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Musik [Druckversion
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Übersicht]
von Bernhard Oberrauch, Elfriede Graf, und Auszügen von Gerhard
Wolters
Konzept
kreative Musikschule
Musik
ist Kommunikation, Musik ist eine Welt-Sprache, die von allen
verstanden wird. Diese weit verbreiteten) Definitionen von Musik
versuchen wir ernst zu nehmen. So wie Sprache Ausdruck der eigenen
Persönlichkeit ist, soll auch die Sprache der Musik dem Ausdruck
der eigenen Persönlichkeit dienen. So wie wir sprechen lernen,
bevor wir lesen und schreiben lernen, soll auch das Musizieren ohne
Noten vor dem Musizieren mit Noten oder dem Komponieren kommen. So wie
das Sprechen vor allem durch Nachahmung vom Kleinkind gelernt wird,
wollen wir uns auch beim Erlernen der Musikinstrumente nach Maria
Montessori orientieren: „Hilf mir, es selbst zu tun“.
Jede Art Musik, die wirklich empfunden wird, ist wertvoll. Jeder
Mensch, der selbstinitiiert singt und musiziert, ist Schöpfer von
Kultur. Eigenständiges Lernen und Arbeiten hat oberste
Priorität.
„Die Chancen eines späteren Weitermusizierens
nach der Schulausbildung ist durch den dialogischen Musikunterricht um
ein mehrfaches höher als nach einem lehrerzentrierten Unterricht“,
so Dominique Starck.
Die Musikschule ist für Menschen aller Altersgruppen offen,
für Kinder wie Erwachsene. Jene Eltern, welche nicht auch die
Musikschule besuchen, werden zumindest durch das Dabei-Sein und durch
Elterngespräche an der musikalischen Entwicklung der Kinder
beteiligt.
Eine Multi-Dimensionale Musikschule verwirklicht viele Dimensionen und
öffnet damit ungeahnte und zahlreiche Möglichkeiten, wie sie
an den Verbindungslinien der Grafik erkennbar sind.
*) Wir lehnen uns dazu an die Erfahrungen von Gerhard Wolters an (die Beschreibungen
der Dimensionen 1-7
stammen teilweise wörtlich aus deren Internet-Seiten), wobei wir
gerne die Erfahrungen anderer im kreativen Sinne „kopieren“: wir
erfinden das Rad nicht neu, sondern schauen uns die Erfahrungen anderer
an und entwickeln diese dann auf die eigene Art weiter.
Dimension 1: Lernen mit - mindestens - zwei
UnterrichtsPartnern
Die in dieser Dimension geforderten zwei Unterrichts-Partner ergeben
sich bereits dann, wenn der Einzelunterricht im partnerschaftlichen
Dialog erteilt wird. Deutlich mehr Möglichkeiten entstehen
natürlich bei der Vernetzung einer größeren Anzahl von
Schülern und Lehrern. Erlebt (und gelebt) werden kann diese
Dimension allerdings nur in einem Unterricht, in dem mit einer
partnerschaftlichen Grundeinstellung die Musik selbst zum
Kommunikationsmedium und so der Unterricht zum erfolgreichen
"Miteinander" wird.
Dimension 2: Lernen in mehreren Räumen
"Ach ja, das ist das Konzept mit den vielen Räumen", meinte ein
Musikschulleiter, "das ist bei uns nicht machbar!" Äußerst
kurzsichtig...
Bei einer intensiveren Beschäftigung mit den
pädagogischen Möglichkeiten, die die parallele Nutzung von
zwei oder mehr Räumen bieten, würde er sicherlich auch mehr
Interesse zeigen für die vielen organisatorischen Vorschläge,
die das Konzept für zusätzliche Räume bietet.
Viel Zeit vergeht im Unterricht damit, dass ein Schüler sich
einspielt, bekannte Literatur vertieft oder sich mit neuen Werken ein
erstes Mal auseinandersetzt. Immer mehr Kollegen lassen nicht nur
Unterrichtszeiten "überlappen", sondern erteilen die gesamte
(doppelte) Zeit Simultanunterricht. Das heißt: statt jeweils
einzeln 45 Minuten zu lernen, ist jeder Schüler 90 Minuten in
seinem jeweiligen Raum anwesend (bzw. jede Schülergruppe). Viele
Kollegen, die diesen Unterricht einmal ausprobiert haben, waren von der
positiven Reaktion ihrer Schüler überrascht. Sie konnten
direkt überprüfen, ob das bislang im Unterricht praktizierte
"exemplarische Üben" vom Schüler auch wirklich effektiv
angewendet werden konnte.
