente zu benutzen,
die vernünftig sind, um das zu erreichen. "Ich meine, mit den Worten
der christlichen Kirchen ausgedrückt, ist das Bewahrung der Schöpfung,
Nächstenliebe und Friede. Nun säkular formuliert heißt das
nichts anderes als Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit-
oder ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit." (Otto Kreye).
Demokratisch
regulierte Marktwirtschaft in Soria
Für Soria heißt das Modell einer demokratisch regulierten
Marktwirtschaft, daß die Regulierungen auf der politischen Ebene ablaufen
müssen. Aber auf welcher politischen Ebene? Die Hoffnung, daß die
etablierten Politiker und Beamten so ohne weiteres mitmachen, ist vergebens.
Es zahlt sich aus, auf der unteren Ebene anzufangen: in Vereinsstrukturen,
auf der Ebene der freiwilligen Kooperationen. In Experimenten, Modellversuchen,
Projekten, die die Emanzipation der Leute "aus ihrer selbstverschuldeten
Unmündigkeit"(Kant) und aus ihrer fremdverschuldeten Unmündigkeit
führen.
Ein Beispiel: In Pratomanio, einem Bergdorf in der Toscana, initiiert
ein österreichischer Geographielehrer zum Beispiel Schüleraustausch.
Von außen kommen Menschen in das Dorf und beginnen sich für das
Dorf zu interessieren, und die Leute im Dorf beginnen sich dafür zu interessieren,
was die da draußen so bei ihnen interessiert. Sie beginnen, ihre eigene
Geschichte anders zu sehen, sie werden selbstbewußter.
Europaweit
versuchen sich solche Initiativen zu vernetzen. Sie suchen nicht den Rat von
Experten oder die Hilfe von Politikern, sondern die Erfahrungen anderer. "Regionen
schauen nicht auf, sondern schauen sich um."
[40]
Sanfter Tourismus könnte auch in Soria wie in diesem Beispiel
Impulse geben, eignet sich jedoch nicht als Endziel und einziges Standbein
einer wirtschaftlichen Entwicklung. So viele Touristen gibt es gar nicht,
die alle schwachen Regionen aus dem Schlamassel heben können.
Bild
59:
Tourismus
in Soria für Leute aus Soria-
Ein Ausflug von Barriomartín auf die Berge
Ein Blick über die Grenzen zeigt uns, daß die Regionen zwar
mit Tourismus leben können, aber nicht vom Tourismus leben brauchen und auch nicht können. Ein Beispiel:
Ladakh im tibetischen Hochland würden wir als eine arme Region bezeichnen,
und doch können dort Menschen glücklich leben und wirtschaften.
[41]
Steuersystem
Das Steuersystem ist ein wichtiger Rahmen der Wirtschaftsentwicklung.
Daß Ökologie und Ökonomie heute oft unvereinbar sind, liegt
auch am Lenkungsinstrument Steuersystem. Nicht umsonst haben die Verben "lenken"
und "steuern" die gleiche Bedeutung.
Im
längerfristigen Denken bilden Ökonomie und Ökologie einen Einheit,
denn unökologisches Handeln bestraft die zukünftigen Generationen,
und dies auch wirtschaftlich. Das Ozonloch und der Atommüll sind nur
zwei Beispiele von vielen. Wenn wir glauben, daß wir die Erde nur geliehen
haben, müßten wir sie so verlassen, wie wir sie betreten haben.
Die Entwicklung, die wir uns wünschen, können wir mit unserem
Steuersystem steuern.
"Als ersten Schritt eignet sich die Einführung einer CO2-
abhängigen Energiesteuer besonders gut. Sie soll es ermöglichen,
fossile und umweltbelastende Energieformen zurückzudrängen und gleichzeitig
Energiesparen sowie einheimische erneuerbare Energieträger (Biomasse,
Sonne, Wind) zu begünstigen. ... Energie- und Rohstoffpreise müssen
dann in der Folge schrittweise angehoben werden. Eine gleichzeitige Verminderung
der Besteuerung der menschlichen Arbeitskraft (z.B. Abschaffung der Lohnsummensteuer,
Lohnsteuersenkung) und soziale Ausgleichsmaßnahmen könnten zusätzlich
weitere positive Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Wichtig dabei ist,
daß Art und Umfang dieser Maßnahmen von vornherein bekannt sind.
Nur so können sich Wirtschaft und Konsumenten darauf einstellen und rechtzeitig
geeignete Maßnahmen und Investitionen tätigen. Nichts schadet mehr
als die Ungewißheit, welche Preiserhöhungen morgen wohl kommen
werden.
...Worauf
sollen wir noch warten?
Komm,
wir gehen!
Wir
können nicht.
Warum
nicht?
Wir
warten auf Godot.
Ach
ja.
(zitiert
nach Samuel Becket: En attendant Godot, Paris 1952)"
[42]
Soria hat (noch) eine ziemlich intakte Natur, doch auch hier ist akuter
Handlungsbedarf geboten. Abwässer gelangen meist ungeklärt in die
Flüsse (wie in Vinuesa), Abfälle verschwinden auf mehr oder weniger
wilden Deponien, Gift- und Kunstdüngereinsatz bedrohen auch in Soria
die Trinkwasserreserven. Die Umweltpolitik der EG reicht nicht aus, heißt
es doch: "Gesetzliche Regelungen zum Schutz der Umwelt dürfen 'weder
ein Mittel zur willkürlichen Diskriminierung noch eine verschleierte
Beschränkung des Handels darstellen' (Artikel 36, EWG-Vertrag)".
[43]
Ziel
eines langfristig sinnvollen Steuersystems ist es sicher, daß es großflächig
angewandt wird, daß auch die EU ein solches sich aneignet. Ein Anfang
im Kleinen ist sicher auch sinnvoll, wenn man nicht bis in die Ewigkeit warten
will. Initiativen können Veränderungen auf der Ebene von Gemeinden
und der Region bewirken. Eingehoben werden könnte diese Steuer z.B. beim
Endverbraucher, wie die Mehrwertsteuer.
Sie
könnte dann Minderwertigkeitssteuer heißen, liegt zwischen 5 und
200%. Vorgeschlagen wird die Höhe dieser Steuer nach dem aktuellen Stand
der Wissenschaft nach den schon genannten Kriterien :
-
Transportweg
-
Umweltverträglichkeit
-
Lohnniveau
-
Arbeitsschutz
-
Sozialverträglichkeit
-
Folgekosten aller Art
Festgesetzt werden die Vorschlägen in demokratischen
Entscheidungen, denn es ist um einiges leichter, sich einmal dafür zu
entscheiden, als im täglichen Leben dauernd zwischen teuren, aber umweltschonenden
Produkten und billigen, aber schädigenden Produkten wählen zu müssen.
Ein Beispiel: Die in Soria hergestellte Butter ist in Soria um einiges teuer
als die importierte (subventionsgestützte). Folglich wird erstere auch
wenig gekauft, obwohl es für die ganze Provinz ganzheitlich gesehen und
auf Dauer von Vorteil wäre. Ich könnte mir gut vorstellen, daß
die Bevölkerung Sorias dafür stimmt, daß solche von weit herkommende,
unökologische Produkte einen Aufschlag von z.B. 80% bekommen. Damit wird
die aus Soria kommende Butter wieder billiger als die andere, und somit auch
gekauft.
Eine Anmerkung am Rande: für die Herstellung eines Kilos Butter
werden je nach Fettgehalt 21 bis 25 Liter Milch gebraucht . Die Nebenprodukte
wie Buttermilch werden zwar noch verwertet (z.B. als Futter für Schweine),
bringen aber nicht viel Geld. Das macht ersichtlich, daß eine nicht
subventionierte Butter niemals billiger sein kann als die am europäischen
Markt angebotene.
Es ist auch zu prüfen, ob ein solches Steuersystem nicht mit dem
zinslosen Geldsystem verbunden werden könnte.
Abwälzung
von Kosten auf Dritte
William Kapp (1910-1976) zeigt die Grenzen einer Theorie der Ökonomie
auf, die es toleriert und impliziert, daß gewisse Kosten auf Dritte
verlagert werden. Zu diesen Kosten zählen Schäden an der Natur (reparable
und irreparable) und Sozialkosten. Dritte können sein: die ganze Gesellschaft,
wehrlose Individuen in der Gesellschaft, zukünftige Generationen, andere
Wesen auf der Welt (das Mensch ist ja nicht das einzige Wesen auf Erden, und
wenn wir uns so weiter ent- und verwickeln, werden wir selbst bald auch auf
die "rote Liste" der bedrohten Arten setzen müssen).
"Für Kapp waren diese Verabsolutierung des rein monetären
Kosten- Nutzen - Denkens in einem Kontext der Gewinnmaximierung und das Desinteresse
der ökonomischen Theorie und der Wirtschaftsgesellschaft für die
tatsächlichen Auswirkungen des erwerbwirtschaftlichen Produktions- und
Konsumprozesses auf Mensch, Gesellschaft und Natur Hauptantriebsfaktoren für
die beobachtbare Enthumanisierung des gesellschaftlichen Lebens in den »fortgeschrittenen«
Industriegesellschaften. Es war seine feste Überzeugung, daß die
grundlegenden zeitgenössischen Lebensqualität- und Überlebensprobleme
der Menschheit nur unter Anleitung einer re-humanisierten ökonomischen
Theorie bewältigt werden könnten. Dies bedeutet in allererster Linie:
Erneuerung der vom konkreten Menschen befreiten, in einer künstlichen
Sachenwelt befangenen ökonomischen Theorie durch die Einführung
eines realistischen, ganzheitlichen, bio-kulturellen Menschenbildes, an dem
in
Zukunft ökonomische Analysen auszurichten und wirtschaftspolitische Vorschläge
zu messen wären. ...
Die
Umweltdiskussion ist ein Indikator für die Aktualität der Fragestellung
von Kapp nach der Dynamik von formaler und substantivischer Rationalität
in einer gemischten Wirtschaft. Wo stößt die Neoklassik mit ihrem
Anliegen, alle ökonomisch knappen Umweltwerte verpreisen zu wollen, an
systematische Grenzen? Wo muß mit einer anderen Rationalität gearbeitet
werden, wenn die Natur erhalten werden soll und ästhetische Bedürfnisse
nach Erhaltung der Naturschönheiten weiterhin einlösbar bleiben
sollen?"
[44]
William Kapp beschreibt ökonomische Systeme als offene Systeme,
die mit unseren traditionellen Kriterien technischer Effizienz, der Kosten-Nutzen-Rechnung
und der ökonomischen Rationalität nicht mehr eingefangen werden
können. "Vor allem werden andere Lösungswege unumgänglich
werden als jene, die wir bisher im Lichte des eng gefaßten ökonomischen
Kalküls im Sinne von Marktkriterien beschritten haben. Im konkreten Fall
der Landwirtschaft sollten wir es vielleicht noch expliziter formulieren,
um möglichen Fehlinterpretationen unseres Standpunketes zuvorzukommen.
Wir empfehlen keine Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft; wir empfehlen
auch kein Verbot von Düngemitteln, Pestiziden und anderer Technologie.
Die praktischen und theoretischen Implikationen unseres Standpunktes laufen
vielmehr darauf hinaus, daß wir unsere traditionellen Vorstellungen
von Effizienz und Rationalität aufgeben und im Lichte der »neuen«
Realitäten interdependenter Systeme umdefinieren. Angesichts der Rückwirkungen
landwirtschaftlicher Produktion, wie überhaupt aller Produktion, auf
das Gesamtsystem sollte klar sein, daß weder technische Durchführbarkeit,
noch technologische Imperative, noch die mikroökonomische Rationalität
im Sinne privater Nettoerträge und unternehmerischer Kosten relevante
Antworten auf die Frage liefern können, welches die wünschenswerten
Ziele und politischen Maßnahmen sind."
[45]
Einerseits glaube ich nicht, daß wir die Vorteile des "freien"
Marktes aufgeben müssen, um Kapps Ziel zu erreichen. Andererseits hat
Kapp recht, wenn er sagt, daß es diesen Markt gar nicht gibt. Einerseits
müssen wir unseren absurden Hang zur Rationalität aufgeben, um auf
der Erde überleben zu können, andererseits können wir auf Rationalität
auch nicht verzichten- das Leben besteht eben aus Emotionalität und
Rationalität. Wenn zwei Wege nicht gehen, gibt es oft einen dritten,
und einen vierten.
Der dritte Weg besteht darin, die ersten beiden zu vereinen und einen
Qualitätssprung zu machen. Nicht alles funktioniert mit Kriterien des
Marktes, aber einiges schon.
Für
das andere müssen wir sowohl Rahmenbedingungen schaffen, damit es wieder
beim Markt "mitspielen" kann, als auch politische Entscheidungen
treffen, die mit Markt überhaupt nichts zu tun haben und trotzdem wichtig
sind. Damit wären wir wieder beim von Kreye definierten Begriff der "demokratisch
regulierten Marktwirtschaft". Als Mittel zum Regeln, zum Steuern kommt
das Steuersystem in Betracht. Auf welchen Ebenen es in die Praxis umgesetzt
wird, hängt von der Art, dem Bewußtsein und dem Engagement ab:
in Vereinsstrukturen (freiwillig), oder mit Zwang der Gesellschaft an die
Gesellschaft: Gemeinden, Regionen, Staaten, Staatenbünde, Weltwirtschaft.
Ohne ein Regeln und ohne Regeln bleibt nur
noch die Hoffnung, daß ethische Werte in die Wirtschaft einziehen, aber
ich wage nicht zu hoffen, daß die Mehrzahl der Wirtschaftstreibenden
dies schafft.
Verkehr
Die Entwicklung des Verkehrswesen in Soria erfolgte ganz nach der momentan
vorherrschenden Ideologie der EU, vielleicht auch mit deren Geldern: die Straßen
wurden überdimensional ausgebaut, der öffentliche Schienenverkehr
hingegen funktioniert mies und wurde teilweise eingestellt, der öffentliche
Busverkehr beliefert sehr beschränkend einen Teil der Dörfer.
Die Verkehrsideologie wurde erstmals im Dezember 1992 im Weißbuch
veröffentlicht: ' Über die künftige Entwicklung der gemeinschaftlichen
Verkehrspolitik'. "Erstmals wird darin auch die Zerstörung der Umwelt
durch den Verkehr thematisiert und die Notwendigkeit der Internalisierung
externer Kosten des Verkehrs erwähnt. Doch trotz prognostizierter Verdoppelung
des Straßenverkehrs mit den absehbaren Folgen für die Umwelt, beschränkt
sich das auf die Reduktion des Schadstoffausstoßes, während auf
das Verkehrsvolumen gar nicht eingegangen wird.
Schwerpunkt der EU ist der Ausbau transeuropäischer Netze. Im
Verkehr gibt es solche Pläne für die verschiedenen Verkehrsträger:
so gibt es Entschließungen des Rates zu einem europäischen Hochgeschwindigkeitsnetz
und zu einem kombinierten Verkehrsnetz sowie ähnliche Überlegungen
zum Flugverkehr, zum Straßenbau und zur Binnenschiffahrt. Alle zielen
auf eine Förderung des Wirtschaftswachstums durch eine Optimierung der
einzelnen Verkehrsträger. Hinter all diesen Überlegungen steht,
unbelegt, aber trotzdem EU-Credo, das Dogma, daß 'das Mobilitätswachstum
mit dem Wirtschaftswachstum zusammenhängt' (Zitat aus 'Transeuropäische
Netze- Straßenverkehr'). Eine verkehrsmittel-übergreifende Strategie,
die die verschiedenen Netze zusammenfaßt, Prioritäten setzt oder
gar in die Verkehrsmittelwahl, etwa im Sinne der Kostenwahrheit, beeinflussend
eingreift, fehlt bisher völlig."
[46]
Mehrere Gemeinden hingegen setzen auf quantitatives und qualitatives
wirtschaftliches Wachstum durch Beschränkung des Autoverkehrs, nach dem
Motto: Beschränkung ist Befreiung. Befreiung von Lärm und Abgasen,
Befreiung von der gepanzerten Todesgefahr, Befreiung von der Besetzung des
Großteils des öffentlichen Raumes durch eine elitäre Minderheit.
Die österreichischen Gemeinden Lech am Arlberg, Kleinwalsertal,
Bad Hofgastein, Werfenweng und Velden am Wörthersee fördern die
Anreise mit der Bahn, verfügen über ein Sammeltaxi und ein Abholservice
vom Bahnhof, schaffen aber eine autofreie Zone im Ortszentrum oder in der
ganzen Gemeinde. Denn sie wissen, daß der Autoverkehr gefährdet,
was Touristen suchen: Ruhe, Erholung und eine intakte Natur.
[47]
Ein
langsamer Verkehr mit Kostenwahrheit
fördert die lokale Entwicklung
Die Erfahrung zeigt, daß, wenn zwei Räume miteinander verbunden
werden, der schwächere Raum Funktionen an den stärkeren abgibt.
Es gibt zum Beispiel Kleinunternehmer, die trotzdem
glauben, daß ihre Konkurrenzfähigkeit sich bessert, wenn sie über
breite Straßen schnell und bequem mit dem großen Markt verbunden
sind. Dem ist aber nicht so, der große Markt überrollt den Kleinunternehmer.
Hermann Knoflacher zeigt das in folgender Rechnung:
Gleichungen
für den Zusammenhang zwischen Produktion und Kosten:
Economy
of scale
Die
Produktion von größeren Mengen verringert die Preise pro Stück.
n...
Zahl der produzierten Einheiten
c1...von
der Stückzahl unabhängige Grenzkosten
b...von
der Stückzahl abhängige Grenzkosten
p...
Erzeugungskosten
dp=Erzeugungskosten
für d(n) (Grenzkosten)
dp=b*dn/n
+ c1
Der
Anteil b*dn/n sinkt mit wachsender Stückzahl.
p=
b*ln (n) + c1*n + c2
c2...
Grundausstattung
Preis
je Stück: p1
Gleichung
1: p1=p/n=c2/n + c1 + b*ln (n)/n
Gleichungen
für die Ausbreitung von Produkten über die Fläche (=Markt)
Bei
einem homogenen Markt werden die Produkte gleichmäßig über
die Fläche verteilt.
F=
r2*P
r=
a*v
[km]=
[h]*[km/h]
F=
a´*v2
mit a´=a2*v
n=
h*F = k*v2 mit k=h*a´=h*a2*P
n
... Konsument
Zusammenführung
der vorigen Gleichungen
Nun
wird in die Gleichung 1 statt n... Produkt , n.... Konument mit n= (k*v2)
eingesetzt, wenn man annimmt, daß die Produkte die Konsumenten leicht
erreichen.
p1=
c2/(k*v2) + c1 + b*ln ((k*v2)
)/(k*v2)
Bild
60:
c1...
produktbezogene Kosten
mit
Transport: c1= c10 +c11
c10...
ohne Transport
c11...
transportbezogen
...
auch als Maß für die Masse
c1=
c10*l´ =c10 *a*v
l´...
Transportkosten
daraus
ergibt sich dann die Gleichung 2:
p1=
c2/(k*v2) + b*ln ((k*v2) )/(k*v2)
+ c10 (1+ a*v )
In
dieser Gleichung sind endlich die Kosten berücksichtigt für
1)
Hintransport
2)
Verteilung
3)
Recycling
Das heißt, daß ein lokaler Markt nur dann nicht überfahren
wird, wenn a)langer Transport großer Massen umständlich und langsam
ist und wenn b)Verkehrssteuern eingehoben werden, die von den gefahrenen Kilometern
und der transportierten Masse abhängig sind.
Dadurch
wird erreicht, daß große Massen nur mehr über kleine Strecken
transportiert werden, seltene und hochwertige Produkte weiterhin von weit
her kommen.
Die Maßnahme a) kann durch sparsame, schmale Straßen und
durch Geschwindigkeitsreduzierungen erreicht werden (langsame Geschwindigkeiten
erhöhen die Personalkosten für Transporte, verbessern
die Lebensqualität der Anrainer) und b) kann über versiegelte Kilometerzähler
über die Versicherungen eingehoben werden.
[48]
Bis jetzt wurden beim Personenverkehr Strecken unter 150 km als Fahrten
bezeichnet, Strecken über 150 km als Reisen. Nun hat sich aber gezeigt,
daß sehr schnelle Verkehrsmittel sehr weit fahrende Tagespendler hervorgebracht
hat: der TGV Paris - Lyon befördert Tagespendler, die bis zu 200 km vom
Arbeitsplatz entfernt wohnen. Untersuchungen haben gezeigt, daß es im
Verkehrswesen eine Konstante gibt: die Zeit. Die meisten Menschen sind bereit,
täglich ziemlich genau 67 Minuten für die Fahrt aufzuwenden.
Zu Fuß ergeben sich damit andere Reichweiten als mit dem Fahrrad,
dem Bus und der Regionalbahn, dem Auto und dem TGV. Das heißt, je schneller
das Verkehrsmittel, desto weiter fahren die Menschen.
Eine weiterer Faktor in der Beziehung zwischen Siedlungsstruktur und
Verkehr ist die Frage, wie flächendeckend ein Verkehrsmittel ist, und
welchem Bevölkerungskreis es zugeordnet ist.
Die öffentlichen Verkehrsmittel sind allen Bevölkerungskreisen
zugänglich, also auch Kindern, alten Menschen und Alkoholisierten. Sie
erschließen ein Gebiet linear, beziehungsweise in einem Netz. Eine Region,
die vorwiegend öffentliche Verkehrsmittel benutzt, verteilt die Häuser
nicht mehr oder weniger gleichmäßig über die ganze Fläche,
sondern konzentriert sie an wenigen Stellen.
Individuelle, motorisierte Verkehrsmittel werden vorwiegend von Männern
mit 18 bis 55 Jahren genutzt, andere Verkehrsteilnehmer wie die weiter oben
genannten sind entweder ausgeschlossen, oder von den Lenkern und Besitzern
von Autos abhängig, daß sie mitgenommen werden.
Eine
Region, deren Verkehrssystem vorwiegend auf der Benützung von individuellen
motorisierten Verkehrsmitteln aufbaut, verstreut zum einen die Häuser
ziemlich gleichmäßig über die Fläche, was oft als Zersiedelung
bezeichnet wird. Zum anderen wird der Bevölkerungskreis, der von der
Benützung des motorisierten Individualverkehrs ausgeschlossen ist, noch
mehr isoliert, weil ja öffentliche Verkehrsmittel unrentabel werden.
Individuelle, nicht motorisierte Verkehrsmittel, wie das Fahrrad und
die Füße, erschließen flächig einen relativ kleinen
Umkreis. Es ist eine ruhige, fast allen zugängliche Erschließungsart,
die Kommunikation fördert. Im Verbund mit öffentlichen Verkehrsmittel
wird der erschließbare Umkreis stark erweitert.
Für Siedlungen, sei es Dorf oder Stadt, würde ich
Verkehrsteilnehmer
und Verkehrsgrundsätze folgendermaßen einteilen:
I.
Fußgänger und Handkarren:
1.Direkte
Wegführung
2.Minimierung
der Widerstände
3.Kleinteilige
Wegenetze
4.Maßstäbliche
und animierende Gestaltung
5.Ausreichende
Dimensionierung
6.Überschaubare
und leichte Orientierung
7.Sicherheit-
objektiv und subjektiv
8.Nutzungsüberlegung
9.Minimierung
der Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern
II.
Fahrrad und -Anhänger:
Grundsätze
wie bei I.
III.
Schienenverkehr:
1.Straßenbahn
für Personen und Güter (kommunaler Verkehr)
2."Straßenbahn"
für Personen und Güter (regionaler Verkehr)
3.Eisenbahn
für Personen und Güter (überregionaler Verkehr)
IV.
Straßenverkehr:
a)
innerstädtische Straßen: Tempo 30
Teilnehmer:
1.Fußgänger
2.Fahrrad
3.Autobusse
(ÖV)
4.LKW
(ÖV) für Güter
5.Citytaxi
(IV)
6.LKW
(IV)
7.Taxi
(IV)
8.PKW
(IV)
9.Karren,
gezogen von Pferden, Ochsen oder Kühen
b)
Durchfahrtsstraßen im Gemeindegebiet
b=2*2,75
m =5,5m
d.h.
v(PKW)=80 km/h
v(LKW)=50
km/h
Hirnmobil
und Automobil
Das Thema Verkehr kommt nicht ohne den Begriff "Mobilität"
aus. "Im 'Brockhaus' -Ausgabe 1975- findet man unter diesem Begriff nur
die Häufigkeit des Wohnsitzwechsels einer Bevölkerung durch Auswanderung
oder Binnenwanderung, die geistige Mobilität, und die soziale Mobilität.
Von der sogenannten physischen Mobilität, insbesondere jener Mobilität,
die wir seit der allgemeinen Verbreitung des Automobils fast ausschließlich
als solche bezeichnen, ist hier nicht die Rede.
Innerhalb des Verkehrswesens hat man den Mobilitätsbegriff mit
der Auto-Mobilität gleichgesetzt. Dies wird auch scheinbar durch den
Zusammenhang zwischen Motorisierungsgrad und Zahl der täglichen Fahrten
belegt.
Mit zunehmendem Motorisierungsgrad ... steigt die Zahl der Fahrten
pro Person und Tag stetig an.
Die Menschen kaufen also Autos, um damit zu fahren- was ja zunächst trivial
ist. Ob sie damit mobiler werden, im Sinne des Wohnortwechsels, im Sinne der
geistigen und im Sinne der sozialen Mobilität, ist fraglich. Ein Arbeitspendler
mit dem Auto ändert ja bekanntlich seinen Wohnort nicht, er bleibt in
der Regel in seiner sozialen Schicht und ist vermutlich auch geistig nicht
mobil genug, um sich aufgrund seiner Fähigkeiten einen Arbeitsplatz am
Wohnort zu schaffen oder zu organisieren."
[49]
Zeitweise wurde sogar den Leuten, die nicht viel herumkamen, eine geistige
Begrenztheit zugeschrieben. Teilweise wird dies stimmen, zum anderen Teil
aber sind viele Weltreisende doch nicht weltoffen. Obwohl die Reisen in Europa
in den letzten Jahren stark zugenommen haben, nimmt die
Toleranz wieder stark ab. Überhaupt hat die Entfernung zum Reiseziel
nichts mit der Erlebnisqualität der Reise zu tun.
Die Art der Fortbewegung ist mehr mit dem Erlebnis verbunden als die
Strecke. Eine Fahrt mit dem Fahrrad läßt die Landschaft, die Siedlungen
und die Leute intensiver erleben, als wenn man mit dem Auto durchbraust. Eine
langsame Fortbewegungsart ohne Schachtel, die abkapselt, läßt eben
noch einen Austausch mit der Umgebung zu- eine Austausch von Blicken und Worten
mit Leuten, die begegnen, einen Austausch von Stimmungen mit dem Kulturraum
und Naturraum, der die Radfahrer umgibt.
Knoflacher beschreibt den Mobilitätsaufwand als Maßstab
für ein fehlendes Gleichgewicht einer Struktur."»Mobilität«
ist immer mit Energieaufwand und damit mit Unbehagen verbunden. ... Monofunktionale
Strukturen, wie z.B. reine Wohngebiete, erzwingen allein im Arbeitspendelverkehr
ein Maximum an mechanischer Mobilität als Folge des Fehlens von Arbeitsplätzen
im unmittelbaren Nahbereich. Fehlende Nahversorgung zwingt zu weiterer Mobilität.
Städtebauliche Mängel elementarster Art werden damit am Ausmaß
der Mobilität erkenn- und quantifizierbar. Fehlende kulturelle Angebote
führen zu Mobilitätszwängen, um die kulurellen Bedürfnisse
zu befriedigen, fehlende Grünanlagen und der Mangel an Freizeiteinrichtungen
unterschiedlichster Art erzeugen nicht nur den »Massenexodus«
an den Wochenenden, sondern fördern
die Anschaffung von Zweitwohnungen auf dem Land, oder überhaupt
gleich die Verlagerung der Wohnungen in das Umland, usw. Der Aufwand an Mobilität
steht daher in ursächlichem Zusammenhang mit den Mängeln und Fehlern
einer Stadtentwicklung und wird damit zu einem ihr Ausmaß erkennen lassenden
Indikator.
Zwei Beispiele zeigen dies deutlich:
Hallstatt
weist eine durch die Topographie erzwungene starre Struktur auf. Der Ort liegt
am Ufer des Hallstätter Sees, am Fuß des Hallstattberges, und kann
sich nach keiner Seite hin ausdehnen. Die Siedlungsgeschichte des Ortes ist
über 4000 Jahre alt, womit bewiesen wird, daß auch kleine Strukturen
längerfristig lebensfähig sind (vielleicht nur diese?). 1990 wurden
über 60% der Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt,
der Rest mit dem Schiff und für externe Wege wurde das Auto verwendet.
...Bei nur 1000 Einwohnern weist dieser Ort vielfältige Funktionen, zahlreiche
Geschäfte und somit viele Arbeitsplätze auf, er konnte trotz hoher
Motorisierung seine Struktur, aber auch seine Eigenart behalten. Das Ergebnis
ist ein wachsender Strom von Touristen, die sich in Zukunft auch dem Mobilitätsverhalten
der Bewohner anpassen müssen.
Der Ortsteil Weidling der Gemeinde Klosterneuburg, im Umland von Wien,
weist hingegen bei etwa gleicher Einwohnerzahl außer Wohnen kaum andere
Funktionen auf. Es gibt keine Nahversorgung, keine Arbeitsplätze, obwohl
der Ort in einer landschaftlich außerordentlich reizvollen Gegend liegt
und im Prinzip höhere »Marktchancen« hätte. ... Beide
Orte liegen im gleichen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem."
[50]
In Soria läßt sich auch eine Entwicklung wie in Weidling
verzeichnen. Im Umland der Stadt Soria liegt das wiederaufgebaute Dorf Espejo
de Tera, das zu einem reinen Schlafdorf geworden ist. Alejandro Cordoba Largo
vertritt in seinem vor zehn Jahren erschienen Buch über die Entvölkerung
Sorias die Meinung, daß ein Ausbau der Straßen unter anderem deshalb
wichtig sei, damit die Einwohner der Dörfer nicht von der Außenwelt
abgeschnitten bleiben und Kinder nicht während der Schulzeit in Internaten
leben müssen und so von der Familie und vom Dorf entfremdet werden.
In der Zwischenzeit sind die Straßen, wie
schon erwähnt, überproportional ausgebaut worden, die Dörfer
sind trotzdem weiter zugrundegegangen. Ich habe vor einiger Zeit auch geglaubt,
daß eine schnelle und bequeme Verbindung, etwa über ein öffentliches
Schnellverkehrsmittel wie der Magnetschwebebahn, die Dörfer vor dem endgültigen
Verschwinden retten könnte.
Inzwischen habe ich gemerkt, daß eine zu schnelle und zu bequeme Verbindung nur die Entvölkerung und
Zwangsmobilität verstärkt, weil sie zu monofunktionalen Strukturen
führt und das Leben aus den Dörfern entfernt. Nur Leute, die im
Dorf wohnen, arbeiten, kommunizieren und kulturell unterwegs sind, beleben,
vitalisieren das Dorf. Wenn in einem
Dorf keine Lebensmöglichkeiten gefunden werden, so kann ich es in der
Zwischenzeit mit einem beruhigten und einem weinenden Auge verfallen sehen.
Mit einem beruhigten Auge, weil die Dörfer aus Stein, Lehm und Holz keine
ökologischen Altlasten hinterlassen (sie sind "abbaubar") und
weil mit den gleichen Kräften dafür irgendwo anders Leben entsteht;
mit einem weinenden Auge, weil es doch schmerzt, etwas untergehen zu sehen,
was Zeugnis vergangener Epochen ist und von Leben erfüllt war.
Vielleicht könnten die verfallenen Dörfer Sorias zum Zweck
der tröstenden (?) Erinnerung mit einem Netz von Fahrradwegen verbunden
werden, was einem Konzept des "sanften" Tourismus, einem "Kulturtourismus",
dienen könnte.
Was
man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen
Ich bin nach wie vor überzeugt, daß ein befriedigender Ausbau
der öffentlichen Verkehrsmittel in Soria erreicht werden muß. Nur
müssen sie halt nicht superschnell sein, dafür aber intelligenter.
Hier gilt auch der Spruch "Was man nicht im Kopf hat, hat man in den
Beinen".
Eine Regionalbahn, zweigleisig ausgebaut, könnte sowohl den öffentlichen
Personenverkehr und den öffentlichen Güterverkehr, als auch den
privaten Güterverkehr decken. Die Fußgänger und Fahrradfahrer
können in Verbindung mit dem öffentlichen Verkehr eine Region auch
flächendeckend erschließen, allerdings mit nicht so hohen Geschwindigkeiten.
Fußgänger und Fahrradfahrer zerstören deshalb nicht die Strukturen,
weil die Fortbewegung immer noch mit körperlichem Energieaufwand verbunden
ist, und auch wenn ein Produkt zehn Kilometer entfernt um 10% billiger ist,
zahlt es sich doch oft aus, das gleiche Produkt in der näheren Umgebung
zu kaufen. So kann sich ein lokaler Markt entfalten, und die fortschreitende
Konzentration und Zentralisation findet endlich seine Grenzen.
Die Belegung, die Dichte des Schienenverkehrs kann durch die neuen
Informationstechniken um einiges erhöht werden, und der Einsatz von drei
Kilogramm dieser Techniken und 25 Kilogramm Hirn ermöglicht endlich einen
alle befriedigenden öffentlichen Verkehr. Heute muß man Masochist
sein, um die Bahn in Soria und die Verbindungen zum überregionalen Zugverkehr
zu benutzen. Der öffentliche Busverkehr bringt auch den zum Verzweifeln,
der in einem bestimmten Ort in Soria zu einer bestimmten Zeit sein will.
Auch wenn im Verkehr die wahren Kosten angerechnet werden, wird der
öffentliche Verkehr als Dienstleistung der Gemeinschaft an ihre Mitglieder
verstanden werden müssen.
Landwirtschaft
Die heutige Palette an landwirtschaftlichen Produkten und heutige Anbaumethoden
existieren schon lange Zeit. Nach "Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes"
züchteten die frühesten bäuerlichen Gemeinschaften schon um
5000 bis 3000 vor Chr. Getreide wie Weizen und Gerste, Roggen, Hafer und Hirse.
"Schon in den frühesten Fundzusammenhängen kommen Gemüsepflanzen
vor, Erbsen, Bohnen, Platterbsen und Linsen: Während die Getreidearten
Stickstoff aus dem Boden entnehmen, ersetzen diese Gemüsepflanzen den
Stickstoffgehalt, und man kann annehmen, daß schon in frühester
Zeit ein Anbauwechsel vorgenommen wurde, um stetige Ernten zu erzielen. Ein
einfaches System der Fruchtfolge einschließlich einer Brache kann schon
in frühester Zeit vorausgesetzt werden, ebenso die Anwendung einer Art
Düngung. Vom zweiten Jahrtausend v.Chr. an beweisen die Haufen von Topfscherben,
Knochenresten und anderen Relikten in den vorgeschichtlichen Funden Englands
die Verwendung von Abfällen aus Haushaltungen und Wirtschaftshöfen
zu diesem Zweck. Flachs wurde anscheinend zuerst wegen seines nahrhaften,
öligen Samens wegen angebaut, bis man die Verwendungsmöglichkeit
der Fasern aus seinen Stengeln zur Herstellung von Textilien erkannte."
[51]
Bild
61:
Ackerbau-Kulturen
im Europa des späten 4. bis 3. Jahrtausends v.Chr.:
1)»Westische«
Gruppen, 2)Süditalienisch-sizilische Gruppen, 3) Trichterbecher- Gruppen,
4) Tripolje- Kultur, 5) Boian und verwandte Gruppen, 6) Gebiet mit Dauersiedlungen
seit dem 5. Jahrtausend v.Chr.