Bei Schülergruppen mit bis zu 10-jährigen Schülern
empfiehlt sich die Hinzunahme eines erwachsenen oder eines deutlich
fortgeschrittenen Schülers (siehe 4. und 7. Idee und spätere
Dimensionen).
Dimension 3: Lernen in flexiblen Zeiten
Haben Sie Schüler, die nur Dienstags und nur zwischen drei und
vier Uhr zu Ihnen kommen können? Wenn diese Schüler nicht
gerade eine Ganztagsschule besuchen, sondern nur andere Termine haben,
dann ist solchen Schülern alles andere schlicht und einfach
wichtiger als die Musikschule (bzw. Ihr Unterricht)! Sie werden sich
vielleicht fragen: "Wie soll ich meinen Unterricht denn noch
attraktiver gestalten?" Versuchen Sie es einmal nicht mit Inhalten,
sondern mit der Form! Und zwar mit einer längeren Unterrichtzeit,
in der alle Schüler in der gesamten Unterrichtszeit anwesend sind.
Je nach Unterrichtsinhalt und Lernbereitschaft wird eine
längere oder auch kürzere Unterrichtszeit benötigt.
Durch die natürlich schwankende Motivation kann ein Schüler
heute viel Neues lernen oder morgen etwas wiederholen wollen; manchmal
hat er aber auch einfach wenig Lust! Deshalb sollte sich auch die
Unterrichtszeit diesem Umstand anpassen können.
Die im Buch ausführlich vorgestellten
Organisationsvorschläge reichen von einfachen Erweiterungen einer
traditionellen Satzung über ein flexibleres "Zeitscheibenmodell"
bis hin zu einem Einheitsentgelt, das jeder Lehrer für sich und
(einen Teil seines) Unterrichts individuell einsetzen kann.
Nach einer ersten Information und einer anschließenden
Probephase zeigten sich fast alle Eltern von einer Flexiblisierung der
Unterrichtszeit und des damit verbundenen Entgeltes überzeugt; und
zwar umso leichter, je flexibler der Unterricht gestaltet und je mehr
Schüler daran beteiligt waren.
Dimension 4: Lernen mit mehreren Lehrkräften
Haben Sie bei diesem Gedanken Bauchschmerzen oder eher ein "Kribbeln im
Bauch?" Bei Bauchschmerzen sollten Sie diese Dimension getrost abhaken
(zu viele "Nebenwirkungen"...). Sollten Sie jedoch dies berühmte
"Kribbeln" spüren, dann kann die (phasenweise) Zusammenarbeit mit
dem ein oder anderen Kollegen für Sie sehr interessant werden.
Überlegen Sie zunächst, bei wem die "Chemie" stimmt und
wer grundsätzliche Ansichten über den Unterricht mit Ihnen
teilt. Und klären Sie vorher ab, wie Sie zusammenarbeiten wollen:
gleichberechtigt (ist zunächst nicht so leicht) oder nach dem
Prinzip "führen und folgen". Das muss kein Kompetenzverlust sein,
man (frau) kann ja mal wechseln.
Bei dieser Dimension ist die Liste der möglichen Vorteile
besonders lang. Denn der Unterricht mit zwei (oder mehreren)
Lehrkräften macht variabler in der Unterrichtserteilung, da
individueller auf die Bedürfnisse der Schüler eingegangen
werden kann. Die geplanten Übe- und Unterrichtsphasen werden
flexibler aufeinander abgestimmt. Konsequent angewendet kann dies zu
einer sich selbst weiterentwickelnden und optimierenden Methodik und
Didaktik im Unterricht einer ganzen Musikschule führen. Und da
kein Lehrer Spezialist in allen musikalischen und pädagogischen
Dingen ist, bringt jeder seine eigenen musikalischen Stärken ein
und kann mögliche Unterrichtsdefizite erkennen und beheben. So
wird das Unterrichtsrepertoire erweitert und dadurch die musikalischen
Ergebnisse der Schüler (in der Breite und in der Spitze)
verbessert.
Dimension 5: Lernen mit UnterrichtsPartnern verschiedenen
Alters
Wenn Sie eigene Kinder haben, haben Sie sicherlich schon oft
beobachtet, wie natürlich das Lernen unter den Geschwistern
stattfindet: Der Jüngere lernt von der Erfahrung und dem
Können des Älteren. Dieser wiederum holt mit dem
Jüngeren gemeinsam Inhalte nach, zu denen er früher keine
Gelegenheit oder keine Beziehung hatte. Wie kann diese Erfahrung im
Instrumentalunterricht genutzt werden?
Meist werden Gruppen geteilt, weil die Schüler mit
verschiedenem Alter im Lerntempo große Unterschiede aufweisen.
Kein Elternteil würde ja auch auf die Idee kommen, seine drei
Kinder mit zwei, vier und sechs Jahren das Gleiche lernen zu lassen.
Sind also altersgemischte Gruppen nur dann möglich, wenn das
Niveau unterschiedlich ist? Im Normalfall ja, aber nicht zwingend. Denn
der musikalische Fortschritt vollzieht sich nicht immer parallel zur
allgemeinen Entwicklung.
So gab es auch schon sechs Schüler, die in zwei
altersgemischte Dreiergruppen aufgeteilt wurden. In einer der beiden
lernte eine hochbegabte 8-jährige mit einer recht guten
11-jährigen und einer durchschnittlichen 14-jährigen
Schülerin - ohne Probleme.
Ist das Niveau allerdings unterschiedlich, erfährt,
beobachtet und lernt der jüngere Instrumentalschüler die
Dinge, die er später selbst einmal können wird. Ist er von
Anfang an daran gewöhnt, bei älteren Schülern
zuzuhören, empfindet er dies selten als langweilig, weil er seine
eigenen Ziele im Spiel der Älteren sehen (und hören) kann. Er
lernt latent vor.
Dimension 6: Lernen mit UnterrichtsPartnern verschiedenen Niveaus
Unterschiedliches Niveau hat nicht zwangsläufig etwas mit
unterschiedlichem Alter zu tun - aber meistens. Denn gleiches Alter ist
nicht immer ein Garant für gleiches Niveau. Daher geht im
sogenannten "Gruppenunterricht" viel Kraft mit dem Bemühen
verloren, gute Schüler zu bremsen und Langsamere (meist
vergeblich) zu motivieren.
Besonders gute Erfahrungen liegen mit dem gemeinsamen Unterricht
von Schüler(gruppen) vor, die einen deutlichen Niveauunterschied
aufweisen. Denn diese natürliche Spannung kann man nutzen!
Konkret: Der Fortgeschrittene hat die Möglichkeit zur
Wiederholung und zur Vertiefung, er wird häufiger vom Blatt
spielen und dürfte den Ehrgeiz entwickeln, sich nicht "einholen"
zu lassen. Wenn er Anfängern hilft, lernt er durch diese Hilfe
selbst und hat dadurch möglicherweise mehr Zeit mit dem Lehrer
(der dann weniger für den Anfänger braucht). Der
Anfänger wiederum lernt durch das Zuhören und hat ein
Nahziel: "Das möchte ich bald auch können!". Bei
unvermeidlichen Fehlern der "Großen" spürt er: "Die kochen
auch nur mit Wasser!" Das tut gut! Nicht zuletzt profitiert er von der
Hilfe des Fortgeschrittenen.
Aber auch in gemeinsamer Zeit können viele
Unterrichtsinhalte gut mit Schülern unterschiedlichen Niveaus
realisiert werden: z.B. Folklore, Musik und Bewegung, Improvisation,
Komposition, Formenlehre u.a..
Der musikalische Fortschritt, der in der Praxis bei begabten,
jungen Schülern zu beobachten war, die gemeinsam mit
Fortgeschrittenen unterrichtet wurden, war so groß, dass wir
diese Unterrichtsform für diese Schülergruppe fast
uneingeschränkt empfehlen können.
Dimension 7: Lernen verschiedener Instrumente
Die
Schüler können (z.B. bei zwei Lehrkräften) vier,
fünf oder sechs Instrumente kennenlernen; denn: Jeder spielt
mindestens zwei Instrumente (Haupt- und Nebenfach). Die Schüler
werden so viel bewusster ihre persönliche Instrumentenwahl treffen
und dabei noch eine ganze Menge lernen.