In der Landwirtschaft hat sich in den letzten Tausenden von Jahren
eine ökonomische und ökologische Anbauweise erhalten. Nur in den
letzten
100 Jahren hat sich das Bild völlig umgedreht, und in Soria erst in den
letzten 50 Jahren. Diese vollkommen absurde Entwicklung möchte ich mit
zwei Schaubildern von Rudolf H. Strahm skizzieren:
[52]
Bild
62:
Die
nordamerikanische Landwirtschaft kann nicht Vorbild sein.
Bild
63:
Monokultur
und Bodenerosion erfordern immer mehr Dünger.
Ökologische, biologische Landwirtschaft ist zeit-, Gehirn- und
arbeitsintensiv und kann verbunden mit einer Veredelung der Produkte und einem
sanften Tourismus zu einer immensen Wertschöpfung im lokalen Raum verhelfen.
Natürlich müssen für biologische Lebensmittel auch gerechte,
dem Aufwand entsprechende Preise bezahlt werden, wenn man von einer Subventionierung
Abstand nimmt. Konkurrenzfähig sind biologische Produkte, wenn die Umwegrentabilität
erkannt wird (weniger Arztkosten, schmeckt besser, ...), beziehungsweise wenn
die anderen Lebensmittel auch teurer werden, zum Beispiel, wenn Folgekosten
nicht mehr auf Dritte abgewälzt werden können.
Das Märchen von der Senkung der Lebensmittelpreise für Konsumenten
will uns vorgaukeln, daß wir besser leben, wenn wir weniger Geld für
Lebensmittel ausgeben. Das stimmt in zweierlei Hinsicht nicht: Wenn wir jeden
Tag zweimal billig ein "Feiertagsessen" wie Fleisch verschlingen,
kostet uns das mehr als einfachere, dafür aber höherwertige und
teurere Kost. Und: Die Haushaltsausgaben sind oft konstant. Was wir beim Essen
einsparen, geben wir in anderen Bereichen dafür umso mehr aus. Wir geben
für das am meisten aus, was uns am wichtigsten ist. Den Beweis für
diese Behauptung kann jeder für
sich selber erbringen.
Bild
64:
Bergwiesen
bei Vizmano
Projekte
in Berggebieten Österreichs
Helmut Waldert beschreibt in seinem Buch "Gründungen- Starke
Projekte in schwachen Regionen" viele Erfahrungen vieler Projekte in
Berggebieten Österreichs, die zweierlei zeigen:
1)
Die wirtschaftliche Existenz in solchen Berggebieten ist möglich, und
2)
eine tragfähige wirtschaftliche Entwicklung geht mit einer Entwicklung
der Persönlichkeit und des Bewußtseins einher, die trägt.
Folgende
Zitate daraus sind zwar aus dem Zusammenhang gerissen, sind für mich
aber für Soria richtungsweisend:
"Sie bauen mehr als 40 Kulturen auf kleineren Flächen an.
Das sieht nach Verzetteln statt Rationalisieren aus. Auf den zweiten Blick
verfolgen sie damit das Prinzip der Risikostreuung. Sie diversifizieren wie
ein Geldanleger seine Börsenpapiere: Er streut seinen Aktienbesitz, um
sein Risiko zu streuen." (S.86)
"Man kann den Vorgang auch Privatisierung politischer Verantwortung
nennen. Josef Köstlinger hatte ziemliche Probleme, an die 45 Bauern in
der Form einer Genossenschaft zum Betrieb einer Getreide- Reinigungsanlage
zu versammeln: »Die schimpfen auf die großen Genossenschaften,
wo sie nichts zu reden haben, übertragen das auf kleine und wollen auf
keinen Fall eine Genossenschaft- obwohl sie eigentlich keine Alternative haben.«
Wieso keine Alternative? Die besagten 45 Bauern sind durch die Bank Bergbauernbetriebe,
die auf organisch- biologischen Landbau umgestellt haben, Selbst- Vermarkter
und Ab-Hof-Verkäufer. Nach der Erarbeitung der Kenntnisse vom biologischen
Landbau folgt die Erarbeitung des Qualitätsbewußtseins. In einer
Konsumwelt, in der jedes Produkt und jede Ware auf den Regalen der Supermärkte
so tut, als ob es eine Attraktion für sich wäre, ist Idealismus
kein Verkaufsargument."(S.77)
"Liberalisierer und Privatisierer preisen den Markt als einen
sich selbst steuernden Wirtschaftsmechanismus, der alle Nöte von der
Wohnungsnot bis zu mangelhaften Produkten beseitigt. Menschliche Entscheidungen
werden wegrationalisiert. Was vor sich geht, ist die Industrialisierung des
sozialen Lebens. Und auch die Agrarpolitiker benehmen sich wie Maschinisten,
die an Hebeln drehen, Ventile schließen, Hähne öffnen und
Lämpchen bzw. Bildschirme beobachten, um
menschliches Verhalten einem sich selbst steuernden System zu unterwerfen."(S.253)
Ich will an dieser Stelle nur einige Stichworte bringen, denn das Buch
ist es wert, von vorne bis hinten gelesen zu werden. Die Stichworte kombinieren
Erfahrungen und Ideen aus dem Buch mit eigenen Erfahrungen und Ideen, allesamt
sind in Soria realisierbar. Ziel eines Seminars in Soria wäre es auch,
mit der dortigen Bevölkerung und Phantasie diese Palette zu erweitern
und in einer zweiten Phase zu verwirklichen. Es gilt, die Wertschöpfung
wieder nach Soria zurückzuholen. Die Veredelung und Weiterverarbeitung
kann in den landwirtschaftlichen Betrieben, im Gewerbe und in der Kleinindustrie
erfolgen.
-
Bergkräutergenossenschaft mit Forschungsanstalt und Veredelung: Heilkräuter,
Aromas, Gewürze, Suppengewürze, Parfum
Bild
65:
Die
keltiberische Tradition der Druiden wird wieder aufgenommen: Druiden als Vermittler
einer ganzheitlichen Kultur der Heilkunst.
Quelle:
Asterix und Obelix in Spanien.
[53]
-
Gesundheitszentren mit Schlammbad (Lehm!), Heubad, Sonnenbad, Wasserbad (Kneippkur),
Sauna, versorgt mit gut ausgebildeten Ärzten, vermittelt Heilkräuter,
Homöopathie, Akupunktur, gesunde Ernährung, Tanz (Gesundheit und
Freude durch Bewegung), Singen (Ventil für Emotionen).
hochwertige
Speiseöle aus Sonnenblumen, Kürbis, Lein, Mohn, Distel, ...
Bild
66:
Kräuter
für ein Gesundheitszentrum- Wiese bei Vizmano
-
Getreidereinigungsmaschine für dezentrale Behandlung von Getreide
-
Erzeugung von Nudeln und Getreideflocken
-
Frischfleisch, Speck, Würste
-
Fischzucht
-
Wolle und Leder
-
Imkereiprodukte
-
Milchprodukte, auch für eine neue Getränkekultur: Ajran (erfrischendes
Kräuter-Yoghurt-Wasser-Getränk, stammt aus Persien, der Türkei
und Griechenland), Fruchtmilch, Fruchtyoghurt,...
-
Konservierung mit Milchsäurebakterien,...
-
Kulturzentren in einem Wegenetz für Rad- und radlose Wanderer (Feste,
Konzerte, Veranstaltungen, wechselnde Ausstellungen)
-
Mode, Kleider, Hängematten, schaukelnde Betten, hängende Betten,
hängende Gärten, Schuhe, neue Möbel
-
innovative Fahrradkonstruktionen,
-
innovative Bahnkonstruktionen
-
Holzschnitzel-Heizkraftwerke, Sonnenkollektoren, Solartrockner für Obst,
Biogasanlagen, Pflanzenkläranlagen, Biomasseanbau von Bauern zur Herstellung
von Biogas ("Energiefarming")
-
Bildungstourismus, Kulturtourismus, Gesundheitstourismus, Gaumentourismus,...
-
Holzkonstruktionen, mit aktivem Holzschutz: Probiotika (Spezialkulturen),
Förderung der Feinde der Feinde.
-
ROTAS GALAX, spiralförmige Bearbeitung der Felder statt rechteckig: keine
Bodenverdichtung, Raum für Hecken und andere ökologische Nischen
-
Bauernmarkt: Kommunikation zwischen Produzent und Konsument.
Bild
67:
ROTAS
GALAX (Erfinder: Walter Albrecht, Wolfgang Pils), stellvertretend für
eine innovative eigenständige Regionalentwicklung
Quelle:
Helmut Waldert: Gründungen, Wien 1992, S.313.
Während die EG auf der einen Seite (noch) alle Voraussetzungen
schafft, daß kleine Strukturen im ländlichen Raum wirtschaftlich
untergehen, unterstützt sie auf der anderen Seite doch wieder Initiativen
wie in Arcadia (Peloponnes), die "den Niedergang in ländlichen Gebieten
aufhalten" wollen.
[54]
Einerseits werden Diversifikation, Weiterbildung
und Fremdenverkehr gefördert, andererseits bleiben die Rahmenbedingungen
doch wieder die selben, die doch wieder die Großen begünstigen.
Trotz allem glaube ich nicht, daß die Großen längerfristig
überleben werden.
Die Stärke lokaler, eigenständiger Entwicklungen mit kleinen
Strukturen liegt in deren Vernetzung. Kleinere Betriebe können die Grundregeln
der Biokybernetik besser ausnützen als Großbetriebe, weil sie flexibler,
überschaubarer sind, und werden dadurch in Zukunft besser überleben
als Großbetriebe.
Bild
68:
Quelle:
Frederic Vester, Ballungsräume in Krise, S.84.
Bodenrecht
Grund und Boden gehörten der Gemeinde und wurden von ihr verpachtet,
bis das römische Recht das private Bodeneigentum im späten Mittelalter
einführte.
[55]
Im Kapitalismus heute wird mit Boden umgegangen,
als könnte es einen freien Markt dafür geben. Boden ist allerdings
nicht vermehrbar, sodaß Bodenmarkt nie frei sein kann. So wurde Boden
auch zum Spekulationsobjekt und zur
Investitionsanlage, und vom eigentlichen Zweck entfremdet: als Teil der Erde
ist der Boden die Lebensgrundlage für Pflanzen, Tiere und Menschen. Von
den indianischen Hochkulturen können wir Europäer in dieser Hinsicht
noch einiges lernen. Auch die Charta von Athen (1933) verurteilt die Bodenspekulation
und schlägt eine Enteignung vor.
Margrit Kennedy schlägt für das Bodenproblem eine Kombination von
kapitalistischem Bodenrecht und kommunistischem Bodenrecht vor. Die Bodenspekulation
im kapitalistischen Bodenrecht beschert ja einer Minderheit ein arbeitsloses
Einkommen zu Lasten der Allgemeinheit, im kommunistischen Bodenrecht hingegen
geht ein mangelndes Interesse an einer wirtschaftlichen Nutzung auch zu Lasten
der Allgemeinheit.
Bodenrecht
im Kapitalismus
Bodeneigentümer:
private Haushalte
Bodennutzung:
private Haushalte und Unternehmen
Bodenpachtertrag:
in private Taschen
Bodenrecht
im Sozialismus/ Kommunismus
Bodeneigentümer:
Staat/ Genossenschaften
Bodennutzung:
staatlich zugeteilt
Bodenpachtertrag:
an den Staat
Lösung
der Bodenrechtsfrage
Bodeneigentümer:
Gemeinschaft (Dorf, Stadt, Land)
Bodennutzung:
private Haushalte und Unternehmen
Bodenpachtertrag:
über die Gemeinschaft an alle Bürger
[56]
Die Gemeinde vergibt also ihre Grundstücke in Erbpacht um eine
Pacht von z.B. 3% des Zeitwerts des betreffenden Grundstücks. "Die
Pächter genössen in diesem neuen System sämtliche Vorteile
des heutigen Erbpachtsystems: sie könnten ihren Besitz im Rahmen der
lokalen Planungsvorgaben nutzen, ihn bebauen, ihre Häuser verkaufen beziehungsweise
an ihre Nachkommen vererben. Sie könnten an Dritte weitervermieten, solange
sie ihre Bodenpacht bezahlen. Eine angemessene Pacht wäre durch öffentliche
Ausschreibung oder Auktionen zu ermitteln, womit der Ineffektivität von
Planwirtschaft oder bürokratischen Festlegungen ein Riegel vorgeschoben
wäre."
[57]
Sämtliches
Land müßte eine Abgabe von 3% auf den Zeitwert des Grundstücks
entrichten und daraus die Flächen erwerben, was rechnerisch bei neutralem,
zinslosem Geld in 33 Jahren möglich wird. Den Grundeigentümern könnte
die Gemeinde anbieten, wenn sie Ihr Grundstück an die Gemeinde abtreten,
daß sie ihr Grundstück in Erbpacht weiternutzen können und 33 Jahre
von den Pachtzahlungen befreit sind.
In Soria wird im ländlichen Raum zwar noch nicht mit Boden spekuliert,
trotzdem gibt es noch ungelöste Probleme. Viele Grundstücke mit
Häusern verfallen und verwaisen in den Ortschaften, weil deren Besitzer
ausgewandert sind. Manche Besitzer tauchen im Sommer für kurze Zeit wieder
auf, um die Sommerfrische zu genießen und um an Dorffesten teilzunehmen.
Diese Besitzer haben noch geistige und materielle Wurzeln in den Dörfern,
was sie selbst und deren Kinder vielleicht motivieren könnte, in die
Dörfer zurückzukehren, wenn sie unter neuen Rahmenbedingungen sich
wirtschaftlich und kulturell entfalten können.
Von manchen Grundstücken sind die Besitzer gar nicht mehr auffindbar,
weil sie in einem anderen Erbteil leben, oder weil sie gar nicht wissen, daß
sie Teilerben geworden sind. Die
Bürgermeister haben sich bis jetzt noch nicht getraut, solche Grundstücke
zu enteignen. So kommt es vor, daß das Dorfzentrum zerfällt, während
am Rand neu gebaut wird. Die
Forderung nach Enteignung kann zwar schmerzen, wird aber kaum zu umgehen sein.
Eine Abgabe der Grundstückseigentümer wäre in den Dörfern
auch sinnvoll, damit Einrichtungen öffentlichen Nutzens finanziert werden
können. Die öffentliche Hand leidet in Soria sowieso unter Geldmangel.
Zudem würde auch wieder Geld von den Städten in die Dörfer
zurückfließen.
Die Nutzung der Grundstücke in den Gemeinden Sorias in einem Erbpachtsystem
würde es ermöglichen, daß Leute aus den Städten mit der
hohen Arbeitslosigkeit in die Dörfer Sorias zurückkehren könnten,
ohne ihre finanziellen Kräfte in die Bezahlung von Grundstücken
zu verlieren. Es nützt allen, wenn sie ihre Finanzen zum Aufbau ihrer
wirtschaftlichen Tätigkeit einsetzen.
Die
Dörfer und Bauweisen in Soria
Die Organisation von Siedlungen, von Dörfern und Städten,
entwickelte sich nach den Formen des wirtschaftlichen Lebens ihrer Einwohner.
Die Dörfer in Soria sind meist als Haufendörfer angelegt.
Viehwirtschaft und Ackerbau werden gleichzeitig betrieben. Die Tiere werden
tagsüber auf die Weiden getrieben und abends zurück in die Ställe
gebracht. So erklärt sich die Lage von Dörfern wie Abioncillo im
ländlichen Raum. Abioncillo braucht ausreichend Abstand von den umliegenden
Dörfern, damit die eigenen Tiere ausreichend Weidefläche in der
nahen Umgebung haben. Innerhalb des Dorfes ermöglicht die räumliche
Nähe eine gute Zusammenarbeit, trotzdem ist jedes Haus vom anderen durch
mindestens einen Spalt getrennt. In Cuellar de la Sierra hingegen sind drei
bis vier Häuser zu einem Block zusammengefaßt.
Bild 69:
Abioncillo
lebt von den Wiesen...
Bild
70:
...und
von den Wäldern.
Diese Siedlungsform entstammt vielleicht schon aus der »Tell«-Zeit,
wie Kindler beschreibt: "In den europäischen »Tell«-Siedlungen
jedoch waren die Häuser in den früheren Schichten - wie zum Beispiel
in der ersten Phase von Koranovo in Bulgarien, in Tsangli und Otzaki-Magula
in Thessalien oder Nea Nikomedeia in Makedonien - individuelle, einräumige,
locker innerhalb des Dorfareals verstreute Bauten, und diese Art wurde niemals
aufgegeben. Weiterhin wurden zum Hausbau nicht nur Lehmziegel, sondern auch
hölzernes Fachwerk verwendet; von zahlreichen Hausmodellen wissen wir,
daß die Dächer nicht flach, sondern gewalmt waren und Giebel hatten.
Dies sind zum Teil Änderung der Architektur, die veränderten klimatischen
Bedingungen entsprechen. Dauerhafte und wirkungsvolle Bauten mit Mauern aus
Lehmziegeln lassen auf heiße Sommer und kalte Winter schließen,
und ebenso wie die Landwirtschaft sich über die ursprüngliche Ernährung
durch wilde Getreidearten hinaus zur Züchtung härterer Sorten entwickelte,
so änderte sich die Architektur der Häuser in ihrem Charakter, um
sich dem kälteren Klima anzupassen.
... Überall bildete die Anlage der Dörfer aus verstreuten
Einzelhäusern mit Scheune und Kuhstall den Gegensatz- wie heute auch
noch- zu der orientalischen, eng gedrängten Siedlung, und es scheint,
daß diese Dorfart schon in den frühesten bäuerlichen Kulturen
Europas entstanden ist."
[58]
Runde Hausformen gibt es in Soria im Norden und im Süden: In der
Gegend um San Pedro Manrique wurden aus Stein runde Häuser mit einem
Loch in der Mitte der Decke gebaut, wo die Schäfer aus dem Süden
Spaniens den Sommer verbrachten (transhumancia).
Im
Süden Sorias um Layna (Medinaceli) entstanden runde Ställe zur Unterbringung
von Vieh im Winter, besonders von Schafen. Die Dachkonstruktion bestand aus
Ästen, der Unterbau aus Stein. Dem Stall vorgelagert ist ein kreisförmiger
"Freiluftstall" aus Stein. Zur Herkunft der runden Häuser schreibt
Pigott:
"Auf der Iberischen Halbinsel entwickelte sich jenseits der südlichen
Küstenzonen mit ihren griechischen und karthagischen Kolonien eine sehr
komplizierte Situation: eine keltische Volksgruppe hauptsächlich im Zentrum
und im Westen der Halbinsel, Iberer- mit einer nicht- indoeuropäischen
Sprache- im Süden und im
Osten, schließlich eine gemischte kelt- iberische Gruppe als Resultat
einer Vermengung von beiden. Die keltischen Höhensiedlungen (castros)
sind befestigt mit Wällen oder Steinmauern und
weisen manchmal rechteckige oder ovale, meist jedoch runde Häuser auf
wie im gleichzeitigen Britannien."
[59]
Die
Organisation des Hauses
In allen Dörfern verfügen die Häuser über einen
nordseitigen Stall im Erdgeschoß. Ein von der Küche aus beheizter Backofen liegt meist neben dem Stall,
oder auch im Stall, damit die Tiere die Restwärme ausnutzen konnten.
Schließlich bildeten die Tiere die Lebensgrundlage der Familie. Auf
der anderen Seite der Küche, beziehungsweise im Obergeschoß ober
der Küche, liegt das Schlafzimmer bzw. Zimmer mit Schlafkojen. Über
dem Stall wird das Heu gelagert, das das Haus vor der Kälte schützen
soll. Die kleinen Fensteröffnungen sind meistens nach Süden ausgerichtet,
nach Norden gibt es nie Fenster, denn von dort kommt der kalte Wind. Der Kampf
gegen die Kälte wurde zum Lebensprinizip.
[60]
Bild
71:
Grundriß
der "casa pinariega", nach Carlos Flores
[61]
Bild
72:
Grundriß
eines Hauses in Ribiana Soriana del Duero, nach M.a Rosario Miralbés
[62]
Bild
73:
Grundriß
eines Hauses in Almazán, nach M.a Rosario Miralbés
Das Leben fand hauptsächlich in der Rauchküche statt, deren
trichterförmig nach oben führender Kamin zum Kennzeichen Sorianischer
Volksarchitektur erhoben wurde. Damit es nicht hineinregnete, schloß
der Konus des Kamins mit Holzbrettern oder Steintafeln. In dieser Küche,
dem wichtigsten Raum des Hauses, wurde gekocht, gegessen, gearbeitet und manchmal
auch geschlafen: "La cocina es la habitación más importante
de la casa - y desde luego la más característica e interesante-, porque es, además
de cocina, cuarto de estar, comedor, lugar donde se fabrica el pan y se cura
la matanza, etc. ... el cono de la chimenea que arranca - negro brillante
por el humo - a dos metros del suelo, sobre el quadrado de la habitación,
y al final del cual, a través del copete de tablas, se ve el cielo."
[63]
Bild 74:
Die
Rauchküche, Schnitt
Quelle:
Herrero Ayllón, Antón Pacheco, 1933
Bild 74a:
Die
Rauchküche, Axonometrie
Quelle:
Herrero Ayllón, Antón Pacheco, 1933
Bad und Toilette gibt es im traditionellen Haus
nicht. Gewaschen haben sich die Menschen wahrscheinlich mit Schüsseln
und am Bach, ihre Bedürfnisse haben sie im Winter wahrscheinlich im warmen
Stall verrichtet.
Wo Stein vorhanden war, wurden die Häuser in Stein errichtet (im
Norden der Provinz), wo Lehm vorhanden war (besonders im Tal des Duero), wurde
das Holzskelett mit Flechtwerk versehen und mit Strohlehm ausgefacht. Wo beides
vorhanden war, wurde öfters das Erdgeschoß in Stein gebaut, das
Obergeschoß in Lehm. Herrschaftliche Häuser wurden in Stein gebaut.
Bild
75:
Haus
mit Balkon auf der Südseite in Vinuesa
Bild
76:
Laubenhäuser
in Calatañazor
In Velasco (der Dorfname ist baskischen
Ursprungs) gibt es ein inzwischen verfallenes einfaches Bauernhaus, an dem
viele Techniken mit Inkonsequenz ausprobiert wurden:
1)
Fachwerk mit Steinsockel (Schutz vor Nässe) ca. 60 cm über dem Erdboden.
Das Fachwerk ist mit Adobeziegeln ausgefacht.
2)
Zweischaliges Mauerwerk, außen Stein, innen Lehmziegel, dazwischen ein
Hohlraum. Alle ein bis eineinhalb Meter verbindet ein länglicher Stein
beide Schalen.
3)
Lehmmauerwerk ab dem Erdboden. Der Steinsockel ist zu mühsam geworden.
Lehm wurde nicht nur in Form von aufgemauerten Strohlehmziegeln oder verwendet oder zwischen Flechtwerk geschmiert,
sondern auch als Stampflehm verarbeitet. Die Problematische Ecke wurde mit
Ziegelmauerwerk gelöst (siehe Bild 78).
[64]
Bild
77:
Die
Schalung für Stampflehmwände
Bild
78:
Stampflehmwände
Die leider verfallende Kirche in Velasco (siehe
auch Bild 7-8) ist ein Zeugnis arabischen Ursprungs, was man an der kunstvoll
verzierten Decke über der Absis (noch) erkennen kann. Die Außenfassade
wurde mit einer speziellen Technik verputzt (siehe Bild 79):
1)
Die Steine werden aufgemauert.
2)
mit Mörtel deckend verputzt
3)
von den Steinspitzen wird der Mörtel wieder entfernt, der Stein wird
gewaschen
4)
um den freigelegten Stein wird ein Umriß eingraviert.
Bild
79:
Fünf
Dörfer und fünf Häuser
(Bauaufnahmen)
Espejo de Tera liegt nördlich von der Stadt Soria, Richtung Almarza,
und ist von der Hauptstadt ca. 12 km entfernt, was nah genug ist, um es als
Schlafdorf zu verwenden.
Bild
80:
Der
Eingang zum Hof
Der
aufgemessene Hof besteht aus einem Hauptgebäude und zwei daran anschließenden
Nebengebäuden, die alle einen mit Mauern umgrenzten Hof umschließen.
Bild
81:
Das
Hauptgebäude
Im
Obergeschoß des Hauptgebäudes befinden sich die Schlafräume,
mit den Fenstern nach Süden, im Erdgeschoß liegen die Küche
mit außenliegendem Backofen und ein Stall, wo wahrscheinlich die wertvollsten
Tiere, die Rinder, "wohnten".
Bild 82:
Der
Backofen liegt außen, ist aber von der Küche aus zugänglich
Der
große Raum, der den Zugang zu den oberen Geschossen, der Küche
und dem Stall verwahrte Arbeitsgerät, vielleicht wurde er auch als Stall
genutzt.
Bild
83:
Der
Hof mit den Ställen für kleine Haustiere
Auf
der Westseite schließt als Nebengebäude ein weiterer Stall mit
vorgelagertem Hof an. Er diente wahrscheinlich vor allem den Schafen. Auf
der Südseite des vorgelagerten Hofes schließen sich im zweiten
Nebengebäude zwei weitere Ställe an, die auch kleineren Haustieren
und Geflügel vorbehalten waren.
Sämtliche
Außenmauern wurden in Stein errichtet, die Dächer sind mit Tonziegeln
eingedeckt.
Cuellar de la Sierra liegt auch im Norden Sorias auf der Straße
nach San Pedro Manrique und ist von der Hauptstadt ca. 18 km entfernt. In
diesem Dorf sind die in Stein errichteten Häuser in Blöcken zusammengefaßt,
und so hat auch das von mir vermessene Haus einen Nachbar links und eine rechts.
Die
Hauptöffnungen gehen auch hier nach Süden. Über ein Tor gelangt
man über einen kleinen Hof in einen Vorraum, von dem aus alle anderen
Räume erschlossen werden: eine Stiege führt in die Obergeschosse,
zwei "Durchgangs"-Ställe und zwei von diesen eschlossene Ställe,
von denen der im Süden auch einen direkten Ausgang nach außen hat.
Im
Obergeschoß liegen die Küche, die Kammern und Schlafräume.
Der Dachboden ist ein Ort der vielen entdeckbaren Dinge, die momentan nicht
gebraucht werden.
Bild
84:
Sarnago liegt ganz im Norden Sorias, vier Kilometer von San Pedro Manrique
und 44 km von der Hauptstadt entfernt. Dieses Dorf wird drei Wochen im Jahr
von ehemaligen Bewohnern im Sommer belebt, sonst bleibt es leer.
Bild
85:
Sarnago,
die Geisterstadt
Bild
86:
Die
Dorfquelle als Zentrum: es gibt doch Leben
Treffpunkt
ist die Dorfquelle, aus der langsam, aber doch Wasser fließt. Risse
gehen durch die Kirche, aber sie steht noch. Große Risse trennen das
Dorf von seinen Einwohnern, aber eine eine kleine Bindung kann wieder zu einer
größeren wachsen.
Bild
87:
Werden
sich die Risse wieder schließen?
Das
von mir vermessene Haus war damals schon beim Verfallen. Es ist ein langgestreckter,
dreigeschossiger Baukörper und ähnlich organisiert wie das Haus in Cuellar de la
Sierra: im Erdgeschoß befinden sich Ställe, im Obergeschoß
Küche, Aufenthalts- und Schlafräume, im Dachgeschoß diesmal
aber auch ein Wohn- und Schlafraum.
Bild
88:
Bleibt
irgendwann nur noch die Erinnerung?
Die
größeren Fenster öffnen sich nach Südwesten, kleinere
Gucklöcher schauen nach Nordosten. Die Außenwände sind aus
Stein, die Innenwände aus Lehm.
Bild
89:
Ein
mit Kalk bemalter Lehmputz an der Decke macht die Räume hell
Die
Holzbalkendecken sind nach unten mit Lehm verputzt.
An den Wohnteil schließen noch Scheune
und ein weiterer Stall an.
Abioncillo liegt bei Calatañazor, einem zum Museum deklarierten
Dorf, in der zentralen Zone Sorias, 34 km von der Stadt Soria entfernt, 30
km von El Burgo de Osma. Abioncillo wurde zum Teil von der "Cooperativa
del Rio"
wiederaufgebaut, deren Lebensgrundlage die Führung einer internationalen
Schule und Sommeraufenthalt für Kinder ist. Die landwirtschaftlichen
Flächen um das Dorf sind auch noch Lebensgrundlage für fünf
Familien, die im Dorf leben.
Auch
hier sind viele Häuser zu Blöcken zusammengefaßt, das von
mir aufgenommene hat links und rechts Nachbarn und hinten, nach Norden hin,
eine Scheune,und ist jetzt nicht mehr bewohnt.
Bild
90:
Bild
91:
Es
ist ein Haus von eher armen Leuten. Der Eingang liegt auf der Südseite,
nach Osten liegen die Schlafräume, in der Mitte die Küche mit Öffnung
zum Backofen, der im Westteil im Stall sitzt. Im Dachgeschoß gibt es
noch einen Schlafraum mit einem kleinen Guckloch (nicht verglastes Fenster)
nach Süden, sonst wird im Dachgeschoß Heu, Futter, Vorräte
und anderes gelagert.
Bild
92:
Der
Eingang für Menschen und Tiere
Die
Konstruktion besteht aus Holzrahmen, die mit Stein, Flechtwerk und Lehm ausgefacht
sind. Teilweise sind die Außenwände mit Lehm verputzt.
Bild
93:
Stein
und Lehm füllen das Holzskelett
Navapalos liegt in der Nähe von El Burgo de
Osma (10 km) im Südosten Sorias, von der Hauptstadt 67 km entfernt. Ein
Bach fließt an Navapalos vorbei, um bald nach dem Dorf in den Rio Duero
zu münden. Das Dorf ist, wie berichtet, völlig verlassen. Es soll
zu einem internationalen Konferenzzentrum werden.
Bild
94:
Das
von mir vermessene Haus war im Juli 1990 noch halbwegs gut beinander, im Juli
1993 allerdings haben sich die Wände vemehrt, die eingefallen sind. Ein
Dachschaden rüttelt an der Existenz. Ein aus Lehm gebautes Haus rächt
sich mit der Selbstauflösung, wenn es nicht ab und zu gepflegt wird.
Bild
95:
Nicht
gepflege Häuser sagen Ade
Auf
der Südseite befinden sich wieder Aufenthaltsraum mit Schlafkoje, in
der Mitte Küche mit Speisekammer, nordseitig nach hinten Stall mit Backofen.
Bild
96:
Der
Backofen heizt den Stall
Im
Obergeschoß liegen ein weiterer Raum mit Schlafkojen, ein Raum, der
vom Kamin beheizt wird, und ein Raum zur Lagerung von Heu.
Bild
97:
Das
Dachgeschoß wird zur Lagerung von Getreide verwendet.
Modernes
Bauen im ländlichen Raum
Es ist klar, daß mit den heutigen Bautechniken und den heutigen
Erwartungen die Wohnhäuser auch im ländlichen Raum anders ausschauen
werden. Eine bessere Wärmedämmung und die nicht zu umgehende passive
Nutzung der Sonnenenergie können die Menschen besser vor der Kälte
schützen, als es die damaligen Techniken konnten. Die Umsetzung der neuen
Techniken und Lebensart in einer ehrlichen Weise fordert zur besten modernen
Architektur heraus. Im alten "Stil" weiterbauen, ohne daß
die Menschen im alten "Stil" leben wollen, hilft niemandem. An dieser
Stelle möchte ich auf die 'Vier Vorschläge' von Dworsky für
ein Bauen in der Region hinweisen:
1)analytische Typologie, 2) synthetische Typologie, 3) kritischer Regionalismus,
4) wohlorganisiertes Territorium.
"Erster
Vorschlag: Analytische Typologie:
Der
erste Kunstgriff besteht darin, die Typologie nicht als Katalog von Architekturbestandteilen,
wie Dachformen, Fensterformen etc., aufzubauen, sondern zusammenhängende,
komplette Strukturen zu modellieren, das heißt Vernetztes vernetzt zu
lassen. ...
Zweiter
Vorschlag: Synthetische Typologie:
...
Die Errichtung der synthetischen Typologie ist somit der eigentlich kreative,
einzig vom Gestalter, vom Architekten festzulegende und persönlich zu
verantwortende Akt. ...
Dritter
Vorschlag: Kritischer Regionalismus:
...
Eine strukturale Analyse kann Grundlage und Ausgangspunkt einer frei anwendbaren
Typologie werden, die mit den eigentlichen architektonischen Mitteln, wie
soziale Raumkonfiguration, lokalökologisch angemessene Konstruktionssysteme,
Energieverwaltung, Akzentuierung des Ortes, Wegführungen, Platzorganisationen
etc., arbeitet und das Regionale auf der handgreiflichen Strukturebene trifft.
...(was) - von begabten Händen umgesetzt- gänzlich neue, jedoch
regional tiefverankerte Architekturen und territoriale Ordnungen erzeugt.
Vierter
Vorschlag: Die Vision vom 'wohlorganisierten Territorium'
...
Die immer wieder empfundene 'Schönheit' einfacher historischer Bauwerke
in der Landschaft, von dörflichen Siedlungen, ist nicht eine etwa dem
Objekt per se anhaftende Eigenschaft, sondern die Qualität einer zustimmenden
und erfreulichen Beziehung, die zwischen dem erkennenden Subjekt, dem Betrachter,
und dem Objekt, etwa dem Landschaftsbild, entstehen kann. ...
Die
Gestaltungsdiskussion im ländlich- dörflichen Raum hat sich demnach
von den falsch und zu kurz gezielten Hoffnungen auf das regionale Kochbuch
zu trennen und sich dem Aufbau bzw. dem Wiederaufbau eines wohlorganisierten
Territoriums zu widmen."
[65]
Die
Vision einer Bauweise in Soria
Folgende Wesenszüge des traditionellen Hauses von Soria empfinde
ich als spannend und wertvoll, dies weiterzuführen: eine Vision:
Das Material Lehm hat auch in Europa eine große Zukunft, besonders
wenn die Polarisierung von Arm und Reich noch länger andauert. Denn Lehm
ist, abgesehen von den ökologischen und gesundheitlichen Vorzügen,
ein ideales Material für Selbstbautechnologien, und somit billig, und fördert speziell lokale Strukturen.
Die Küche als soziales Zentrum und als Lebensmittelpunkt im Haus
soll bleiben, sie wird allerdings nicht mehr der einzig warme Ort im Haus
sein.
Der Stall hat in den Häusern seine Funktion verloren, dafür
aber ziehen sanitäre Räume ein: Bad und Klosett (nicht unbedingt
WC, WasserClosett, sondern auch KT, Kompost-Toilette).
Das Prinzip der Öffnung des Hauses auf der Südseite wird
beibehalten, allerdings bringen Isolierglasfenster mehr Wärme als die
kleinen Öffnungen. Vor Überhitzung besonders im Sommer und in den
Übergangszeiten schützen ein Vordach, Sonnenschutz aus Schilf und
spiegelnde Lamellen.
Die
Wärmespeicherung im Hausinneren, kombiniert mit einer Wärmedämmung
nach außen, schafft ein angenehmes Raumklima und hilft zugleich, Energie
zu sparen.
Der Austausch von Materialien und Energie, vom Haus in die Umwelt und
umgekehrt, bedient sich folgender Systeme und Prinzipien:
-
Abfalltrennung, -vermeidung und -verwertung
-
Abwasserklärung durch Schilf-Binsen-Kläranlagen
-
Energie durch Biogasanlagen, nach dem neuen effizienten System der Phasentrennung
(siehe Bild 98)
[66]
: Input sind biologische Abfälle und von Bauern
produzierte Biomasse, Output sind sehr reines Biogas und biologisch sehr wertvoller
landwirtschaftlicher Dünger.
-
Die Wärme des Hauses kommt von direkter und indirekter Nutzung der Sonnenenergie
Bild
98:
System
einer Biogasanlage mit Phasentrennung
M=1:100,
hier: Tageslieferung 5 m3
Es ist sinnvoll, die genannten
Systeme gemeinschaftlich zu betreiben. Das bedingt, daß mehrere bis
viele Häuser durch Kanäle und Leitungen miteinander verbunden werden.