Bei Instrumenten mit verschiedener Grundstimmung sind die
notwendigen Transpositionen für Schüler (und Lehrer!)
lohnende und spannende Unterrichtsinhalte. Oder auch: sowohl
Gitarristen als auch Streicher spielen lieber in Kreuztonarten. Mit ein
wenig Mut und Kreativität eröffnen sich interessante
Möglichkeiten!
Dimension 8: Lernen aus unterschiedlichen Inspirations-Quellen
Am
Anfang lernen die Musikanten ohne Noten...durch genaues hinhören
und nachahmen gelingt es Musikanten bereits zu Beginn ohne Noten
einfache Melodien nach zu spielen. Gleich danach können sie (eine
leichte) Musik von CDs nachspielen. Damit können sie auch gleich
auf eine einfache Art improvisieren. Erst als zweiter Schritt erfolgt
das Lernen von Noten, und zwar sowohl das Lesen wie auch das Schreiben.
„Lesen durch Schreiben“ gilt auch für die Musik-Schrift. Mit der
Kenntnis der Noten wird auch jene Kultur der Vergangenheit erschlossen,
welche z.B. als „barocke“ und „klassische“ Musik bekannt ist. Wir
kennen auch Musik vor dieser Zeit, welche durch mündliche
Überlieferung erhalten blieb (z.B. Volksmusik diverser Kulturen),
und Musik nach dieser Zeit, welche durch diverse Tonträger wie
Kassetten, CDs, mp3-Files usw. verbreitet wird. Jedes Medium, Musik
weiterzugeben, hat seine Besonderheiten und seinen Wert, welche nicht
in Konkurrenz zum anderen Medium treten können.
Hilfsmittel für das Erlernen von Noten sind Materialien, die von
Maria Montessori entwickelt wurden, und Materialien, die nach diesem
System weiterentwickelt wurden. Damit wird auch ein sehr konkreteres
Vermitteln von Musik- und Harmonielehre möglich.
Dimension 9: unterschiedlich produktiv arbeiten
Das
Erlernen von Musik und von Musikinstrumenten geht mit der Produktion
von Musik mit einher. Das Vortragen von Musik, alte Musik nachspielen
und neue Musik machen, Gehörbildung genießen, im Tonstudio
Musik aufnehmen, komponieren, dichten, vertonen, sich zur Musik bewegen
und Tanzen, das alles sind wichtige Elemente in der „kreativen
Musikschule“.
ZIELBEREICHE
Neben den allgemeinen Lernzielen, welche hier nicht
angeführt werden müssen, bilden die nachstehenden ein ganzes
Netz von Querverbindungen innerhalb des Musikunterrichts.
Motorische Ziele: die Körpersprache in der Musik, Bodypercussion,
Tanz, Bewegungserziehung, Rhythmik, Umgang mit Materialien und
Gegenständen, Koordination, Kreativität und Phantasie
fördern
Emotionale Ziele: Zuwendung zur Musik verstärken, Musik wahrnehmen
und empfinden, ausdrucksvolles Spielen/Singen und Tanzen, sich mit
Musik identifizieren, Entfaltung von Hörfähigkeiten zum Zweck
bewussten Musikhörens, Erfahren der eigenen Stimme/des
Instrumentes, auswendig spielen
kognitive Ziele: durch direkte Erfahrung abstrahiertes Wissen und
Verstehen – Anwendung - Analyse
Soziale Ziele: Kooperation, Ensemblespiel, Gruppenunterricht,
Chorgesang, Förderung des Gruppenverhaltens durch gemeinsames
Musizieren von Anfang an, Ausbildungsangebot für alle
Interessierten
Persönlichkeitsformende Ziele: dauerhafte Motivation („einmal
Angefangenes fortführen“), individuelle Förderung und
Erziehung zur Selbständigkeit,
Konzentrationsfähigkeit/Ausdauer und kreatives Verhalten
fördern, Anlagenpotential ausschöpfen, Elternabende und
Vorspielstunden
Der gesellschaftlich Auftrag des Musikunterrichts ist Vorbereitung und
Befähigung zur Teilnahme am Musikleben und zur Veränderung
der musikalischen Wirklichkeit.
Mit anderen Worten: Zielsetzung des Musikunterrichts ist die bewusste
Teilhabe des Menschen an der Musikkultur.
Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum
(Nietsche)
Weitere
Projekte, an denen wir uns orientieren:
Musikschule "Papagena" in der Steiermark (A)
Musikschule von Kamilla Davai Nagy, Budapest (H).