Um die Kosten der Kanäle und Leitungen in Grenzen zu halten, wird auch
die räumliche Ausbreitung der Häuser in Grenzen gehalten.
Aus
dem Auge, aus dem Sinn
Es ist wichtig, daß solche gemeinschaftliche Projekte der Versorgung
und der Entsorgung nicht zu groß werden. Schließlich müssen
die Bewohner zum Beispiel noch erleben können, wie aus ihrem Abwasser
neu verwendbares Wasser wird, wenn sie ökologische Waschmittel verwenden.
Sie müssen es er-leben können, und nicht nur "wissen",
daß sie sich selber schaden, wenn sie der Umwelt schaden.
Der Stadtamtdirektor von Bremerhaven, Jürgen Milchert, hat im
November 1992 bei einem Berufungsvortrag auf der Technischen Universität
in Wien von seinen Experimenten zur Erlebbarmachung, gegen die Verdrängung,
erzählt. Abgestorbene Bäume hat er nicht fällen lassen, sondern
von Künstlern gestalten lassen. Der Erfolg zeigte sich bald: Teile der
Bevölkerung haben darauf empört reagiert, und so ist eine lebhafte
Auseinandersetzung in Schwung gekommen.
Das Sprichwort, "Aus dem Auge, aus dem Sinn", trifft die
Problematik auf den Kopf. Immer mehr wissen, immer mehr informieren, das hat
bis jetzt nur eine Minderheit der Bevölkerung bewegt, das hat nur die
Idealisten zum Handeln angeregt, wodurch sie sogar von manchen als die "Spinner
von Beruf" eingeschätzt werden. Ich schließe daraus, daß
größere Teile der
Bevölkerung auf zwei Ebenen zu einem ökologischen Handeln animiert
werden können: daß sie die Folgen ihres Handelns nicht nur be-greifen,
sondern auch an-greifen können, wie oben beschrieben, und daß Rahmenbedingungen,
innerhalb derer wir alle uns bewegen, in die gewünschte Richtung verschoben
werden. Da die Entscheidung, wie die Rahmenbedingungen verschoben werden sollen,
von "unten" getragen werden muß, hilft es nichts, wenn sie
nur von "oben" verschrieben wird.
Selbstbeschränkung
ist zugleich Selbstbefreiung
Daß die Menschen zu Entscheidungen fähig sind, die sie selbst
beschränken, möchte ich mit einem Beispiel aus Berndorf (Österreich)
belegen.
Berndorf ist eine kleine Gemeinde von 1230 Einwohnern im Salzburger
Flachgau, deren Entwicklung in Teilen der des ländlichen Raumes der Provinz
Soria ähnelt. "So wurde natürlich auch in Berndorf im Namen
des Fortschritts, der Rationalisierung und Intensivierung der Landwirtschaft
die ursprünglich vorhandene Blockstreifenflur mit ihrem kleinräumigen
Nebeneinander von Heckensäumen, Feldrainen, Äckern und Wiesen vielerorts
ausgemerzt und der Verstümmelung der Landschaft in die Hände gearbeitet.
Heute weiß man, daß damit nicht nur eine optische Banalisierung
des Lebensraumes, eine Reduzierung seiner Erlebniswerte, sondern durch das
Einerlei intensiv genutzter Agrarflächen auch die natürliche Ausgeglichenheit
von Flora und Fauna verlorenging, mit weitreichenden Folgen für die ökologischen
Kreisläufe.
Natürlich hat man in den vom Wachstumsdenken beherrschten Nachkriegsjahrzehnten
auch in Berndorf seelenruhig in den Wasserhaushalt eingegriffen und Bachläufe
in Betonsärgen verschwinden lassen, Feuchtwiesen trockengelegt, Ufergehölze
weggeputzt und die Wassergüte durch Einleitung von Abwässern und
Überdüngung schwer geschädigt. Alles, ohne zu bedenken, daß
damit die auf Feuchtbiotope spezialisierten Tiere und Pflanzen mit zugrunde
gehen, daß regulierte Fließstrecken kaum mehr Selbstreinigungskräfte
entfalten, daß Qualität und Quantität des Grundwassers darunter
leiden.
Natürlich huldigte man auch in Berndorf jahrzehntelang einer Straßenbaupolitik,
bei der das Ortszentrum weitgehend dem motorisierten Verkehr als fahr- bzw.
Stellfläche geopfert wurde, bei der Überlandstraßen ohne Rücksicht
auf die Landschaft als kürzeste Verbindung von Ortschaft zu Ortschaft
großzügig ausgebaut wurden, wobei es ein erklärtes Ziel war,
auch möglichst viele Wirtschaftswege zu asphaltieren. Heute hingegen
sind die Probleme, die sich als Folge einer derartigen Straßenbaupolitik
eingeschlichen haben, auch in Berndorf nicht mehr zu übersehen: Der Dorfkern
ist insbesondere durch Verkehrslärm stark belastet, lädt allein
deshalb zum Verweilen kaum mehr ein und verödet allmählich. Die
überbreiten, teilweise schnurgeraden Außerortsstraßen verleiten
zum Schnellfahren und werden so auf ihre Weise- ganz entgegen ursprünglicher
Erwartungen- zum Sicherheitsrisiko. Da ihnen über weite Strecken Begleitpflanzungen
fehlen, mangelt es nicht nur an einem wesentlichen Leitelement für den
motorisierten Straßenbenutzer, sondern es wird durch derartig kahle,
schlecht in die Landschaft integrierte Verkehrswege darüber hinaus in
hohem Maße auch das Erscheinungsbild der Gegend zerstört. ... Der
fortwährende Ausbau des Straßennetzes zerteilt die Landschaft im
biologischen Sinne in lauter kleine Inseln, was das Mikroklima bis weit in
die
Bestände hinein verändert, und das gilt für die Temperaturen
wie für den Wind, das Licht und den Wasserhaushalt."
[67]
Gerlind Weber beschreibt, wie in Berndorf mehr Bauland gewidmet wurde,
als benötigt war, und wie es zu massiver Zersiedelung gekommen war. Nun
aber entwickelte die Gemeinde Eigeninitiative und begann, sich selbst aus
dem Sumpf zu ziehen. Die Gemeindevertretung und die Planungsgruppe wurden
sich über die Ziele und die Methodik einig: einem ganzheitlichen, ökologischen
Ansatz zu folgen und eine vernünftige, d.h. durchsetzbare Bodenpolitik
zu verfolgen; "die Planung sollte von den Gemeindebürgern erarbeitet,
verstanden und akzeptiert werden, damit sie jederzeit in der Lage und willens
sein können, ihr eigenes Konzept sowohl nach innen (gegen Einzelinteressen)
als auch nach außen (gegen Standesvertretungen, andere Gebietskörperschaften)
zu verteidigen."
[68]
Durch Verhängung einer Bausperre wurde Zeit zur Erarbeitung eines
Räumlichen Entwicklungskonzepts frei, bei der die Bevölkerung in
Arbeitskreisen mitwirkte. Ergebnis war ein "Siedlungskonzept" und
ein "Verkehrskonzept". Der Flächenwidmungsplan wurde mit der
Zustimmung der Gemeindemandatare aller Parteien als "Nullvariante"
ausgeführt, was heißt, daß nur jene Flächen als Bauland
ausgewiesen wurden, die bereits bebaut waren oder wo gerade gebaut wurde.
Die Bevölkerung wurde über Sinn und Zweck der Nullvariante vorbehaltslos
aufgeklärt. Mit opponierenden Grundeigentümern wurde noch eine Kompromißformel
gefunden, die mit dem Siedlungskonzept in Einklang stand. Das stolze Ergebnis
war ein Rückwidmung von 30 Ha Bauland, ohne den Betroffenen eine Entschädigung
in Aussicht zu stellen.
Von einem anderen Beispiel kollektiver Selbstbeschränkung und
zugleich Selbstbefreiung erzählt Hermann Knoflacher, aktiver Verkehrsplaner
an der TU Wien und außerhalb. Eisenstadt, die Stadt im Bundesland des
höchsten Motorisierungsgrades Österreichs, hat in einer Abstimmung
im November 1993 einer Erweiterung der Fußgängerzone zugestimmt.
Und dies, obwohl Knoflacher als Planer der Fußgängerzone vor 15
Jahren noch Drohungen aus der Bevölkerung erhielt. Durch den Einsatz
des Bürgermeisters wurde die Fußgängerzone vor wenigen Jahren
verwirklicht, was der Bevölkerung erst ermöglichte, die Qualitäten
dieser zu er-leben, zu be-greifen.
[69]
Und die Moral von der Geschichte: Experimente bringen
oft mehr als Informationsstände und Werbekampagnen. Und: Veränderungen
brauchen Zeit und Geduld.
Der
Begriff Dorf
Was unterscheidet Dörfer
von den Städten, was haben sie gemeinsam?
Sicherlich
ist es einerseits die Größe und andererseits die Rechtsstruktur,
die Dörfer von Städten unterschied. Der Spruch "Stadtluft macht
frei" bezog sich auf die Rechtslage, daß die Menschen ihre Leibeigenschaft
ablegen konnten, wenn sie es schafften, in der Stadt ansässig zu werden.
Heute ist es andererseits die Größe, die eine Stadt ausmacht. Es kommt immer
öfter vor, daß Ortschaften, die eine bestimmte Einwohneranzahl
überschreiten,
zur Stadt erklärt werden. Konkrete Vorteile bringt dies in der heutigen
Gesellschaft allerdings nicht.
Der Begriff "Dorf" impliziert eine bauliche Geschlossenheit
im Gegensatz zum Begriff "Gemeinde". Die Dorfgrenze war eine Rechtsgrenze,
innerhalb derer man vor Raub und Mord geschützt wurde, außerhalb
aber nicht. Die heutige Rechtslage schützt die Menschen unabhängig
vom Ort vor Mord und Raub, sodaß sich die Dorfgrenze als Rechtsgrenze
auflöste. Die Gemeindegrenze ist eine Grenze der Kompetenzen, die das
Dorfgebiet mit dem Umland umfaßt.
Der Spruch "form follows function" von Sullivan trifft auch
auf Siedlungen zu.
Ein Beispiel der Verflechtung von politischem Willen, Form und Inhalt
gibt uns die Stadt Retz im Weinviertel (Niederösterreich). Die Stadtgründung
wurde durch ein besonderes Recht ermöglicht, sämtlichen Wein der
Umgebung allein zu verkaufen. Von diesem Geschäft konnten dann die Bewohner
von Retz leben. Die Monopolstellung erforderte allerdings den Bau von riesigen
Weinkellern, die miteinander durch
Gänge verbunden waren.
Menschen in Dörfer leben meist von der Landwirtschaft, Menschen
in den Städten leben selten von der Landwirtschaft. Denn die Landwirtschaft
benötigt ja große Anbauflächen, in deren Mitte die Menschen
leben, die sie bearbeiten. Wenn jetzt in der Landwirtschaft weniger Menschen
benötigt werden und deshalb sich die Dörfer leeren, stellen sich
zwei Fragen:
¿Braucht
die Landwirtschaft der Zukunft vielleicht doch mehr Arbeitskräfte?
¿Gibt
es auch andere Beschäftigungen, die viel Land rundherum benötigen,
oder in so einer räumlichen Lage möglich sind?
Wer,
warum und was?
Wer will heute noch im Dorf leben und warum? Wer will nicht und warum
nicht? Wer will heute wieder ins Dorf zurückkehren und warum? Wer schreckt
vor der Lebensweise in Dörfern zurück, wovor und warum? Was macht
heute die unterschiedliche Lebensweise in den Städten und in den Dörfern
aus? Braucht es die Dörfer überhaupt noch, wo liegt der Sinn des
Lebens (der Dörfer)? Welche Aktivitäten erzwingen eine Struktur
von Dörfern und welche Aktivitäten sind in einer Struktur von Dörfern
möglich? Welche Qualitäten und Quantitäten von Erlebnissen
gibt es in Dörfern, welche in Städten? Worin besteht ein städtisches
Lebensgefühl? Wo existieren Dörfer in der Wirklichkeit, und wo bloß
in den Köpfen? Was für einen Zusammenhang gibt es zwischen Kommunikation
und Dorf und Stadt?
Bild
99:
Wer
sucht die Zurückgezogenheit, sucht sie wer?
Canyon
de los lobos
Bild
100:
Ein
Ort der Besinnung: was führt die Enge in die Weite?
Neues
Leben in alten neuen Dörfern
Eine Gruppe von Beschäftigung, die nicht auf Konzentration und
Zentralisation angewiesen ist, trotzdem aber nicht wie die Landwirtschaft auf Land angewiesen ist, liegt auf dem
Dienstleistungssektor (agricultura: ager= Land, Acker, cultura= Kultur, Kultivierung
=>Landwirtschaft = Wirtschaft auf und mit Land, Acker). Über Computer
vernetzte Dienstleistungen können Menschen erbringen, die aus irgendwelchen
oder bestimmten Gründen es vorziehen, in Dörfern zu leben.
Die Einrichtung von dezentral und peripher liegenden Telehäusern
schafft es, weit verstreute Orte zu verbinden, ohne die Menschen in die soziale
Isolation zu treiben. "Dezentrale Telearbeit, wie sie mit Computern,
die zu Hause stehen, möglich ist, wird heute in verschiedenen Arbeitsformen
durchgeführt. Telehäuser ermöglichen es, die Nähe zu Wohnungen
zu nützen und doch außer Haus zu arbeiten. In ländlichen Regionen
angesiedelt, bieten sie mit Hilfe von Telekommunikation Information an und
verarbeiten sie.
Durch die Entwicklung der Telekommunikation hat die räumliche
Dimension stark an Wirkung verloren. Während die Entwicklung der Verkehrstechniken
Eisenbahn und Kraftfahrzeug die Funktionstrennung in Wohn- und Arbeitsgebiete
in großem Ausmaß forcierte, wird die Transporttechnik Telekommunikation
die Dezentralisierung begünstigen."
[70]
In Österreich gibt es solche Projekte in Freiwald in Freistadt,
in Michaelbeuern/ Salzburg, in Hartberg/ Steiermark und in Eschenau (bei St.Pölten).
Dabei werden die Computer für die Bereiche Tourismus, Gewerbe, Handwerk,
Landwirtschaft, kommunale Verwaltung, Datenbank für Dorf- und Stadterneuerung,
Vermittlung von Computerkenntnissen für Frauen, Bildung, Natur- und Umweltschutz,
Abfallvermeidung und -verwertung eingesetzt.
Es ist beinahe eine Euphorie ausgebrochen, daß diese Kommunikationstechnologien
die Dörfer vor der Leerung (physisch und geistig) retten können.
Ich bin da sehr skeptisch, denn monofunktionale Strukturen haben noch nie
lange gehalten. Sicherlich können die Kommunikationstechnologien ihren
Beitrag leisten, doch auf eine Umstrukturierung der Landwirtschaft, der Wirtschaft
und des Bewußtseins können wir wahrscheinlich nicht verzichten.
Lebensphilosophie
und Dorf
Städtische Räume sind aus dem ländlichen Raum in die
Stadt abgewandert. Der ländliche Raum muß sich städtische
Räume zurückholen und neu schaffen.
Städtischer Raum ist für mich das Produkt aus einer großen
Anzahl von Menschen, der Kommunikationsräume
und der Vielzahl und Vielfalt von Möglichkeiten. Insofern gibt
es in manchen Dörfern und Altstädten mehr städtischen Raum
als in manchen Großstädten.
Die Qualität der Kommunikation und die Art der Erlebnisse im Alltag
bereichern die Kommunikationsräume mehr als die Anzahl der technischen
Einrichtungen zur Kommunikation.
Wie
ist eine geplante, nicht gewachsene Siedlung entstanden? Durch Beschränkung?
Durch Eingrenzung?
Wie
entwickelt sich ein Kind? Durch Kennenlernen der eigenen Grenzen?
Wo
gibt es Unbegrenztes ?
Kommunikation ist auch ein Produkt von Dichte und Verhalten. Passives
Verhalten verringert Kommunikation, aktives vermehrt sie.
Ein
Beispiel von traditioneller aktiver Kulturbewältigung sind Musikkapellen
und Musikschulen.
Kommunikation ist ein Austausch, ist ein Geben und Nehmen. Dieser Austausch
kann direkt und indirekt erfolgen. Indirekter Austausch beschränkt die
Ebenen, auf denen Austausch stattfinden kann. Bei direktem Austausch können
alle Sinne mitspielen: sehen, hören, spüren, riechen, oder einfach
dabei sein. Im öffentlichen Raum kann ein solcher Austausch nur im entsprechenden
Ambiente vor sich gehen. Eine autofreie Zone ist nur eine Erfordernis, aber
eine entscheidende.
"Dient der Spielraum des Privaten- Wohnung, Terrasse, Haus, Garten-
der Selbstverwirklichung des einzelnen im Sinne des Zu-sich-selbst-kommens,
Bei-sich-selbst-seins durch die Verfügungsfreiheit über die unmittelbare
Umgebung - so müssen andererseits
die Spielräume des öffentlichen Lebens auf Vielfalt, Abwechslung,
Funktionsmischung, leichte und beliebige Kommunikation, Freiheit zu spontanen
gemeinsamen Handlungen, kurz, auf so viele Zwecke hin, daß man wieder
von »Zwecklosigkeit« sprechen kann. Mit der einen Ausnahme: daß
sich in diesen Räumen Öffentlichkeit überhaupt herstellen kann,
ganz gleich, ob unter Dach oder unter freiem Himmel."
[71]
Der
Wandel der Gesellschaft
Weder das Leben in den Dörfern noch in den Städten würde
ich als Idylle bezeichnen. In der Vergangenheit gab es patriarchalische Herrschafts-
und Führungsstrukturen, große soziale Ungleichheiten; Eheschließungen
wurden in den Dörfern oft nach der Besitzgröße beschlossen
und wurden von den Eltern arrangiert. Das Leben der Dienstboten war einerseits
von Degradierung und Unterprivilegierung geprägt, vor allem wenn sie
im Alter als Einleger von Hof zu Hof ziehen mußten, und von schlechter
Kost und geringer Bezahlung, andererseits aber auch von freundschaftlichen
Beziehungen zwischen den Dienstleuten und den Bauersleuten.
Die Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern kennzeichnet Brunhilde Scheuringer
als Nachbarschaftsgemeinschaft: "Nachbarn waren typische Nothelfer, und
dies in einem eher nüchternen und unpathetischen, vorwiegend wirtschaftsethischen
Sinn des Wortes. ... Nachbarn waren auch berechtigt und verpflichtet, bei
freudigen und traurigen Ereignissen wie Geburt und Tod sowie bei festlichen
Anlässen wie Taufe oder Hochzeit in das »Gemeinschaftshandeln«
eingebunden zu werden."
[72]
Heute werden viele Verpflichtungen und Dienstleistungen von modernen
Sozialstrukturen und von Institutionen der öffentlichen Hand übernommen,
was einerseits diese sozialen Bindungen auflöste, andererseits aber auch
die emotionale Verbindung zu den geschaffenen Dienstleistungen löste.
Andererseits wird das Prinzip der gegenseitigen Selbsthilfe doch wieder
öfter angewandt, allerdings in anderen Konstellationen. Das Vereinswesen
mit seinen Prinzipien der Freiwilligkeit und der demokratischen Entscheidungen
blüht auf. Scheuringer beschreibt das so: "Individualisierungsbestrebungen
und damit verbundene private Rückzugstendenzen kennzeichnen heute auch
das Leben auf den Dörfern. Das muß nicht bedeuten, daß keinerlei
Kommunikation gewünscht wird, doch hat diese einen veränderten Charakter,
ist mehr durch Unabhängigkeits-, freiwilligkeits- oder auch freundschaftsmerkmale
gekennzeichnet. Die moderne Nachbarschaft und Geselligkeit im Dorf trägt
mehr den Charakter privater, persönlicher und auf Sympathie beruhender
Kontakte, die spontan und unabhängig von verpflichtenden Verhaltenskriterien
entstehen können. Für die Dorfentwicklung stellt sich allenfalls
die Frage, wie die Herausbildung derartiger Kontakte entwickelt und gefördert
werden kann. Dazu sind öffentliche Kommunikationsräume, aber auch
besondere Anlässe und Angebote nötig. Die Kommunikationsräume
reichen vom Wirtshaus über das Dorfcafé, die Grillhütte,
die Mehrzweckhalle bis hin zum verkehrsfreien oder zumindest verkehrsberuhigten
Dorfplatz, die Anlässe bzw. Angebote vom Nachbarschaftsfest über
das Dorffest bis hin zu Brauchtumsveranstaltungen, Bildungswochen und Jugenddiscos.
Darunter finden sich zweifellos für das Dorf neuartige Kulturformen,
die jedoch gefördert werden sollten, da Kommunikation nicht mehr wie
früher schon allein durch gemeinsames Arbeiten und Leben gegeben ist,
sondern mehr zu einer Freizeitangelegenheit geworden ist."
[73]
Max Weber beschreibt die Auflösung der Hausgemeinschaft als eine
Entwickung, die durch äußere und innere Motive bedingt ist. "Von
innen her
wirkt die Entfaltung und Differenzierung der Fähigkeiten und Bedürfnisse
in Verbindung mit der quantitativen Zunahme der ökonomischen Mittel.
Denn mit Vervielfältigung der Lebensmöglichkeiten erträgt schon
an sich der Einzelne die Bindung an feste undifferenzierte Lebensformen, die
die Gesellschaft vorschreibt, immer schwerer und begehrt zunehmend, sein Leben
individuell zu gestalten und den Ertrag seiner individuellen Fähigkeiten
nach Belieben zu genießen. Von außen her wird die Zersetzung gefördert
durch Eingriffe konkurrierender sozialer Gebilde: z.B. auch rein fiskalischer
Interessen an intensiverer Ausnutzung der individuellen Steuerkraft ... Die
normale Folge jener Zersetzungstendenzen ist zunächst die Zunahme der
Teilung der Hausgemeinschaften im Erbfall oder bei Heirat von Kindern. Die
historische Entwicklung hat, nachdem in der Frühzeit, also bei relativ
werkzeuglosem Ackerbau, die Arbeitskumulation das einzige ertragssteigernde
Mittel gewesen war, und der Umfang der Hausgemeinschaften eine Periode der
Zunahme durchgemacht hatte, mit der Entwicklung des individualisierten Erwerbs
im ganzen seine stetige Abnahme herbeigeführt, bis heute die Familie
von Eltern und Kindern ihr normales Ausmaß bildet. Dahin wirkte die
grundstürzende Änderung der funktionellen Änderung der Hausgemeinschaft,
welche derart verschoben ist, daß für den Einzelnen zunehmend weniger
Anlaß besteht, sich einem kommunistischen großen Haushalt zu fügen.
Abgesehen davon, daß die Sicherheitsgarantie für ihn nicht mehr
durch Haus und Sippe, sondern durch den anstaltsmäßigen Verband
der politischen Gewalt geleistet wird, haben »Haus« und »Beruf«
sich auch örtlich geschieden und der Haushalt ist nicht mehr Stätte
gemeinsamer Produktion, sondern Ort gemeinsamen Konsums. Der Einzelne empfängt
ferner seine gesamte Schulung für das Leben, auch das rein persönliche,
zunehmend von außerhalb des Hauses und durch Mittel, welche nicht das
Haus, sondern »Betriebe« aller Art: Schule, Buchhandel, Theater,
Konzertsaal, Vereine, Versammlungen, ihm liefern. ...
Auf
agrarischem Gebiet ist die Möglichkeit freier Teilung des Bodens an technisch-
ökonomische Bedingungen geknüpft: ein mit wertvollen Baulichkeiten
belastetes in sich abgerundetes Gut, selbst ein großes Bauerngut, kann
nur mit Verlusten geteilt werden. Die Teilung wird technisch erleichtert durch
Gemengelage von Äckern und Dorfsiedlung, erschwert durch isolierte Lage.
Einzelhöfe und größere kapitalintensive Besitzungen neigen
daher zur Einzelerbfolge, der kleine, im Gemenge liegende arbeitsintensiv
bewirtschaftete Besitz zur immer weiteren Zersplitterung ....Der große
Besitz lockt ferner, einfach weil er Besitz und als solcher Träger einer
sozialen Position ist, schon an sich zur Zusammenhaltung in der Familie, im
Gegensatz zu dem kleinbäuerlichen Boden, der bloß Arbeitsstätte
ist. Das seigneuriale Niveau der Lebensführung, welches seinen Stil in
festgefügten Konventionen findet, begünstigt das subjektive Ertragen
großer Hausgemeinschaften, welche, in der Weiträumigkeit etwa eines
Schlosses und bei der auf diesem Unterbau sich von selbst einstellenden »inneren
Distanz« auch zwischen den nächsten Angehörigen, den Einzelnen
nicht in dem Maße in der von ihm beanspruchten Freiheitssphäre
beengt, wie ein an Personenzahl ebensogroßer, räumlich aber begrenzterer
und des adeligen Distanzgefühls entbehrender bürgerlicher Haushalt
es gegenüber seinen, in ihren Lebensinteressen meist mehr differenzierten,
Insassen tut. Außerhalb jener seigneurialen Lebensformen ist die große
Hausgemeinschaft heute nur etwa auf dem Boden intensivster ideeller Gemeinschaft
einer sei es religiösen oder etwa sozial-ethischen oder auch künstlerischen
Sekte eine adäquate
Lebensform- entsprechend Klöstern und Klosterartigen Gemeinschaften der
Vergangenheit."
[74]
Bild
101:
Eremite
im Canyon de los lobos
Ich bin überzeugt, daß die Entwicklung von Zwangsgemeinsamkeiten
zu freiwilligen Gemeinsamkeiten eine gute ist. Nur darf das Wort "Gemeinsamkeit"
nicht unter den Tisch fallen, denn Bedarf an gemeinsamem Handeln wird es immer
geben. Die Motivation dafür wird aus dem Erkennen gewonnen werden, und
ein Erkennen erfordert ein Sichtbarmachen.
Die Technik erlaubt es uns, viele Dienstleistungen in der "Black
Box" ablaufen zu lassen. Mit dem Wandel in der Gesellschaft können
wir das nicht so beibehalten. Bewußtseinsänderung braucht Betroffenheit.
Erst Betroffenheit erzeugt ein Handeln, und Betroffenheit können wir
"erzeugen".
Ein Beispiel: Eine Pflanzenkläranlage, die die Abwässer von,
sagen wir, 100 Personen reinigt, zeigt eben diesen 100 Personen, daß
das dreckige Abwasser, das sie verursachen, nach der Umwandlung im Wurzelbereich
der Pflanzen sein "Ab" verliert und wieder als Wasser herauskommt.
Die Pflanzenkläranlage zeigt allerdings auch, daß ihr Ökosystem
umkippt, wenn einige dieser 100 Personen unökologische Waschmittel verwenden,
und stinkt und fault vor sich hin, sie protestiert also. Ein solcher Gestank
ist unangenehm, und die Ursache davon betrifft eben einen Teil genau dieser 100 Personen, die dann über
kurz oder lang betroffen werden und reagieren. Würde die Kläranlage
weit vom Schuß sein und die Abwässer von Tausenden von Personen
reinigen, agieren die Verursacher der Abwässer in zweierlei Form: nämlich
überhaupt nicht (aus dem Auge, aus dem Sinn) und mit Hoffnungslosigkeit:
»Es bringt nichts, wenn ich allein mich ökologisch verhalte, und
die ANDEREN das nicht tun. ("Tropfen auf dem heißen Stein").«
Ein anderes Beispiel: Der Deutsche Wald wird regelmäßig
von den an der Luftverschmutzung und am sauren Boden erkrankten und abgestorbenen
Bäumen "gereinigt". Durch den Holzüberschuß fallen
die Holzpreise zwar in den Keller, bis ins dritte Untergeschoß, aber
an den ökologiefeindlichen Rahmenbedingungen der deutschen Wirtschaft
und Politik ändert sich nichts, obwohl das dringendst notwendig wäre.
Um mit Josef Hader zu sprechen, müßte die Not dringend gewendet
werden. Doch gewendet wird nicht etwa die Not, sondern nur die Blickrichtung.
Aus dem Auge, aus dem Sinn. Auch für die Übermittler der öffentlichen
Meinung gibt es sensationellere Themen, und statt "Bäume unterwegs"
wird über "Autofahrer unterwegs" berichtet. Aus dem Ohr, nichts
geht vor.
Ist
ein Frühling in Sicht?
Über das Verhältnis zwischen Dorf und Ökologie beklagt
sich auch der Ökologe Winfrid Herbst. Nach einem langen Winter der Ignoranz
ist zwar der Frühling gekommen, aber es will noch nicht so recht warm
werden. Herbst macht seiner Enttäuschung (enttäuscht = von allen
Täuschungen befreit) über die Entwicklung im Dorf und die Erwartungen
an das Dorf zu Recht Luft:
"Die Flucht aus der Enge des Dorfes
hin in die Stadt war als bewußt gesetzter Akt die dauerhafte Abwendung
von den Schattenseiten des integrativen dörflichen Zwangscharakters unter
dem Motto "Stadtluft macht frei". Zwischenzeitlich hat der gesellschaftliche
Wandel wie eine Abrißbirne Dorf und Dorfleben in Trümmer gelegt.
Gleichzeitig mit dem Mief verschwand auch alles, was den Sehnsüchten
nach Geborgenheit, Überschaubarkeit und eng vernetzten Sozialbeziehungen
entgegenkam. Die freimachende Flucht ist jetzt nichts mehr als eine lärmende
tägliche Pendelbewegung aus dem Schlafdorf und wieder zurück.
Als
schämte man sich der allzu engen Nachbarschaft mit ihr, wurde die Natur
gründlich aus dem Dorf vertrieben. ... Und das Grün um die schäbig
ausfransenden Ränder des Dorfes, so fett, wie es nie war, wurde zur trügerischen
Kulisse in der Flur, die, frisch gestylt von den eben erst abgezogenen Bereinigern
(sie haben die Landschaft vom Reichtum des Lebens gereinigt und dabei nur
ihre Pflicht erfüllt!), Natürlichkeit nur vortäuscht. Die Landschaft
spiegelt also die Veränderungen der dörflichen Gesellschaft ebenso
wider wie das Dorfleben selbst. ... Dorfökologie bleibt folglich ein
Minderheitenprogramm für Schwarzseher, denn alle anderen sehen ohnehin
nur Grün. Ökologie im Dorf hat demnach eine ganz andere Ausgangslage
als in der Stadt. Hier glaubt man sich im Besitz der reinen Natur, und dort
strebt man danach. Leere Hände haben mittlerweile aber beide. ... Ausgerechnet
in der kleinsten politischen Einheit, die nur Vollziehungs-, aber nicht weitreichende
legislative Kompetenzen hat, soll sich der dringend geforderte politische
und gesellschaftliche Wandel vollziehen? Inmitten ungünstiger Rahmenbedingungen
sollen Dörfer Schritte setzen, auf die andere nur warten- den freiwilligen
Verzicht auf etwas üben, was zwar langfristig sinnvoll, kurzfristig aber
zumindest unklug ist? ...
Unsere
Welt ist ein vernetztes System, eins wirkt aufs andere, wie beinahe jedes
Schulkind heute schon weiß. Aber »es ist nicht genug, zu wissen,
man muß es auch anwenden« (J.W.v.Goethe). ... Vor dem sichtbar
gewordenen Verwüstungen auf diesem Planeten wird ein Weg der Versöhnung
von Mensch und Natur verlangt, der ein neuer Weg ist, ein anderer als der
bisher begangene. Es wird ihm neben dem technokratischen Kapitalismus des
Westens- an dem die Dorferneuerung schließlich ihr Unbehagen formuliert-
und dem am eigenen Unvermögen versunkenen sozialistischen Industrialismus
des Ostens wohl geben. Dieser dritte Weg ist jener, der von der Vereinigung
des Prinzips Verantwortung mit jenem der Hoffnung gewiesen wird. ..."
[75]
Gemeinwesenentwicklung
im Ultental
Im Ultental in Südtirol finden unter dem Motto "Für
ein lebenswertes Ulten" und "Gemeinwesenentwicklung" einige
nachahmenswerte Initiativen statt. So wurden je ein Bauer und ein Gastwirt
zusammengeführt, die dann Produkte austauschen: der Bauer verpflichtet
sich, die organischen Abfälle des Gastwirtes abzunehmen, die er dann
kompostiert und an die Schweine verfüttert. Der Gastwirt wiederum verpflichtet
sich, die Produkte des Bauern abzunehmen, mit denen er dann den Gästen
ein Essen anbieten kann, das zum Großteil aus hochwertigen Lebensmitteln
des lokalen Marktes besteht.
Dadurch,
daß Bauer und Gastwirt sich kennen und in direktem persönlichen
Kontakt stehen, kann die Qualität der ausgetauschten Produkte kontrolliert
werden, und bei Mängeln entsteht sofort Betroffenheit, die zur Behebung
der Mängel führt.
Ähnlich wird die Einrichtung und Betreuung von Kinderspielplätzen
organisiert: Die Kinder zeichnen ihre Wünsche, die dann in die Planung
integriert werden, die Bewohner arbeiten mit ihrem eigenen Schweiß an
der Verwirklichung mit. Dadurch entsteht Identifikation, damit auch ein Verantwortungsgefühl,
mit dem der fertige Kinderspielplatz dann auch betreut wird. Das heißt,
Dienstleistungen werden wieder von Dorfbewohnern übernommen, gemeinsames
Arbeiten fördert andere Gemeinsamkeiten.
Die Winterwerkstätten dienen vor allem der beruflichen Weiterbildung
und der Förderung des lokalen Marktes. Ganz nebenbei geht die Entwicklung
des Gemeinwesens einher, inklusive Entwicklung der Persönlichkeiten und
des Selbstwertgefühls. Die Kurse bieten Themen an wie Verarbeitung von
Schafwolle, Kerb- und Reliefschnitzen, Töpfern, Käse machen, Sonnenenergie
nutzen, Nähen, Gesundheit. Es sollen eben die lokalen Ressourcen, materielle
und menschliche, genutzt werden.
Der Tourismus wird auch ganzheitlich und mit viel Phantasie betrachtet.
So wollen die Initiatoren ein Heubad, ein Schlammbad, die Heilquellen, Kultur-
Wanderwege, Besinnungs- Wanderwege, gesunde Ernährung, und vieles andere
mehr miteinander verbinden und den Gästen anbieten. Es zeigt sich schon
jetzt, daß sich das Engagement so vieler Personen wie das der Gemeinderätin
Waltraud Schwienbacher, wirtschaftlich und kulturell bezahlt macht.
Revitalisierung
und Bildung
Zukunftswerkstätten
Solche zukunftsweisende Projekte entstehen und leben durch Phantasie
und Kreativität. Zukunftswerkstätten nach Robert Jungk können
die menschlichen und geistigen Potentiale vieler Menschen entfalten helfen.
Ein wichtiges Ziel der Zukunftswerkstätten liegt darin, den Menschen
wieder Mut zu machen, ihre eigenen Wünsche zu entdecken, zu äußern
und zu realisieren. Über Zukunftswerkstätten sollen sie ihren Handlungsspielraum
zurückgewinnen, ihre Zukunft muß nicht an Planexperten delegiert
werden, denn sie wird endlich selbst in Arbeit genommen.
Robert Jungk und Norbert R. Müllert beschreiben die Einwände
gegen und die Wirkungen von Zukunftswerkstätten so: "Der meistgehörte
Einwand der Planexperten gegen solche Zukunftswerkstätten und andere
Versuche, die Betroffenen maßgeblich am Entwurf des Kommenden zu beteiligen,
lautet:
Die
'einfachen' Leute besäßen viel zu wenig Kenntnisse, um 'richtige'
Zukunftsentwürfe zu gestalten. Ihr Bildungsstand sei ungenügend,
ihre Informationen reichten nicht aus, ihr Gesichtskreis sei zu beschränkt.
Gegeneinwand:
Es müßte doch möglich sein, diese Kenntnisse zu vermitteln.
Behauptung
der Fachleute: Unmöglich. Das verlangt jahrelange Ausbildung. dazu kommt
als unabdingbare Voraussetzung die Begabung, sowohl abstrakt und analytisch
wie in großen Zusammenhängen zu denken.
Frage:
Ist dieser Hang der Fachleute zur Theorie unter Vernachlässigung der
konkreten Details nicht vielleicht schuld daran, daß ihre Zukunftsvorstellungen
so unlebendig, so lebensfremd und menschenfeindlich sind?
Verteidigung
der Berufsplaner: Kann man denn wirklich alle Einzelwünsche berücksichtigen?
Das würde zu Anarchie und Chaos führen.
Argument
der Zukunftswerkstättler: Die Pläne und Vorhaben der Behörden
und des Managements scheitern doch meist daran, daß die Betroffenen
sie als unmenschlich und gefährlich ablehnen. Wenn es nicht gelingt,
die Bevölkerung maßgeblich und rechtzeitig an der Zukunftsgestaltung
zu beteiligen, kann sie sich nicht mit ihr identifizieren. Der übliche
technokratische Weg heißt: Planung wird mit Druck und sogar mit Gewalt
durchgesetzt.
Seit
Jahren wird über die Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit der
Staatsbürger geklagt. Diese Haltung verschwindet, wenn die Menschen erfahren,
daß sie wirklich mitentwerfen können. Als sofortige psychologische
Wirkung kann man feststellen:
-
Die Teilnehmer, gewöhnt daran, daß ihre Ansichten als »unqualifiziert«
beiseite geschoben werden, gewinnen Selbstvertrauen;
-
sie geben nach und nach ihre passive und resignierte Haltung auf und beginnen,
sich als aktive Teilnehmer am kommunalen, regionalen, nationalen und internationalen
Geschehen zu begreifen;
-
ihre eigenen für eine humane Lebensgestaltung unersetzlichen Lebenserfahrungen
werden endlich gehört und ernstgenommen;
-
die durch die autoritäre Erziehung und fehlende Herausforderung verschütteten
Phantasiequellen beginnen wieder zu fließen;
-
weil sie in dieser neuen demokratischen Einrichtung nicht nur zuhören,
sondern auch sprechen können, weil sie nicht nur aufnehmen und hinnehmen,
sondern auch geben, sind sie viel eher bereit, von außen kommende einschlägige
Informationen und Ratschläge für sich zu nutzen, d.h. zu lernen
und entsprechend zu handeln;
-
das gemeinsame Entwickeln konkreter Zukunftsvorstellungen schafft zwischen
den Teilnehmern eine starke Erlebnisgemeinschaft.
Solche
Versuche, die Beschäftigung mit dem Kommenden zu demokratisieren, können
als bedeutende Wende in der erst kurzen Geschichte der Zukunftsforschung angesehen
werden ..."
[76]
Die Revitalisierung, Wiederbelebung der Dörfer in Soria kann ich
mir nur im Weg einer Wiederbelebung der Demokratie im obigen Sinne vorstellen.
Von einer sogenannten "Ökodiktatur", die von manche Grünen
gefordert wird, halte ich nichts. Ein Verweis auf die Geschichte müßte
reichen.
Schmal
ist schön
Weiters glaube ich, daß eine Wiederbelebung der Demokratie in
kleinen Einheiten anfangen muß, bevor sie in größere Einheiten
übergeht. Ohnmachtgefühle entstehen dadurch, daß der eigene
Beitrag relativ sinnlos erscheint. Das Wort "relativ" hat die große
Bedeutung: relativ, im Verhältnis zu den großen Mächten erscheint
die eigene Macht zu klein. Wenn wir möglichst viele Entscheidungen in
kleine Einheiten verlegen, wächst der Bevölkerung das subjektive
und objektive Gefühl, wieder Einfluß zu haben, wieder über
sich selbst und ihre Umwelt bestimmen zu können.
Es geht also auch darum, zu überlegen, welche Entscheidungen in
welcher Ebene getroffen werden können.
Es wurde mir vorgehalten, mit den Ideen in dieser Diplomarbeit bezweckte
ich eine Abschottung der Provinz, und ich trete dabei als Chefideologe auf,
und wie wollte ich die Ideen überhaupt realisieren?
Eine
Abschottung gehört nicht zu meinem Konzept. Ich bin für einen internationalen
und nationalen Austausch von Informationen, doch die Anwendung der Informationen
muß im lokalen Bereich stattfinden, damit eine Diversizität entstehen
kann, die erst Anstoß zu neuen Weiterentwicklungen und Innovationen
ist.
Ich glaube nicht, daß es notwendig ist, mit einem System alle
Fliegen auf einen Schlag zu treffen, die "Lösung" für
das Problem zu finden. Ich halte nichts von "Patendlösungen",
die so patent sind, daß sie ihre eigene Endlösung verursachen,
um mit Paul Watzlawick zu sprechen. In diesem Sinne verstehe ich auch die
Einführung eines zinslosen Geldsystems, das mit vielen anderen Nebenwährungen
verbunden sein soll, die Schaffung eines Sozialnetzes, das mit anderen verbunden
sein soll, die Bildung von kleinen Genossenschaften, die mit anderen zusammenarbeiten
sollen.
Die Argumente der Anhänger von Megastrukturen haben mich noch
nie fasziniert oder auch nur annähernd überzeugt, dafür aber
die eines graduierten Ökonomen und Kleinheitstheoretikers und -Praktikers
wie Leopold Kohr. Zur Charakterisierung seiner Erfahrungen und Ideen bringe
ich Auszüge aus einem Gespräch mit Franz Kreuzer: "Alles ist
eine Frage der gesellschaftlichen Größen. Gewisse Größen
produzieren gewisse Probleme. Probleme sind natürlich immer da: Zehn
von zehn sterben immer- und so wird es bis zum letzten Tag der Menschheit
gehen. Es wird Arbeitslose, es wird Mörder und Mordopfer, es wird jugendliche
Drogensüchtige geben. Aber bei gewissen Größen multiplizieren
sich die Probleme derart, daß die menschliche Möglichkeit, sie
zu bewältigen, nicht entsprechend wachsen kann. Die Mittel zur Bewältigung
wachsen in arithmetischer Weise, linear. Die Probleme vergrößern
sich in größeren Gemeinschaften jedoch geometrisch, nach der Zinseszinskurve.
(Kreuzer: Sie verwenden ja eine sehr eindrucksvolle
Analogie oder, wenn man will, Herleitung aus der Biologie: Ein Floh kann springen,
ein zehnmal oder hundertmal größerer Floh könnte ganz sicher
nicht springen, er müßte ganz anders konstruiert sein. Eine Gazelle,
die zehnmal, hundertmal größer ist, wird ein Mammut, ein Saurier.
Und die Mammuts, die Saurier sind nicht ohne Grund ausgestorben. ..)
Da
muß man auf den Zweck der Gesellschaft zu sprechen kommen. Wozu ist
eine Gesellschaft da? Kurz zusammengefaßt: Wir erwarten vier Dienste
vom Gesellschaftsleben, die wir uns selber nicht leisten können- denn
sonst wäre keiner so ein Narr und schlösse sich einer Gesellschaft
an, wenn er ja alle Genüsse allein haben könnte. Diese Vorteile,
die wir allein nicht haben können, sind: Der Vorteil der unmittelbaren
Gesellschaft unserer Mitmenschen. Dazu braucht man, habe ich mir ausgerechnet,
eine Gruppierung von ungefähr Hundert, groß genug, um Abwechslung
zu vermitteln und klein genug, daß man den persönlichen Kontakt
nicht verliert.
Ein
Wirtshaus verkörpert diese Größenordnung. Nun zur zweiten
Stufe, zum nächsten Bedürfnis: der Mensch hat wirtschaftliche Wünsche.
Um sie zu erfüllen, braucht man eine gewisse Arbeitsteilung: Ein Dorf
mit ein paar hundert, mit tausend Bewohnern ist so eine Wirtschaftsgesellschaft.
Aber dann beginnen die ersten Unsicherheiten einzutreten. Mit der geselligen
Gemeinschaft des Wirtshauses und der Wirtschaftsgemeinschaft des Dorfes tauchen
aber die ersten sozialen Schwierigkeiten und Dispute auf, die ein drittes
Bedürfnis wecken: Den Drang nach Ordnung und Sicherheit. Um den zu stillen,
wird die politische Gesellschaft notwendig. Die muß groß genug
sein, um die erforderlichen Polizisten, Richter, Beamten und Soldaten von
der Last befreien zu können, sich täglich ihren Unterhalt selber
ergattern zu müssen. Aber auch dazu sind kaum mehr als ein paar tausend
Einwohner notwendig, die durch die Föderation einige Dutzend Dörfer
bereitgestellt werden können, wie blühende Kleinstaatengebilde wie
etwa Liechtenstein, Andorra oder San Marino so glänzend bewiesen haben.
Aber mit Geselligkeit, Wohlstand und Sicherheit erscheint letztlich ein viertes-
das höchste- Bedürfnis des Menschen, das nur von der Gesellschaft befriedigt werden kann. Das Verlangen
nach Kultur, nach Theater, Geist, Kunst, Musik, Universitäten. Um die
dazu erforderlichen Talente freizumachen, muß die kulturelle Gesellschaft
noch etwas größer sein als eine, die nur ihre konviviale, wirtschaftliche
und politische Funktion zu erfüllen hat. Aber wie die griechische Polis
oder die glitzernden Stadt-Staaten des Mittelalters so glänzend bewiesen
haben, sogar für diese höchste Mission der Gesellschaft genügen
schon Bevölkerungen von zwischen zwanzigtausend und hunderttausend Mitgliedern.
Infolge unserer technischen Errungenschaften kann man sich aber die Obergrenze
der optimalen Gesellschaftsgröße heutzutage bei zehn bis fünfzehn
Millionen vorstellen. ... Die Natur hat die Tendenz, alles, was zu groß
wird, zu vernichten, und alles, was sie vernichten will, zu groß werden
zu lassen. Das zeigt auch die Geschichte: Arnold Toynbee hat darauf hingewiesen,
nachdem er zwanzig Zivilisationen studiert hat, daß jede zusammengebrochen
ist, als sie die Größe deines Weltstaates erreicht hatte. ... Kantone
schließen natürlich gemeinsame staatliche Einrichtungen nicht aus."
[77]
Auch für Soria gelten folgende Grundsätze Leopold Kohrs und
führen zu wirtschaftlichem Erfolg: "Was man im lokalen Bereich machen
kann, soll man im lokalen machen, was man im regionalen Bereich machen kann,
soll man im regionalen machen,
nur was man dort überall nicht machen kann, soll man im internationalen
Bereich machen" und "Klein sein oder nicht sein, das ist hier die
Frage".
Leopold Kohr führt ein Beispiel an: "Ich habe vor kurzem
im ältesten Kochbuch der Welt, von Athenäus, die Geschichte von
Sybaris gelesen, der reichsten Stadt des Altertums. Alle, die Athener, die
Korinther, die Spartaner haben sich gewundert: Warum ist Sybaris so reich?
Und dann sind die Philosophen auf den Grund gekommen: Sybaris hat sich dadurch
von den anderen unterschieden, daß- während alle anderen Hafenanlagen
und Meeresbuchten gehabt haben, wo Schiffe landen konnten- die Küste
von Sybaris ganz gerade war; es ließ sich kein Hafen machen. Infolgedessen
mußten die Sybariter alles, was sie produzierten, selber konsumieren.
So wurden sie reich: selfsufficiency- Autarkie. ...
Der
größte Verhinderer von Bevölkerungsexplosion ist das kleine
Gemeinwesen. Aus dem einfachen Grund- ich erinnere an Sybaris: Kleine Gemeinschaften
leben im Wohlstand, und hoher Lebensstandard unterbindet die Fruchtbarkeit
der Menschen. ...
Kein
Grundsatz läßt sich hundertprozentig durchführen. Auch von
allem, was ich sage, kann man zehn oder fünfzehn Prozent abziehen ..."
[78]
Im Sinne des letzten Ausspruchs von Leopold Kohr könnte ich mir
auch im Konkreten meine Mitarbeit zur Revitalisierung von Dörfern vorstellen:
Ich werde meine Vorstellungen in einem Seminar (wie vorgeschlagen) genauso
einbringen, wie sie Interessierte der Bevölkerung einbringen werden.
Wir werden von uns gegenseitig lernen, und die Projekte, das dann (vielleicht)
entstehen, tragen die Züge aller. Insofern brauche ich auch nicht den
Chefideologen spielen, und wenn ich mich schließlich überflüssig
machen und mich "vertschüssen" kann, hat das Ganze einen Sinn
und Erfolg gehabt.
Revitalisierung
von Dörfern bedeutet einen Wandel im Bewußtsein der Individuen
In Südtirol und in Schleedorf (Salzburg) entstand nach dem 1.
Internationalen Kongreß über "Erwachsenenbildung auf dem Lande"
1989 im Schloß Goldrain/Südtirol ein Verein unter dem Namen "ComunalConzept-
Institut für Gemeinwesenentwicklung". Der Name des Vereins drückt
aus, wie Karlo Hujber, einer der Initiatoren, betont, daß lieber von
Gemeinwesen und Gemeindeentwicklung als von Dorferneuerung gesprochen wird,
denn eine Entwicklung muß unter die Haut gehen, reine Fassadenerneuerung
reicht nicht aus. Das schon beschriebene Projekt der Dorferneuerung im Ultental
wird von "ComunalConzept" betreut.
Die Gemeinwesenentwicklung baut auf Bildungs- und Kulturarbeit auf,
im Weg muß das Ziel ersichtlich sein. Kleine Einstiegsprojekte mit Zwischenerfolgen
geben erste Ermutigung zum Mitdenken und Mitarbeiten, die Theorie und Praxis
passiert zum Teil gleichzeitig, was den Bezug zur Realität stärkt.
Einbezogen werden in die Gestaltung der Zukunft auch die Kinder, in meist
spielerischer Form. "Auch für Erwachsene kann es eine wichtige "Einstiegshilfe"
sein, sich diesem Anliegen in eher "spielerischer" Form zu nähern.
Ihnen bleibt es ja meist vorbehalten, sich ihre Visionen, Vorhaben und Planungsschritte
zu erarbeiten, zu "ersitzen" und zu erdiskutieren."
[79]
Mit
der Bevölkerung arbeiten die örtlichen ProjektleiterInnen, die ExpertInnen
und die ProjektberaterInnen und -BegleiterInnen. Nach dem Motto "Erfolgreich
kommunizieren heißt lebendig kommunizieren" wendet Hujber auch
in der Vermittlung neuer Ideen neue Methoden an: "Erkläre mir, und
ich werde vergessen. Zeige mir, und ich werde mich erinnern. Beteilige mich,
und ich werde verstehen."
Eine
seltene Methode zur Durchsetzung
Die keltiberischen Wurzeln in Soria bringen vielleicht zu einer Rückbesinnung
auf keltische Methoden zur Durchsetzung von Recht und Ideen. Denn neben dem
"Drauflos-schlagen und Köpfe abhacken", was Gottseidank der
Vergangenheit angehört, gibt es auch das Fasten als Mittel zur Sicherung
des Wiedergutmachens. "Der Kläger kam bei Sonnenuntergang und fastete
bis zum Sonnenaufgang. Der Beklagte war verpflichtet, gleichfalls zu fasten,
und wenn er das nicht einhielt, verdoppelte sich der Anspruch des Klägers.
Wünschte er Nahrung zu sich nehmen, so mußte er zuerst dem Kläger
zu essen anbieten und versprechen, daß er zahlen oder sich dem Schiedsspruch
beugen wolle. Tat er innerhalb von drei Tagen keines von beiden, so konnte
er wie ein gemeiner Mann gepfändet werden.
Wenn
ein solcher Beklagter das Fasten einfach nicht beachtete und sich weigerte zu bezahlen, so verlor er seine
Ehre; er konnte dann keinerlei eigene Ansprüche durchsetzen ... Dieser
Brauch findet eine Parallele in den Hindugesetzen, wo dieser Vorgang dharna
(dharana) heißt. Ein Gläubiger kann fastend vor der Tür des
Schuldners sitzen, bis der Schuldner nachgibt, um nicht am Tod des anderen
schuldig zu sein."
[80]
Das Fasten ist ein sehr starkes, gewaltfreies Mittel zur Durchsetzung
von Recht, wird in hoffentlich selten angewendet werden müssen. Es hat
eine starke emotionale Komponente, die wieder ein Gespräch zwischen Leuten
in Gang bringen kann, die sich nicht mehr riechen konnten.
Aktionsplan,
Stufenplan für Soria
Ein Projekt in Soria würde ich mir in folgenden Stufen vorstellen,
wobei manches parallel laufen könnte, manches hintereinander, manches
kann schon in wenigen Wochen oder Monaten erreicht werden, anderes erst in
achtundsechzig oder mehr Jahren.
Zur vorläufigen Beurteilung der Prioritäten des Kräfteeinsatzes
in Soria wende ich die schon
beschriebene Methode des Papiercomputers nach Frederic Vester an.
Zur
Erinnerung die Fragestellung:
-
Welches Element beeinflußt alle anderen am stärksten, wird aber
von ihnen am schwächsten beeinflußt (aktives Element)? => höchste
Q-Zahl.
-
Welches Element beeinflußt alle anderen am schwächsten, wird aber
von ihnen am stärksten beeinflußt (reaktives Element)? => niedrigste
Q-Zahl.
-
Welches Element beeinflußt die übrigen am stärksten und wird
gleichzeitig auch von ihnen am stärksten beeinflußt (kritisches
Element)? => höchste P-Zahl.
-
Welches Element beeinflußt die übrigen am schwächsten und
wird gleichzeitig auch von ihnen am schwächsten beeinflußt (ruhendes
oder pufferndes Element)? =>
niedrigeste P-Zahl.
-
Welches ist das am stärksten beeinflussendes Element? => höchste
AS-Zahl
-
Welches ist das am meisten beeinflußtes Element? => höchste
PS-Zahl
AS=Aktivsumme,
PS=Passivsumme, Q=AS:PS, P=AS*PS
Die Bewertungen der Elemente werden nach subjektiver Einschätzung
vorgenommen, je nach dem vorhandenen Stand des Wissens um die Wechselwirkungen.
0=keine
Einwirkung
1=schwache
Einwirkung
2=mittlere
Einwirkung
3=starke
Einwirkung
Das am stärksten beeinflussende Element sind die Zukunftswerkstätten
mit einer AS-Zahl von 61, gefolgt von Erwachsenenbildung (57), Steuersystem
(53) und Dorfplanung (53).
Das am meisten beeinflußte Element sind die Arbeitsplätze
mit einer PS-Zahl von 57.
Das aktivste Element, das alle anderen am stärksten beeinflußt,
aber von ihnen am schwächsten beeinflußt wird, sind die Zukunftswerkstätten
mit einer Q-Zahl von 3,81, gefolgt von Beratungszentren (1,68), Steuersystem
(1,66), Bodenrecht (1,42), Erwachsenenbildung (1,36) und Geld (1,35).
Das reaktivste Element, das alle anderen am schwächsten, aber
von ihnen am stärksten beeinflußt wird, sind die Grünflächen
mit einer Q-Zahl von 0,49, gefolgt von Bau von Häusern und Siedlungen
(0,75), Landwirtschaft (0,78), Gewerbe, Kleinindustrie (0,78), Tourismus (0,80),
öffentliche Meinung (0,80) und Arbeitsplätze (0,82).
Das kritischste Element, das die übrigen am stärksten beeinflußt
und gleichzeitig auch von ihnen am stärksten beeinflußt
wird, ist die Dorfplanung mit einer P-Zahl von 2968, gefolgt von Arbeitsplätze
(2679).
Das am meisten ruhende
oder puffernde Element, das die
übrigen am schwächsten beeinflußt und gleichzeitig auch von
ihnen am schwächsten beeinflußt wird, ist das Bodenrecht mit einer
P-Zahl von 513, gefolgt von den Grünflächen (820).
Bild
102:
Papiercomputer
für Soria
Das Ergebnis zeigt, daß die Bildung des Bewußtseins
und die Formulierung von Wünschen an die Zukunft an erster Stelle meines
Aktionsplans stehen. Alejandro Cordoba Largo ist auch davon überzeugt,
daß die Überwindung der Resignation der Anfang der Zukunft ist.
Immaterielle Grundstrukturen schaffen dann die Vorraussetzungen, daß
es wieder mehr Arbeitsplätze gibt und daß Leute wieder in Häusern
in Soria leben.
Ich könnte mir folgende Aktionsstufen vorstellen:
1)
Information an alle Ex-Sorianer und andere über die "Casa de Soria"
in den verschiedenen Städten Spaniens.
2)
Veranstaltung eines Seminars mit Zukunftswerkstätte in einem ausgesuchten Dorf in Soria.
3)
Aufbau einer Geld- und Beratungsstelle in einem ausgesuchten Dorf in Soria.
Herausgabe einer Zeitung, um Arbeitssuchende mit Arbeit zusammenzubringen.
4)
Unterbringung der Aktivitäten in bestehenden Gebäuden, in zu renovierenden
Gebäuden und in neuen Bauten (Selbstbautechnologien)
5)
Aufbau eines Vereines zur Förderung des Genossenschaftswesens.
6)
Aktionen und Kultur zur Verbreitung der Ideen.
7)
Ständige Kontakte mit den Medien.
8)
Über alle Phasen erstrecken sich die Kontakte zu den Behörden, die
einbeschlossen werden, die sich um die Verwirklichung wichtiger Rahmenbedingungen
wie des Steuersystems kümmern sollen. Priorität haben allerdings
die ständigen Kontakte mit den "normalen" Leuten.
9)
Ständige Betreuung der schon entstandenen Projekte.
Als Abschluß möchte ich ein hoffnungbringendes
chilenisches Lied bringen:
Todo
cambia
Cambia
lo superficial
cambia
también lo profundo
cambia
el modo de pensar
cambia
todo en este mundo.
Cambia
el clima con los años,
cambia
el pastor su rebaño
y
así como todo cambia
que
yo cambie no es extraño.
Cambia
el más fino brillante
de
mano en mano su brillo,
cambia
el nido, el pajarillo,
cambia
el sentir un amante,
cambia
rumbo el caminante
aunque
esto le cause daño,
y
así como todo cambia
que
yo cambie no es extraño.
Cambia
todo cambia, ...(4x)
Cambia
el sol en su carrera
cuando
la noche subsiste,
cambia
la planta y se viste
de
verde la primavera.
Cambia
el pelaje la fiera,
cambia
el cabello el anciano
y así como todo cambia
que
yo cambie no es extraño.
Pero
no cambia mi amor
por
más lejo que me encuentre
ni
el recuerdo, ni el dolor
de
mi pueblo, de mi gente.
Y
lo que cambió ayer
tendrá
que cambiar mañana
así
como cambio yo
en
esta tierra tán lejana.
Pero
no cambia mi amor...
Cambia,
todo cambia, ...
Alles
ändert sich
Alles
ändert sich,
es
ändert sich das Oberflächliche,
es
ändert sich auch das Tiefe,
es
ändert sich die Art zu denken,
es
ändert sich alles in dieser Welt.
Es
ändert sich das Klima mit den Jahren,
es
wechselt der Schäfer seine Herde
und
so wie alles sich ändert
ist
es nicht außergewöhnlich, daß ich mich ändere.
Es
ändert der feinste Edelstein
von
Hand zu Hand seine Schein,
es
ändert das Nest, der Sperling,
es
ändert sich das Gefühl eines Liebenden,
es
ändert den Weg der Wanderer,
obwohl
es ihm schadet,
und
so wie alles sich ändert
ist
es nicht außergewöhnlich, daß ich mich ändere.
Alles
ändert sich...
Es
ändert die Sonne ihren Lauf
wenn
die Nacht erscheint,
es
ändert sich die Pflanze und man sieht
das
Grün des Frühlings.
Es
ändert den Pelz das Tier,
es
ändert die Haare der Greis
und
so wie alles sich ändert
ist
es nicht außergewöhnlich, daß ich mich ändere.
Aber
es ändert sich nicht meine Liebe,
so
weit ich auch weg bin,
weder
die Erinnererung, noch den den Schmerz
meines
Volkes, meiner Leute.
Und
was sich gestern änderte
wird
sich morgen ändern müssen,
so
wie ich mich ändere
in
dieser so weit entfernten Erde.
Aber
es ändert sich nicht meine Liebe...
Alles
ändert sich...
Bild
103:
Wir
sind am Weg...
historischer
Weg von Vinuesa nach Salduero
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alle), Staudingergasse 11, 1200 Wien.
Fotonachweis:
Alle
Fotos habe ich selbst gemacht, außer folgendem:
Bild 67 (ROTAS GALAX) in: Helmut Waldert:
Gründungen, Wien 1992
Ernst
HiesMayr: Das Karge als Inspiration, Wien 1991
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1983-1984, Colegio Universitario de Soria
Auskunft von: Junta de Castilla y León,
Delegación terratorial,
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Maria Consuelo Delgado Martinez, Apuntes sobre la vida rural de la villa
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Soria
Erhard Rohmer, Centro Navapalos, Asociaciación de Amigos de la Arquitectura
Autoctona y Tradiciones Populares, Rio Rosas, 30 4° dcha, 28003 Madrid, Tel 91/44 28
542
Entrevista a Victorino, in: "Soria
Libre", Zeitung der "Union Castellanista", Juni 1990
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de Calatañazor, 42194 Soria, Tel. (9)75 / 340709
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Helmut
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Frederic
Vester: Vernetze Systeme. In: Margrit Kennedy(Hrsg.): Öko-Stadt, Prinzipien
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Maxeiner, Dr.Gunther Aschhoff, Dr.Herbert Wendt: Raiffeisen- Der Mann, die
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Kennedy,
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siehe auch: Creutz Helmut: Das Geldsyndrom.-Wege
zu einer krisenfreien Marktwirtschaft, München 1993
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[3] Auskunft von: Junta de Castilla y León, Delegación terratorial, Soria; Servicio de Agricoltura y Ganadería
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[5] Erhard Rohmer, Centro Navapalos, Asociaciación de Amigos de la Arquitectura Autoctona y Tradiciones Populares, Rio Rosas, 30 4° dcha, 28003 Madrid, Tel 91/44 28 542
[6] Entrevista a Victorino, in: "Soria Libre", Zeitung der "Union Castellanista", Juni 1990
[7] Cooperativa "del Rio", Abioncillo de Calatañazor, 42194 Soria, Tel. (9)75 / 340709
[8] Auszüge aus dem Beitrag vom 3.11.1990. In: Helma Hammader, Hans Günther Schwarz, Eigenständige Regionalentwicklung, GRAT, Wien 1990
[9] Alejandro Cordoba Largo: La despoblación en Soria- sus causas y efectos, Almazan 1983. S.186
[10] .F.Schumacher: Vorwort zu Leopold Kohr: The breakdown of Great Britain. In: ORF: Die kranken Riesen- Franz Kreuzer im Gespräch mit Leopold Kohr, Egon Matzner und Erhard Busek, Wien 1981. S.107.
[11] A.Cordoba Largo, S.186
[12] Helmut Waldert: Gründungen- starke Projekte in schwachen Regionen, Falter Verlag Wien 1992. S.85
[13] Frederic Vester: Vernetze Systeme. In: Margrit Kennedy(Hrsg.): Öko-Stadt, Prinzipien einer Stadtökologie, Frankfurt am Main 1984. S.9
[14] Frederic Vester: Ballungsgebiete in der Krise, München 1991. S.36.
[15] Frederic Vester: Ballungsgebiete in der Krise, München 1991. S.59.
[16] Frederic Vester: Ballungsgebiete in der Krise, München 1991. S.32.
[17] Frederic Vester: Vernetzte Systeme. S.13
[18] Frederic Vester: Ballungsgebiete in der Krise, München 1991. S.142.
[19] Frederic Vester: Ballungsgebiete in der Krise, München 1991. S.146.
[20] Rudolf Maxeiner, Dr.Gunther Aschhoff, Dr.Herbert Wendt: Raiffeisen- Der Mann, die Idee, das Werk, Wiesbaden 1988.
[21] Sendung im ORF Journal über Leopold Kohr am 28.2.1994.
[22] In: Infocoop 8/9, Dez.1993, S.6; Infocoop 2/3, Juni 1993, S.1. Zeitung des "Bund der Genossenschaften Südtirols".
[23] In: Infocoop 1, Feb.1993, S.6 und 7.
[24] Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation- ein Tauschmittel, das jedem dient. (Mit einem Beitrag und Grafiken von Helmut Creuz).München 1991.
[25] Kennedy, S.20
[26] Kennedy, S.87
[27] F.Preisigke: Girowesen im griechischen Ägypten, Straßburg 1910; zitiert in Hugo T.C.Godschalk: Die geldlose Wirtschaft- vom Tempeltausch bis zum Barter-Club. Basis-Verlag, Berlin 1986, S.17. (zitiert in: Kennedy, S.151)
[28] Kennedy, S.151
[29] Kennedy, S.139
[30] Kennedy, S.43
[31] Udo Reifner and Janet Ford. General Introduction. In: Udo Reifner and Janet Ford (Hrsg.). Banking for people, Berlin/New York 1992
[32]
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[33] Kennedy, S.201
[34] siehe auch: Creutz Helmut: Das Geldsyndrom.-Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft, München 1993
[35] siehe auch: Creutz Helmut: Das Geldsyndrom.-Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft, München 1993
[36] Kennedy, S.207
[37] Antonio Matias Ortiz de Zarazate, Elena Galdos Loyola: The Mondragon Bank and the Cooperative Movement in Euskadia. In: Udo Reifner and Janet Ford (Hrsg.). Banking for people, Berlin/New York 1992.
[38] dotado = talentiert, begabt
[39] Otto Kreye: Wirtschaftspolitik in der Krise, Journal Panorama ORF, 18.1.1994. Moderation: Helmut Waldert
[40] Helmut Waldert: Perspektiven europäischer Regionen. Nova, ORF 14.12.1993
[41] Helena Norberg-Hodge: Leben in Ladakh, San Francisco 1991. Dt.Ausgabe Freiburg 1993.
[42] Martin Weishäupl, Peter Drössler: Die programmierte Pleite- Wirtschaft braucht mehr Umweltschutz. In: Global News, Nr.2/93, Zeitschrift von Global 2000.
[43] Lothar Lockl: EG-Einbahn für den Umweltschutz? In: Global News, Nr.2/93.
[44] Christian Leipert, Rolf Steppacher: Die Perspektive- W.Kapps Beitrag zu einer ökonomischen Theorie der Zukunft. In: K.William Kapp: Für eine ökosoziale Ökonomie, Frankfurt am Main 1987. S.10-15.
[45] K.William Kapp: Für eine ökosoziale Ökonomie, Frankfurt am Main 1987. S.38.
[46] Christian Höller: Wie verkehrt (ist) die EU?. In: VCÖ-Zeitung, Nr.3/4 1994, Verkehrsclub Österreich
[47] Artikel in: VCÖ-Zeitung, Nr.3/4 1994.
[48] Hermann Knoflacher: Rechnung für den lokalen Markt. In: Vorlesung "Siedlungsstruktur und Verkehr", Technische Universität Wien, Winter 1993/94.
[49] Hermann Knoflacher: Zur Harmonie von Stadt und Verkehr- Freiheit vom Zwang zum Autofahren, Wien 1993. S.23.
[50] Hermann Knoflacher: Zur Harmonie..., S.31-34.
[51] Stuart Pigott: Vorgeschichte Europas., Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes, Band 1. S.91.
[52] Rudolf H.Strahm: Warum sie so arm sind - Arbeitsbuch zur Entwicklung der Unterentwicklung in der Dritten Welt mit Schaubildern und Kommentaren, Wuppertal 1985. S. 58 und 78.
[53] Goscinny, Uderzo: Asterix in Spanien, Band 14, Paris 1969. Deutsche Ausgabe, S. 39.
[54] Andrea Caspari: Den Niedergang aufhalten in ländlichen Gebieten. In: LEDA-magazin, S.6. "LEDA ist ein Programm der Generaldirektion V 'Beschäftigung, Soziale Angelegenheit und Bildung' und wird von John Morley, Leiter der Abteilung Beschäftigungspolitik und Arbeitsmarkt V/B/1 in Zusammenarbeit mit seinen Kollegen Gerda Löwen, Makis Potamianos und Miguel Vincente Nuñez geleitet."
[55] Yoshito Otani: Ausweg, Band 3, "Die Bodenfrage und ihre Lösung", Hamburg 1981. S.18-20. Zitiert in: Kennedy, S.54.
[56] Kennedy, S.55.
[57] Kennedy, S.57
[58] Stuart Pigott: Vorgeschichte Europas., Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes, Band 1. S.97.
[59] Stuart Pigott: Vorgeschichte Europas., Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes, Band 1. S.266.
[60] Inmaculada Jiménez Arques, Olga Anabitarte Urrutia, Carmen Padilla Montoya: Arquitectura popular de Soria.
[61] Carlos Flores, Arquitectura Popular Española, Madrid 1973. (Band 3).
[62] M.a Rosario Miralbés, Contribución al Estudio Geoeconomico de Soria, Zaragoza 1967.
[63] Herrero Ayllón, Antón Pacheco: La casa pinariega, Studie (1933). Veröffentlich in 'Celtiberia', Nr.5, 1953, S.101 bis 119.
[64] Juan de Villanueva: Arte de Albañileria.
[65] Alfons Dworsky: Regionales Bauen - regionalistische Architektur. In: Herbert Dachs(Hrsg.): Das gefährdete Dorf, Salzburg/ Wien 1992.S.184-193.
[66] Biogasanlage System Weymelka
[67] Gerlind Weber: Keine Ortsplanung ohne Bodenpolitik! - Das Beispiel Berndorf sollte Schule machen. In: Herbert Dachs(Hrsg.): Das gefährdete Dorf, Salzburg/ Wien 1992. S.131
[68] Gerlind Weber, S.133
[69] Prof. Hermann Knoflacher: Vorlesung Grundlagen der Verkehrsplanung, 1993/94. Technische Universität Wien.
[70] Manuela Gappmayer: Peripher und dezentral- Vier Telehäuser versuchen die Telekommunikation in strukturschwachen Landgebieten nutzbar zu machen. In: VCÖ-Zeitung, Nr.10, Dez. 1993.
[71] Ulrich Conrads: Umwelt Stadt- Argumente und Lehrbeispiele für eine humane Architektur, München 1973. S.135.
[72] Brunhilde Scheuringer: Das Dorf im Spannungsfeld sozialen Wandels. In: Herbert Dachs(Hrsg.): Das gefährdete Dorf, Salzburg/ Wien 1992.S.20-36.
[73] Brunhilde Scheuringer: Das Dorf im Spannungsfeld sozialen Wandels. S.33.
[74] Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1956. Band 1, S.293-294.
[75] Winfried Herbst: Die verlorene Kunst des Wachsenlassens- Über das verhältnis der Dorferneuerung zur Ökologie. In: Herbert Dachs(Hrsg.): Das gefährdete Dorf, Salzburg/ Wien 1992.S.141-150.
[76] Robert Jungk, Norbert R. Müllert: Zukunftswerkstätten- Wege zur Wiederbelebung der Demokratie, Hamburg 1981. S.22.
[77] Leopold Kohr, 1981. In: ORF: Die kranken Riesen- Franz Kreuzer im Gespräch mit Leopold Kohr, Egon Matzner und Erhard Busek, Wien 1981. S.20-25.
[78] Leopold Kohr, 1981. S.30.
[79] Karlo Hujber: Dorferneuerung als Prozeß auf der Grundlage der Bildungs- und Kulturarbeit. In: Herbert Dachs(Hrsg.): Das gefährdete Dorf, Salzburg/ Wien 1992.S.160-168.
[80] Myles Dillon, Nora K.Chadwick: Die Kelten. Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes, Band 17. S.170.